Sollen es doch die Armen fressen

Besser kann man die jüngsten Entwicklungen rund um den „Pferdefleisch-Skandal“ wohl kaum auf den Punkt bringen…

Seit bekannt wurde, dass in verschiedenen Fleischgerichten Pferdefleisch enthalten ist überstürzen sich die Medien mit immer neueren Erkenntnissen und Politiker versuchen sich, – es ist ja Wahlkampf -, mit mehr oder weniger intelligenten Vorschlägen in Szene zu setzen.

So brachte der CDU-Hinterbänkler Hartwig Fischer den, – seiner Meinung nach -, guten Vorschlag ein, die mit Pferdefleisch versetzte Lasagne einfach an Bedürftige zu verteilen und meinte sich dann dazu in der Bildzeitung in Szene setzen zu müssen. Unterstützung bekommt er nun vom Entwicklungsminister Dirk Niebel, FDP, der schlicht ins gleiche Horn bläst.

Beide Politiker beeilten sich zu berichten, dass angesichts dessen, dass weltweit, – und hierzulande auch -, Millionen Menschen unter Hunger leiden diese Lebensmittel an Be- dürftige verschenkt werden müssen.

So äußerte sich Niebel in der ‚SZ‘:

Und auch in Deutschland gibt es leider Menschen, bei denen es finanziell eng ist, selbst für Lebensmittel. Ich finde, da können wir hier in Deutschland nicht gute Nahrungsmittel einfach wegwerfen.

Man sollte einer solchen Argumentation nicht einfach bedenkenlos folgen, sondern ein- mal analysieren was dahinter steckt. Nämlich nichts anderes, als eine Bankrotterklärung des Sozialstaates. Zum einen trägt die Politik dieses Sozialstaates Verantwortung dafür, dass Menschen in der reichen Bundesrepublik hungern müssen. Zu niedrige Regelsätze und Sanktionen bei Hartz IV, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Zum anderen die Abwälzung der politischen Verantwortung an private Dritte. Nämlich die Tafeln. Was hier geschieht ist die Privatisierung des Sozialstaates, in dem die Politik ihre Verfassungsaufgabe an private Unternehmen und Vereine abschiebt. Übrigens nicht erst seit dem Pferdefleisch-Skandal. Dieser macht dies nur offensichtlich.

Eine Gesellschaft die sich in weiten Teilen vor einem Lebensmittel ekelt oder einfach nur nicht akzeptiert weil Zusätze enthalten sind die sie ablehnen, wertet dieses Lebens- mittel zu Müll ab und würde es sehr wahrscheinlich auch entsorgen.

In dem Moment, wo sie es aus diesen Gründen nicht selber essen würden, aber zustim- men, dass es an Bedürftige verteilt wird, degradiert sie die Bedürftigen zu Müllschlu- ckern und Restefressern der Gesellschaft ab.

So definiert sich die moralische Verwerflichkeit dieser Debatte. Dabei ist es unerheblich, ob das Lebensmittel tatsächlich in Ordnung ist oder nicht. Diese Frage ist in diesem Zusammenhang nämlich zweitrangig. Würde man den Bedürftigen von Seiten der Politik ein menschenwürdiges Leben zubilligen, würde sich diese Frage und die Debatte erst gar nicht ergeben. Vermutlich würden Menschen aus allen „Gesellschaftsschichten“ das Lebensmittel konsumieren und essen. So aber wird die Gesellschaft schon beim Essen gespalten …

www.berthold-bronisz.de/index.php/arbeit-und-soziales/175-sollen-es-doch-die-armen-fressen

 

 

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8 Kommentare zu “Sollen es doch die Armen fressen

  1. Micha, zu Deinem Kommentar von 20.05 Uhr frage ich mich:
    Ja, schreibe ich denn kisuaheli 😉 ?

    (…) Eine Gesellschaft die sich in weiten Teilen vor einem Lebensmittel ekelt oder einfach nur nicht akzeptiert weil Zusätze enthalten sind die sie ablehnen, wertet dieses Lebens- mittel zu Müll ab und würde es sehr wahrscheinlich auch entsorgen.

    In dem Moment, wo sie es aus diesen Gründen nicht selber essen würden, aber zustim- men, dass es an Bedürftige verteilt wird, degradiert sie die Bedürftigen zu Müllschlu- ckern und Restefressern der Gesellschaft ab (… )

    Der 2te Absatz ist der springende Punkt!

  2. Grundsätzlich stimme ich dir zu @ Micha, Pferdefleisch schmeckt wirklich gut. Ist aber leider im Laden nicht billiger als Rind. Nur mal so als Anmerkung, weil ja immer vom billigen Pferdefleisch die Rede ist.

    Billig wars für die Importeure vermutlich deshalb, weil es von Tieren stammte, die mit Schmerzmitteln vollgepumpt waren. Und damit nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet waren.

    Und genau da fängt die Schweinerei der Politik an. Arme Menschen sind keine Tierkörperbeseitigungsanlagen!

  3. Ich bin der Meinung das es sich hier um 2 unterschiedliche Themen handelt, die Lebensmitte zu entsorgen (oder nicht) ändert nichts an unserer Regierung und nicht an der Armut, aber wenn die Lebensmittel gesundheitlich unbedenklich sind kann man doch damit Leuten helfen die sich kein Essen leisten können.
    Es gibt Pferdemetzger die gelten als Geheimtip weil Pferdefleisch für einige eine Delikatesse ist.

    • Nee Micha, ich kann da Klein-Chaos nur zustimmen.
      Du kannst (solltest) hier den unmittelbaren Zusammenhang nicht übersehen – siehe auch den Absatz, welchen ich in rot markiert habe –
      Da existieren für mich keine Grautöne, da gilt schwarz oder weiß: Entweder ist dem Konsumenten eine Ware nicht zumutbar oder sie ist es, punktum. Also könnte man theoretisch die ganzen Produkte umetikettieren und zurück in den Handelskreislauf geben, ob der -nunmehr wissende- Verbraucher zugreift, ist seine Entscheidung. Zu sagen, umetikettieren und dann ausschließlich (!!) den Bedürftigen „zur freien Entscheidung“ zur Verfügung stellen, das ist in meinen Augen schlicht pervers und eine Spaltung in Mensch/Konsument erster und zweiter Klasse.
      Gemäß Deiner Argumentation könnte dann auch grundsätzlich „Soylent green“ den Armen angeboten werden, sie müssen es ja nicht essen…nur endet der freie Wille wohl da, wo der Hunger einsetzt.
      Und das ist die eigentliche Perversion, der Gedanke eben, dass so manches für „die Leistungsträger“ unzumutbar ist, für die Bedürftigen hingegen nicht, wohlwissend, dass diese häufig keine Wahl haben…
      Es spielt auch keine Rolle, wer sich für den Verzehr entscheiden würde (da gäbe es gewiss Viele), es geht hier um die Unterscheidung des Menschen in wertvoll und wertlos.
      Anders wäre es, würde man eben die umetikettierte Ware ALLEN Verbrauchern zur Verfügung stellen wollen, da wäre kein Spaltungsgedanke drin.

      • ich habe doch extra geschrieben:

        aber wenn die Lebensmittel gesundheitlich unbedenklich sind kann man doch damit Leuten helfen die sich kein Essen leisten

        Das würde ja bedeuten obwohl es gesundheitlich unbedenklich ist so entsorgen das ja keiner mehr dran kommt ( verbrennen )

        • Nee Micha, auch wenn (!!) die Lebensmittel unbedenklich sein sollten (woran ich eher nicht glaube, siehe Begründung Klein-Chaos) darf trotzdem nicht differenziert werden zwischen Esser und Esser!
          Also entweder zurück in den Handel, dann darf JEDER für sich entscheiden, ob er nun zugreift oder nicht oder eben ab auf den Müll.
          Eine „Zuteilung“ nur für Arme ist – wie das Tafelwesen allgemein – nur auf den ersten Blick eine Hilfe.
          In Wahrheit ist es…naja, ist ja im Artikel deutlich aufgeführt.

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