„Mit Verlaub, Herr Kollege ,Sie verbreiten (teils) gefährlichen Unsinn“

Ich mache so etwas selten.
Sehr selten sogar.
Aber jetzt komme ich nach reiflicher Überlegung doch nicht mehr umhin, Kritik an einem bloggenden Sozialaktivisten zu üben.

Der Kollege ist überzeugt vom Minimalismus.
Das ist wunderbar, ich freue mich für jeden Menschen, der „sich gefunden“ hat und mit sich und der Welt weitestgehend im Reinen ist.
Und wie es mit der „festen Meinung“ nun mal ist, der Mensch versucht oft, Andere von seinen Lebensvorstellungen zu überzeugen.
Ich verstehe auch das Anliegen, weshalb er versucht, insbesondere Menschen in prekärer Lage den Minimalismus schmackhaft zu machen. Er meint es gewiss nur gut…

Stockholmsyndrom oder echte Überzeugung?

Grundsätzlich ist gegen Minimalismus nichts einzuwenden. Im Gegenteil.
Wenngleich ich den Hype, der teilweise darum gemacht wird, so gar nicht nachvollziehen kann. Die Gründe hat der Wiener Blogger Emanuel in diesem Beitrag, klick scharfzüngig aufgezeigt 😉

Darum geht es mir aber nicht vorrangig.
Das, wie ich finde, recht Anmaßende an den von mir kritisierten Beiträgen wie hier, klick oder hier findet seinen Ausdruck in Behauptungen wie, Zitat:
(…) Ich werde nicht müde, zu wiederholen, dass es durchaus möglich ist, mit dem Regelsatz von Hartz 4 ein gutes Leben zu führen und davon noch zu sparen.

Solche Darstellungen sind meiner Ansicht nach ein Schlag in das Gesicht für viele Menschen in prekärer Lebenssitution. Derart Aussagen implizieren, dass diejenigen, die mit dem Regelsatz nicht auskommen, falsche Prioritäten setzen. Mit Geld nicht umgehen können.Solche Sprüche wirken überheblich.
Und sie unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum von ähnlichen Tiraden diverser Politiker. Wenngleich die Intention des Bloggers eine andere ist.
Ebenfalls anmaßend ist die Behauptung, dass einer solchen Lebenseinstellung der Zen-Buddhismus, klick  zugrunde liegt.
Leben nach Zen bedeutet Konzentration aufs Wesentliche mit einer Tendenz zum Purismus.
Keine Ablenkung durch Überflüssiges.
Ein derart spartanisches Umfeld jedoch, wie es der Blogger propagiert, ist für Mönche und Nonnen vorgesehen. Oder für Menschen, die freiwillig so leben wollen. Das will (!) aber nicht jeder…
Nebenbei:
Reichtum wird auch im Buddhismus nicht als verwerflich angesehen. Es kommt hier lediglich darauf an, ob der Reichtum auf Basis ethischen Verhaltens angesammelt wurde und ob der Reiche ohne eigenes Nutznießen zu geben bereit ist – oder eben nicht.
Armut allein aber ist auch kein Indikator, „richtig“ und nützlich zu leben.
Armut und (erzwungener) Verzicht erschaffen keinen „guten“ oder weisen Menschen…das erkannte der  Buddha – Siddhartha Gautama – während seiner freiwilligen Askese recht schnell.
Vielleicht sollte der Kollege diesbezüglich noch mal den Hermann Hesse lesen 😉

Mir kommt es vor, als versucht der Blogger, die Not zur Tugend zu erklären („Stockholmsyndrom“). Das ist aber nicht das Einzige, was solche Aussagen gefährlich macht/machen kann.

Ein Jeder nach seiner Facon

Das wusste bereits der alte Fritz.
Das heißt, wenngleich es gewiss Sinn macht, die eigenen Wünsche zu hinterfragen hinsichtlich Konsumismus, Werbemanipulation ect….
…wenngleich viele Konsumwünsche sich bei genauer Betrachtung als überflüssiger Blödsinn herausstellen werden, muss mensch dennoch auch gegenteilige Entscheidungen seinen Mitmenschen überlassen.
Das nennt man, so glaube ich, andere Lebensformen respektieren.
Ich selbst konsumiere sehr bewusst, mache Kaufentscheidungen häufig von (gesellschafts)politischen Hintergründen abhängig und rate (!) dieses Verhalten auch jedem an, unabhängig von dessen finanzieller Situation.
Aber mit einer solchen (vielleicht ungewollten) Überheblichkeit wie der Kollege es da macht, an’s Werk zu gehen ist nicht sinnvoll. Kaum ein Prekärer wird die eigentliche und grundsätzliche Notwendigkeit der Konsumbremse sehen, wenn der Anlass, diese Bremse zu ziehen, die eigene finanzielle Not ist!

Eine Steilvorlage für die ReGierung

Das ist die eigentliche Gefahr und es ist der Hauptgrund, weshalb ich diese Minimalismus-Propaganda
– explizit (!) für arme Menschen, denn nirgendwo las ich, dass der Blogger diese Lebensform Jedem (!) anempfiehlt
als  so unangebracht empfinde.
Was wurde nicht alles aus der Regelleistung gestrichen?
Was blieb nicht alles als „nicht essentiell wichtig“ unberücksichtigt?
Die ReGierenden erdreisteten sich, darüber zu befinden, dass beispielsweise ein Weihnachtsbaum („Warenkorb“ Abteilung Schnittblumen) ersatzlos aus der Regelleistung zu streichen ist.
Das monatliche Budget für Kinderspielzeug liegt etwas über 1.- €!
Jeder Euro für Bedürftige ist denen, die im Überfluss leben und über die „Überflüssigen“ zu befinden haben, zu viel!
Und ausgerechnet ein Sozialaktivist, ein Berater für arm Gemachte, ein Sozialpädagoge, erkennt nicht, dass er mit seinen Minimalismus-Thesen den „Zuarbeiter für die regierenden Armuts-Apologeten“ gibt??
Dass solche (öffentlich verbreiteten) Sprüche, wie oben genannt, Wasser auf die Mühlen der Sparwütigen sind?
Angesichts dessen, was die südeuropäischen Länder erleben müssen (und was auch uns noch droht) bekommen solche Ansagen einen zynischen Touch. Und wenn sie auch hundert mal gut gemeint sein mögen…

Keine heimtückische Kollegenschelte

Ich hätte sehr gerne dem Kollegen meine Bedenken mitgeteilt. Doch leider wurde die Kommentarfunktion deaktiviert, ziemlich genau nach dem ersten Auftauchen von Kritik an seinen Minimalismus-Thesen.
Somit bleibt mir lediglich hier der Platz für meine Gedanken zu Sinn, Unsinn und Gefahren.
Aber vielleicht liest der Kollege ja mit und äußert sich 😉 dazu…es könnte eine spannende Diskussion werden.

 

 

 

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8 Kommentare zu “„Mit Verlaub, Herr Kollege ,Sie verbreiten (teils) gefährlichen Unsinn“

  1. Na gut Ellen, du hast es nicht anders gewollt, dann geb ich halt auch meinen Senf dazu 🙂
    Wenn dieser Mensch mit dem Bissi zurecht kommt, noch sparen kann und glücklich ist, soll das so sein. Es gibt Menschen die haben Millionen und könnten sich nicht vorstellen auch nur einen Tag mit weniger als 1000 Euro aus zukommen. Soll auch sein. Jeder wie er will und wie er sich sein Leben vorstellt.
    Gefährlich finde ich, wenn „Fachleute“ aus einem bestimmten Bereich sowas erzählen, weil dann alle (die natürlich einiges mehr haben) sofort aufschreien „Guck, DER sagt das auch, also gehts auch“. Und damit wird den Menschen (und das ist wohl der Großteil der Nation) die nicht nur mit dem Regelsatz existieren sondern mit ein bisschen mehr leben wollen, die Möglichkeit genommen.Weil wenn so einer sagt, dass es funktioniert, warum soll man dann mehr ausgeben.

    • 😉 Dein Senf, liebe Gundl, war aber noch kein Mostrich der Sorte „extrascharf“ 🙂
      – aber was nicht ist, kann ja noch werden, gelle –
      Aber im Ernst, natürlich hast Du da Recht, wenn Du schreibst, dass solche „Hymnen“ auch den Stammtisch befeuern…
      Solche Lebenseinstellungen sind (wie die meisten) völlig o.k., solange sie nicht als Richtschnur für alle Prekären propagiert wird.
      Für sich selbst kann jeder entscheiden, was die Prioritäten sind…wie erwähnt, der olle Fritz hat es ja bereits gewusst.

      Danke für Deinen Erstkommentar und herzlich (nicht nur hartzlich, grins) willkommen auf diesem Blog
      lG
      Ellen

  2. Pingback: Mit Verlaub, Herr Kollege ,Sie verbreiten (teils) gefährlichen Unsinn | WIR Der ZeitBote Saarland

  3. offen gesagt , manche seiner ratschläge (die des kollegen )erscheinen mir…gelinde ausgedrückt , schlicht naiv .

    naja…und die naivität machts so gefährlich ..denn wenn er mit dieser naivität notleidenden ratsuchenden begegnet …hm…ob die unterm strich klüger werden und hilfe zur selbsthilfe erfahren ?

    ansonsten ..vielleicht bringt das meine meinung zu diesem „helfer „rüber

    http://www.causa-nostra.com/Einblick/Der-Gegner-in-uns-selbst–e0807a03.htm

    „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“

    Marie von Ebner-Eschenbach

    • Dein Zitat passt, der link auch…

      Ja, Carola, Naivität ist eine mögliche Erklärung für diesen „Glauben“. Das wäre mir persönlich auch schnuppe, jeder kann und soll so leben, wie er es möchte.
      Mich stört dennoch die Überheblichkeit, diese „Tschakka, Du schaffst es – Mentalität“, dieses Beharren auf dem „guten Leben durch Minimalismus“.
      Für ihn mag das der Weg sein, und das sei ihm unbenommen.
      Der Blogger verkennt aber oder will nicht wahrhaben, dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben – durchaus reale Bedürfnisse und nicht durch Konsum-und Werbeterror verursachten Pseudo-Bedarf.Ich mag es einfach nicht, wenn jemand – ohne Rücksicht auf Gefühle und Bedürfnisse anderer – von sich behauptet, den Stein der Weisen mit Gültigkeit für Alle gefunden zu haben.
      Dazu addiert sich die Gefährlichkeit, wie ich sie schilderte. Auch wenn der Blogger nun nicht vdL’s Ratgeber ist, so denke ich doch, dass solche „Argumente“ nicht unbemerkt bleiben…

      • naja…ich sags mal so :

        alles , was ICH vom „kollegen „gelesen habe , ist ja in der „ich-form „geschrieben (der machts wie ich )..also, er stellt dar , wie ERs machen würde /macht ..nun ja, man kann es auf sich selbst beziehen /es umsetzen …es aber auch lassen .

        ich weiss ja nich , wie er in der beratung agiert ..?.

        deswegen bescheinige ich ihm , beim lesen seiner posts, ne gewisse naivität , die mitunter fast beneidenswert is , weils anscheinend das tor zur seligkeit is und eben ne handhabe ,, den bedürfnissen, die über den propagierten minimalismus hinaus gehen „herr „zu werden.

        naja…wenn ers mit „tschakka , du schaffst es „:) 🙂 schafft , seine ggf.vorhandenen wünsche zu zähmen , ohne das gefühl zu bekommen , das er in seinem alter schon tot is , dann finde ich das toll und ein beweis dafür , das solche motivationstechniken offenbar funktionieren …meist sehe ich , das sie eher mangelhaft funktionieren , denn der erfolg stellt sich nicht , wie vom individuum gewollt ein , weils es nicht schafft , alle faktoren stimmig hin zu bekommen , das der erfolg kommen kann 🙂 🙂

        • hmmm….
          Ich lese seine vielfältigen Beiträge dann wohl etwas anders. Zwar schreibt er in der Ich-Form, aber (nicht nur unterschwellig) kommt die Botschaft -zumindest bei mir- so an, als sage er beständig:“Hey, Du musst es nur genau so machen wie ich, dann wirste auch mit Hartz4 zufrieden sein“
          Und dieses „was für mich gut ist, MUSS für andere auch gut sein“ finde ich eben anmaßend.
          Zumal als Single er Familienbedürfnisse und die Unmöglichkeit der Umsetzung mittels des Regelsatzes gar nicht beurteilen kann.
          Und er erhebt sich über diejenigen klugen Köpfe (Butterwegge, Spindler) die dezidiert nachgewiesen haben, wieso die Regelleistung zum Leben zu wenig und zum sterben zu viel ist…
          Anmaßend eben, so empfinde ich es.

          Das wäre genau so, als würde ICH allen etwas reiferen Singles ein Leben im Zölibat anempfehlen 🙂 unter der Prämisse, dass es für jeden gut sein muss, weil ICH es eben als angenehm empfinde…
          Für mich ist dieser freiwillig gewählte Weg in Ordnung, für mich bedeutet er unter anderem Freiheit von Komplikationen wie Eifersucht ect.pp – aber es wäre dreist, meinen Weg als den ultimativen anzupreisen – weil eben nur wenige so ticken wie ich. Und deswegen wäre (im Falle des Kollegen: ist) ein derartiges Anpreisen in meinen Augen einfach respektlos.
          Schlicht:
          Ich lese aus den Beiträgen des Kollegen sehr wohl mehr als nur eine freundliche Beschreibung seines eigenen Umgehens mit Hartz4. Auch mehr als eine Empfehlung.
          Wie geschrieben, mir ist es egal, wie ein Mensch lebt. Geht es ihm gut dabei, freue ich mich für/mit ihm.
          Aber diese (für mich) spürbare „Allweisheit“ reduziert andere Leistungsbezieher, die anders leben WOLLEN zu „Unfähigen“.
          Und so etwas mißfällt mir. Weil es Andersdenkende irgendwie herabwürdigt.
          Aber vielleicht interpretiere ich schlicht zuviel in das Geschreibsel hinein und kaum ein Betroffener sieht es so wie ich? Das mit der Herabwürdigung und der „gewissen Gefährlichkeit“, meine ich damit.
          Ich weiß es nicht…

          • naja..liebe ellen , ich sags mal so :

            ”Hey, Du musst es nur genau so machen wie ich, dann wirste auch mit Hartz4 zufrieden sein”“

            sicher kommts so rüber , aaaber …also, jeder is ja (so hoffe ich )des eigenständigen denkens mächtig …also, ne gewisse eigenverantwortung kann man ja nun keinem abnehmen ..wenn man auch orientierung braucht , wenn man in die lage kommt „hartzer „zu sein /zu werden (und..von daher ist diese aufgelegte „bescheidenheit „durchaus gefährlich ,denn sie stellt ja wehrlos (und in folge rechtlos )und animiniert in ner gewissen form (durch übernahme dieser haltung )wehrlos zu sein /zu werden /zu bleiben , weil der minimalismus sozusagen als „gottgegeben „dargestellt wird und wenn man nur demütig /sparsam genug is , auch bis zum lebensende aushaltbar is…ach , man gewöhnt sich ja dran und irgendwann sind alle (irdischen )begehrlichkeiten dann überwunden .(geldmangel hat ja nicht nur materiellen mangel zur folge , sondern zieht ja e ganzen „schwanz „sozialen mangels nach sich )

            aber, man will ja hoffen , das dieser /jener durchaus, wenigstens für sich selbst und für seine nächsten des denkens mächtig is und sich überlegt , ob dieser weg für IHN machbar /ertragbar …auf dauer lebenswert ist /sein wird ., sinnvoll und /oder eher hinderlich is (auch für die gesellschaftliche entwicklung allgemein )

            naja….die „herabwürdigung „..hm …die empfinde ich nun nicht (ich bin aber , als einziger kommentator hier auch ziemlich alleine mit meiner meinung :))..ich lese eine beschreibung , wie ers macht , mit dem wunsch , das sich eben alle den herrausforderungen der konsumwelt verschliessen können , wissend, das sie eben kein geld haben ..naja…der bescheidene /wunschlose als der bessere mensch , der eben nicht gegen sich selber kämpfen muss und somit sein „los „glücklich /zufrieden über den sparerfolg und den erfolg im kampf mit /gegen sich selbst , leben kann .(sozusagen auf ner „höheren „bewusstseinsebene 🙂 )

            frei nach dem motto „der weg is das ziel „…freilich …es wäre zu wünschen , das bescheidenheit /demut wieder einzug halten kann , als wert , in der gesellschaft ..fraglich ist nur, warum diese eigenschaften nun NUR für die gruppe der leistungsempfänger gelten soll und eben nicht für ALLE

            also, in meinen augen bleibts bei ner gewissen naivität …die mitunter eben e bissel sehr naiv anmutet .

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