Der ambivalente Mensch oder : Ist eine bessere Welt möglich?

Vor kurzem führte ich ein hochinteressantes Gespräch mit einem sehr lieben Freund.
Nun ist er der intellektuell-analytisch vorgehende Denker mit sehr hohem Wissensniveau und ich bin ja doch eher der „Bauch-Mensch“, der  noch immer mühevoll dabei ist, es sich abzutrainieren, auf den ersten emotionalen Impuls zu reagieren. Das macht, auch weil die empathische Ebene stimmt, diese Diskussionen auch so spannend für mich 😉

In weiten Teilen des Gespräches ging es um die „Anlagen“, die dem Menschen innewohnen. Ich vertrete nun die Ansicht, dass bis auf Überreste der natürlichen Aggression (Selbst/Arterhaltungstrieb) der Mensch dem Grunde nach „gut“ ist. Dass dies natürlich eine Ambivalenz bedeutet, ist klar.
Ich sehe dennoch gute Chancen für den Menschen der Zukunft, diese Zwiespältigkeit in den Griff zu bekommen, wenn er denn begreift, dass er ein Teil des Ganzen ist und alles Ego-Denken auf Unwissenheit/Verblendung zurückzuführen ist. Eine bessere Welt ist also durchaus möglich.
Hierzu zitiere ich Wolgang Poier aus einem Artikel in Buddhismus heute

Aufgrund dieser Unwissenheit missverstehen wir im Allgemeinen die Natur des Geistes: Anstatt das Leben als großartig und frei gestaltbar zu erleben, mit maximaler Energie für andere Gutes zu tun und Sinnvolles in die Welt zu bringen, „dümpeln“ die Lebewesen vielfach leidend und Leiden schaffend in ihrer selbst verursachten Realität, ihren negativen Gefühlen, Konzepten und Handlungsmustern herum. Anstatt die raumgleiche Bewusstheit, zeitlos, leuchtend und klar, zu genießen, wird sie als ein kleines, isoliertes Ich erlebt. Anstatt sich der Klarheit des Geistes, die alle Erscheinungen der Welt spontan und kreativ hervorbringt, zu erfreuen, wird sie als eine vom Ich getrennte äußere Welt der Erscheinungen erfahren. Alles, was so wahrgenommen wird, setzt das jeweilige Ich der Lebewesen zu sich in Bezug und stuft es als angenehm, unangenehm oder neutral ein. An diese Tendenzen knüpfen sich konkretere Formen von leidverursachenden Emotionen: Desinteresse und Dumpfheit, Anhaftung und Gier, Abneigung, Zorn und Hass. Die Handlungen der Lebewesen sind dann von diesen Emotionen und Konzepten geprägt und gegebenenfalls negativ, das heißt die Lebewesen schaden einander – und zudem sich selbst, weil sich diese negativen Eindrücke karmisch speichern und die zukünftige Lebensrealität mitbedingen…

Nun kann man die buddhistische Lehre (Religion) ja bejahen oder in Zweifel ziehen.

Das obliegt jedem selbst. Für mich klingt sie schlicht logisch und ich habe auch einige „Feldversuche“ gestartet, welche mir diese Logik immer wieder bewiesen. Mein „Bauchgefühl“, welches spontan sagte, dass es die richtige Erkenntniss ist, wurde also durch die Ergebnisse rationalen Vorgehens unterstützt.
Warum sollte dann eine „bessere Welt“ nicht möglich sein?

Übrigens, welche katastrophalen Auswirkungen dazu ein übersteigertes Ich nach sich ziehen kann, hat die Geschichte bewiesen. Die destruktivsten Kräfte in der Geschichte der Menschheit wurden wohl durch Größenwahn ausgelöst. Ob dieser nun wirklich krankhaft war oder „nur“ extreme Verblendung/Unwissenheit, vermag ich nicht zu sagen. Aber die Chance, dass mit einem (uralten) neuen Verständnis für Schein und Sein, Ich und Wir, sich die Geschichte nicht immer und immer wieder wiederholen wird, ist einen Versuch wert.

Dennoch wollte ich wissen, ob diese Ansicht nun nur durch den Buddhismus vertreten wird oder ob die Loslösung vom Ich als vermeintlich unabhängige Daseinsform auch in anderen Lehren, Religionen oder Philosophien als Lösungsweg aufgezeigt wird.
Und so stieß ich auf den indischen Philosophen, Theosophen und spirituellen Lehrer Jiddu_Krishnamurti

Nachzulesen ist u.A. seine Einsicht zum Ich im obigen link, Zitat

Ein zentraler Punkt in der Lehre Krishnamurtis ist die Frage nach dem Ich.

Während die Aufgabe der Psychologie bei Freud darin liegt, unbewusste Ich-Anteile in das Ich zu integrieren, um auf diese Weise (bereits aufgetretene) Konflikte aufzulösen, erkennt Krishnamurti bereits in der Annahme der Existenz eines Ichs das eigentliche Problem: Nicht eine Ich-Stabilisierung wird bei Krishnamurti angestrebt, sondern dessen Auflösung. Das Ich, Selbst oder auch Ego (Krishnamurti unterscheidet hier nicht) ist für Krishnamurti hingegen die Ursache aller Konflikte. Das Ich, erklärt er, ist ein Produkt, eine bloße Struktur des Denkens: „In sich selbst hat es keine Realität.“ (Krishnamurti 1984, S. 22).

Nun, offensichtlich ist es also keine rein buddhistische Überzeugung 😉
Zu Krishnamurti möchte ich Euch das nachstehende, kurze Video Revolution des Bewusstseins nicht vorenthalten.
„Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.“
– Krishnamurti –

Advertisements

2 Kommentare zu “Der ambivalente Mensch oder : Ist eine bessere Welt möglich?

  1. liebe Ellen,
    selbstverständlich ist eine „bessere“ Welt möglich, aber um einmal von den höchstpersönlichen Wertschätzungen „gut“ und „besser“ wegzukommen, wäre es sicher hilfreich sich die Natur des Menschen zu vergegenwärtigen.
    In nahezu allen Bereichen ist „der Mensch“ bipolar, d.h. er kennt sowohl Egoismus als auch Altruismus, Friedfertigkeit und Agressivität, Liebe und Hass, etc., letztlich auch „sichtbar“ im Yin und Yang der chinesischen Philosophie.
    Es wäre allerdings falsch die jeweiligen beiden Pole in Gegensatz zu stellen, es sind Ausprägungen eines (1) Gefühls, Triebes, Instinktes das/der idealerweise sich im Gleichgewicht befindet – auf einer Skala von 1 – 10 wäre das 5, sofern keine Störung auftritt.
    Das dieses ein „kosmisches“ Prinzip, tief verankert in der Natur, zu sein scheint wird m.E. an folgenden Beispielen deutlich.
    a) normalerweise versorgt unser Körper alle seine Bereiche gleich (altruistisch). Die „Störung“ Kälte bewirkt aber, dass die periphären Bereiche zunächst weniger und letztlich gar nicht mehr versorgt werden um die höherwertigen (für das Leben unerlässlichen) Bereiche zu schützen. Ähnlich verhält es sich mit
    b) bereits seit den Anfängen der Menschheit wurden die Jäger in Notsituationen besser als der Rest der Gruppe versorgt um damit das Überleben der Gruppe (Art) sicher zu stellen. Auch hier bewegt sich das „Pendel“ zwischen Stärkung des Einzelnen – i.w.S. Ego, und der „altruistischen“ Versorgung der Gruppe.
    Eine völlige Eliminierung des Ego (Ich, Selbst) hätte keinen „besseren“ Zustand zur Folge, sondern eine andere Art – einen Schwarm. Ob das den jeweiligen „Lehrern“ vorschwebt? Vermutlich nicht obgleich es durchaus Verdachtsmomente gibt.
    s. http://de.wikipedia.org/wiki/Jiddu_Krishnamurti
    „…Das Verhältnis zu seinen Schülern wurde oftmals als hart bezeichnet. Vernon schreibt in seiner Biographie, Krishnamurti fehle normales menschliches Mitgefühl und Freundlichkeit. Er sei denen gegenüber, die er nicht auf seiner Ebene erachtete, intolerant und sogar verachtungsvoll aufgetreten[11]. Mary Lutyens beschreibt Sitzungen mit Krishnamurti als gezieltes Verringern des eigenen Selbstvertrauens[12].“

    Ähnlich wie bei Ego-/Altruismus liegt es auch mit Friedfertigkeit/Aggressivität, denn abgesehen von den Problemen des Übergangs, Stichwort „Terror der Aggressiven“, braucht jede Art auch die „Aggressivität“ zum Überleben.
    Das gerne genutzte Beispiel „Ghandi“ taugt in diesem Zusammenhang übrigens nicht, denn die Briten sahen sich nach etlichen Massakern einfach einer zu großen Menschenmasse gegenüber.
    Zu glauben, wenn man den Schimpansen die Aggressivität „abtrainiert“ würden daraus Bonobos („bessere“ Schimpansen), ist einfach falsch – es entsteht letztlich eine neue Art. Ob diese dann auch überlebensfähig wäre, steht auf einem anderen Blatt.
    Fazit, jede(r) kann und sollte versuchen sein Leben = Denken, Fühlen und Handeln so einzurichten, dass sie/er sich darin wohlfühlt und wiederfindet und evtl. ein Beispiel für eine andere Welt sein sein kann.
    Dies allerdings mit dem Anspruch auf „Wahrheit“ zu verbinden und/oder der Vorstellung mit Hilfe der „besseren“ Philosophie zu einer besseren Welt zu gelangen, endet in der Regel in „Mord und Totschlag“.

    Obgleich mir etliches höchst widersprüchlich bzw. aus anderen Fakultäten entlehnt erscheint, stimme ich damit überein.
    s. http://de.wikipedia.org/wiki/Jiddu_Krishnamurti
    „Die Wahrheit ist ein Land ohne vorgegebene Wege“, keine Methode, keine Religion, kein Lehrer kann zur Wahrheit führen. Jeder ist für seinen Weg selbst verantwortlich.“ und
    „Bücher sind wichtig, aber weit wichtiger ist es, jenes Buch, das Ihre eigene Geschichte ist, zu studieren, denn Sie sind die ganze Menschheit [der Phylogenese entlehnt?]. Dieses Buch zu lesen ist die Kunst des Lernens.“ (Krishnamurti 1988, S. 122f)

    lG
    Horst

    • Lieber Horst,
      hab herzlichen Dank für Deine Ausführungen. Wo fange ich jetzt an?
      Vielleicht zunächst einmal so: Es ist, denke ich, völlig verständlich, dass Menschen „Wertungen“ vornehmen, auch Wertungen dessen, was sie selbst als gut oder böse empfinden. Da bilde ich natürlich keine Ausnahme 😉 wenngleich ich versuche, dies als schädlich oder unschädlich zu definieren – eine Wertung bleibt es alleweil –
      Vermutlich ist das, was unter Umständen von meinen Mitmenschen als „Allheilmittel-anpreisen“ empfunden wird
      (was ich im Übrigen bedauern würde, denn ich bin auch nichts weiter als eine Suchende, welche glaubt, in der buddhistischen Lehre einen Lösungsansatz zu den menschgemachten Problemen dieser Welt gefunden zu haben und diesen für sich persönlich (!) auch bejaht)
      will heißen – ich will keinesfalls „missionieren“.

      Dein analytisches Vorgehen insbesondere zu Krishnamurti (Entlehnung aus der Phylogenese) fordert mich, besser, ich bin derzeit fast schon überfordert, denn dieser Teil der Psychologie ist mir völlig unbekannt gewesen und ich muss über http://psychologie-news.stangl.eu/102/phylogenese hinaus, mich da wohl intensiver einlesen.
      Ich denke aber, eine Eliminierung des Ego in Richtung „Schwarm“ ist nicht der Hintergrund zu den Lehren. In einer -damals doch auch wesentlich „einfacheren“- Welt, in der es kein unabhängiges Existieren gibt (wie beispielsweise anhand des Zusammenhangs Biene tot – Mensch tot nachzuvollziehen ist) ist es wichtig, sich als Teil eines Ganzen zu betrachten. Dass dies den Menschen (immer schlechter?) gelingt, liegt an der Fixierung auf das Ego, so verstehe ich die Grundsätze dieser Lehren. Das bedeutet für mich (!) keinesfalls, dass Individualität aufgehoben werden soll (Schwarm), sondern dass dieser kein Stellenwert beigemessen wird, trotz ihrer Existenz.
      Bei allem Respekt, lieber Horst, einen Verdachtsmoment zu sehen in Richtung „erwünschter Schwarm“ scheint mir anhand der Aussagen Vernons/Lutyens – Zitat- Krishnamurti fehle normales menschliches Mitgefühl und Freundlichkeit. Er sei denen gegenüber, die er nicht auf seiner Ebene erachtete, intolerant und sogar verachtungsvoll aufgetreten[11]. Mary Lutyens beschreibt Sitzungen mit Krishnamurti als gezieltes Verringern des eigenen Selbstvertrauens doch etwas gewagt.
      Ist es nicht einmal mehr eine persönliche Wertung, welche die Autoren da vornahmen?
      War es nicht vielleicht so, dass insbesondere Lutyens dies so empfunden (!) hat ? Harte Kritik an Menschen, vielleicht mit Vehemenz vorgetragen, kann durchaus den Anschein erwecken, als sei derjenige auf Torpedierung des Selbstbewusstseins seines Gegenübers aus. Vielleicht sollte es aber lediglich ein Mittel sein, das (in Augen Krishnamurtis) „unwissende“ Festkleben am Ego loszulösen? Zum Selbstdenken anzuregen?
      Ich denke, viele Denker wurden und werden mißverstanden, dass dies dann durchaus zu harschen Reaktionen führen kann (auch ein Denker ist ja nicht frei von Gefühlen wie Enttäuschung oder Ärger über die -vermeintliche- „Dummheit“ seines Gegenübers) ist einfach menschlich. Und ruck-zuck wird dem Denker dann unempathisches Verhalten, Intoleranz und mehr unterstellt.

      Übrigens, mir kommt derart Kritik recht bekannt vor, auch ich kenne (einen) gradlinige(n) und intellektuelle(n) Zeitgenossen, welche(r) mit (fundiertem) Wissen, kritischen Meinungen und Thesen anecken/t und im weiteren Verlauf öfter mal als unsympathisches **** empfunden werden/wird 😉 😉

      Deinem Fazit schließe ich mich an.Dennoch sei es mir gestattet, meine Gedanken darzulegen, Gedanken darüber, wie es vielleicht möglich wäre, die Welt ein wenig freundlicher und friedlicher zu machen. Ich selbst lebe nach meinen Vorstellungen davon, mehr kann ich nicht tun – ausser zu hoffen, dass ich doch ein wenig „toxisch“ bin und andere anstecke –
      Keinesfalls bin ich der Ansicht, dass ich den Stein der Weisen gefunden habe, der nun für alle Anderen Gültigkeit haben muss. Darauf würde zwangsläufig „missionieren“ folgen. Und genau das ist schädlich (siehe Glaubenskriege ect.)
      Aber ich gebe zu, es ist gar nicht leicht, wenn mensch von etwas überzeugt ist, dies nicht nach aussen zu tragen in der Hoffnung, es könnten sich die Dinge genau SO zum Positiven wenden. Da ich denke, für mich einen richtigen Weg gefunden zu haben, ist es vermutlich menschlich nachvollziehbar, dass ich mir für meine Mitmenschen auch einen solchen Weg wünsche.
      An dieser „Anmaßung“ arbeite ich aber noch 😉 denn dem Grunde nach ist es egal, auf welcher Lehre/Überzeugung basierend nun ein unschädliches Miteinander aller Lebewesen stattfindet – Hauptsache, es findet irgendwann (bald?) statt!
      Denn die Welt, wie sie sich zunehmend gestaltet, macht mich frösteln, und damit stehe ich gewiss nicht allein da…

      lG
      Ellen

Teile uns deine Gedanken mit:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s