Auf dem Weg in die Betriebsblindheit?

Kritik und Mitgefühl sind ja die Schwerpunkte meines Blogs.
Bislang dachte ich von mir,  Beides (!) großzügig anzuwenden.
Doch momentan befürchte ich, dass auch ich von einer Art „negativer Betriebsblindheit“ infiziert wurde.

Der Anlass, meine Denk-und Vorgehensweisen selbstkritisch zu hinterfragen, war eigentlich ein positiver. Ich berichtete ja bereits von einem Leistungsberechtigten, der das Glück hatte, an einen engagierten Arbeitsvermittler geraten zu sein.
Kurzum: Der Arbeitsvermittler R. hat sich extrem in’s Zeug gelegt, um dem Betroffenen die Wunschausbildung möglich zu machen. Mittels des Instruments „freie Förderung“ gelang es Herrn R. dann auch, seine Vorgesetzten zu überzeugen. Ein glücklicher Leistungsbrechtigter und  eine hochzufriedene Beiständin 😉 sparten entsprechend dann auch nicht mit Lob.
Im letzten Gespräch betonte Herr R. wiederholt, dass er nicht der Einzige sei, der seinem Beruf engagiert zugunsten der „Kunden“ nachgehe. Dass es leider aber auch genügend Kollegen gäbe, die das eigene mangelnde Selbstvertrauen damit zu kompensieren versuchen, indem sie ihre „Kunden“ demütigen. Einfach, weil sie es können…
Und die Kollegen der Leistungsabteilung…das sei noch mal eine Spezies für sich – sinngemäß –

Überall nur Schwangere

Herr R. erzählte, dass er, als seine Frau schwanger war, sich plötzlich nur noch von werdenden Müttern umgeben sah. Er war schlicht „aufmerksamer“ geworden, nahm als künftiger Vater schwangere Frauen eher wahr als früher…denn es gab nach wie vor ebenso wenig/viele Schwangere wie zuvor.
Lediglich seine „Sichtweise“ war eine andere.
Ich denke, grundlos hat er das nicht erwähnt…entsprechend nachdenklich war ich dann bereits gegen Ende des angenehmen Gespräches.
Auch die Kollegin gegenüber, bei der ich in anderer Angelegenheit kurz reinschaute, sprach mich auf das – auch im Blog geäußerte – Lob für den Kollegen an, O-Ton:
„An den übrigen Kollegen lassen Sie ja allgemein kein gutes Haar“

Mitfühlende „Giftspritze“ ?

Klar ist, dass ich die (eklatanten) Mißstände (nicht nur) in der MainArbeit anprangere. Klar ist auch, dass ich mit meiner Wortwahl umso giftiger werde, je mehr mich ein „Fall“ emotional mitnimmt.
Unklar aber scheint, dass ich die schädlichen Handlungen der Akteure verabscheue, den Menschen als solches jedoch schlimmstenfalls als „Irregeleiteten“ ansehe (von emotionalen Amöben, Soziopathen ect. abgesehen – die sind schlicht „krank“ und bedürfen ggfs. fachkundiger Hilfe).
„Irregeleitete“ können (!) aber durchaus den Weg zurück zu mehr Mitmenschlichkeit finden. Und auch meine (öffentliche) „Schelte“ soll diesem Ziel dienen…kleine Schläge auf den Hinterkopf fördern das Denkvermögen – manchmal – 😉

Verbitterung

Ich stelle seit geraumer Zeit fest, dass sich Betroffene des SGB im Laufe der Zeit häufig verändern. Aus eloquent-sarkastischer Schreibe wird gallige Verbitterung, aus Verletztheit wächst Aggression auch den „eigenen Leuten“ gegenüber ect ect. Wenngleich verständlich, so war es für mich erschreckend, dies zu beobachten. Undifferenziertes, verbales Draufhauen, Bösartigkeit, Unversöhnlichkeit, Verbitterung.
„So“ wollte ich niemals werden…
Nach dem Gespräch mit Herrn R. (und weiteren im Freundeskreis) bin ich gnadenlos ehrlich mit mir selbst in’s Gericht gegangen, habe mich gefragt:
„Bist Du nicht doch bereits genauso, ohne es zu bemerken?“
Tatsächlich hatte ich überwiegend Kontakt zu vielen Mitarbeitern der Leistungsabteilung. Und nein, hier zumindest bin ich nicht betriebsblind, hier ist harsche Kritik zu (geschätzt) 90% angebracht.
Was aber ist mit den Arbeitsvermittlern?
Ich habe nachgerechnet und stellte fest, dass ich nur ganze 9 von ihnen kenne. Von diesen 9 sind mir 3 Mitarbeiter positiv aufgefallen.
Den Rest der AV kenne ich hingegen nicht. Und doch hat sich eine Pauschalierung in meinem Kopf breit gemacht. Eine Pauschalierung, mit der ich dem einen oder anderen Mitarbeiter gewiss Unrecht tue.

Die Schere im Kopf...

…kann niemals gerechtes Denken fördern. Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass meine „Vorurteile“ größer sind, als ich es für möglich hielt.
Zwar verurteile ich nicht den Menschen ( weil aus meiner Sicht eben irregeleitet, den Geistesgiften unterlegen), was mich aber dennoch nicht davon abhielt, in negative Vorbehalte zu verfallen.
Und bei weiterem In-mich-gehen stellte ich fest, dass meine Vorbehalte mittlerweile einige Berufsstände treffen.
Während eines Gesprächs über einen möglichen Wegzug von Offenbach beispielweise kam die Rede auf Bayern. „Diese Option gibt es für mich nicht“, höre ich mich noch sagen, „denn dort sind Polizisten überwiegend faschistische Prügelbullen“.
O weh.
Die Berichte und Bilder über einige Gewaltexzesse haben wohl ungute Spuren in mir hinterlassen…
Auch Psychiatrie,  Krankenkassen,  medizinscher Dienst oder Ordnungsamt…sobald das Gespräch auf diese Institutionen kommt, gehe ich sofort in Abwehrhaltung und mir fallen nur negative Ereignisse ein.

Offenbar sind die Jahre der Betroffenenbegleitung (die gleichzeitig auch die Jahre meines „politischen Erwachens“ waren) keinesfalls so spurlos an mir vorbei gegangen, wie ich dachte.
Es scheint, als habe der „Erkenntnissgewinn“ den Preis der „partiellen Negativität“ im Schlepptau.

Gegensteuern durch Erkennen

Wenn der Herr R. wüsste, wie lehrreich seine Erzählung von den Schwangeren war…
Ich bin sehr dankbar, diesen Gedankenschubs bekommen zu haben. Gerade wenn man, so wie ich, sich tagtäglich mit beschissenen Realitäten auseinandersetzt, ist die Gefahr groß, ausschließlich nur diese noch wahrzunehmen und betriebsblind zu werden.
Vermutlich habe ich die Kurve gerade noch so genommen…dennoch denke ich, ein weiterer Klosteraufenthalt wäre mir gewiss sehr dienlich. Während eines Retreats haben sich gewonnene Einsichten bisher noch immer vertieft…
Wohlan denn, ab dem 17.05. bietet sich die Gelegenheit wieder für Besonnenheit und Schweigen im Wat Buddhapiyawararam 🙂

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3 Kommentare zu “Auf dem Weg in die Betriebsblindheit?

  1. das , was du beschreibst , nennt sich „objektivität „und auch „übern tellerrand sehen “

    ICH habe es mir zur angewohnheit gemacht , bevor ich „drauf haue „immer beide seiten der medaille zu bedenken /durchleuchten (sofern man nicht blitzartig entscheiden muss, sondern sich nen denkprozess leisten kann )

    und , bin ich in ne sache zu sehr emotional involviert , lasse ichs …das „öffendliche „auftreten und überlasse das anderen , die eben den emotionalen abstand haben und somit eben objektiver sind .(da fungiere ih höchstens als berater in der sache …aber, eben nie direkt , denn emotionalität verhindert oft diplomatie , weil man den, der einen emotional nahe steht , um fast jeden preis schützen wll und man somit das augenmass verliert für die verhältnismässigkeit .)

    es hat seinen tieferen grund , warum zB. bei der polizei all jene offiziell von der ermitllungsarbeit ausgeschlossen sind /werden , wo bewiesen ist /angenommen wird, das sie in einer emotionalen beziehung zu opfern /tätern standen /stehen..

    nun ja…was die von dir festgestellte verbitterung angeht . festgestellt habe ich sie auch , allerdings führe ich die darauf zurück , das sich immer nur mit einem aspekt des leistungsbezuges beschränkt wird,, das geld .

    ok , wenig geld haben is sicher hinderlich um in der heutigen konsumgesellschaft mithalten zu können , allerdings sehe ich den mangel (im verhältnis zur restbevölkerung )nicht als das ende der welt an …es gibt jede menge andere , schöne dinge , auf die man sich auch konzentrieren könnte,(die NIX kosten und freude machen ) wenn man in der lage wäre /willens wäre , sie zu sehen(als ausgleich zum täglichen , bürokratischen kampf )

    und anscheinend gibts welche, die meine ansicht auch vertreten ..umsetzen , denn nicht alle leistungsempfänger sind verbittert , aber alle haben die gleichen bürokratischen hürden zu bewältigen , gut , die einen mehr , die anderen weniger und manche ganz extrem !

    • Carola, es ist, denke ich, ein Unterschied zwischen rationalem Vorgehen und dem „Verknüpfen im Unterbewusstsein“.
      Auch ich gehe/ging freundlich und sachlich auf die potentiellen „Verursacher“ zu…aber tief im Inneren hatte sich da wohl einiges festgefressen.
      Rational weiß ich um die „Tellerränder“, dennoch hat das häufige Miterleben von Leid und Angst, die andauernde (auch mediale) Konfrontation mit Unsäglichkeiten diese Pauschalierungen in mir verursacht.Auch wenn der klare Verstand schon immer eine andere Sprache sprach…
      Da unterscheiden sich wohl Bewusstsein und Unterbewusstsein.
      Gegen letzteres anzugehen, ist vermutlich der schwierigere Akt.
      Und klar, nicht alle Betroffenen sind verbittert – das wäre ja erneut eine unzulässige Pauschalierung 😉 – Aber wenn, dann dreht es sich nicht nur um das zuwenige Geld, wenngleich es eine sehr große Rolle spielt.
      Ich denke, ursächlich ist auch (!) die stetige Verunglimpfung, die andauernde Abwertung ect.Was nun wie schwer wiegt, kann ich nicht beurteilen, denn bezüglich Letztgenanntem bin ich ja keine Betroffene.
      lG
      Ellen

      • „ist auch (!) die stetige Verunglimpfung, die andauernde Abwertung “

        ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich DIE rolle spielt ,, wie wir meinen .

        wenn es so wäre, müssten ja alle gleich betroffen sein , aber, warum sind wirs nicht ?

        warum ist einer für die abwertung empfänglicher , an dem anderen prallts ab ?

        ausserdem, die menschen sind gewöhnt , in standesunterschieden zu denken und zu jedem „stadesdünkel „gehören ja auch diverse gehegte /gepflegte vorurteile /vorgefasste meinungen ..also, da die meisten ja selber eiserne vertreter/empfänger dieser vorurteile /meinungen sind …wieso sollten sie nun mehr betroffen sein , wenn sie eben in den leistungsempfang eintreten ?

        also, entweder gibts da ne vorgeschichte und /oder nen anderen zusammenhang !?

        ums an meinem , ganz persönlichen beispiel zu erklären :

        ich ..immer schon , durch krankheit /behinderung „anders „und auch diversen vorurteilen ausgesetzt , bis hin …man kann nich laufen , also kann man auch nicht lesen und schreiben 🙂 😉 (aber, früher konnte ich laufen , war bis auf meinen „anblick „auch völlig „normal „und habe „normal „gelebt (habe ich mich vielleicht , unterbewusst , jetzt , den vorurteilen , die ich mir jahrelang anhören musste /erleben musste , angepasst ????????????????

        was bitte , ändert sich jetzt KONKRET , an /in der fülle von vorurteilen , gegen die ich kämpfen müsste , zu der zeit , als ich noch erwerbstätig war ?

        richtig …NICHTS .

        und ich denke /vermute , so ist es auch bei vielen , vielen anderen (nichtbehinderten ..vielleicht is der vergleich mit mir unglücklich /wenig verständlich ?)

        auch anderen bevölkerungsgruppen wurde ggf. erhöhter alkoholkonsum nachgesagt ..weil sie vielliecht in ner gegend wohnten , wo alkoholdelikte ne vermehrte rolle spielten ..und /oder ..wo es üblich ist /war , das die leute , nach feierabend , vor der haustür sassen , um sich zu treffen und vielleicht e bier zu trinken und zu schwatzen .

        ich hoffe , meinen beispiele sind verständlich ..allerdings , all dies hat NICHTS mit dem leistungsbezug an sich zu tun , sondern die menschen ziehen sich einfach die „jacke „an , weil sie zu „passen „scheint .

        und dieses „jacke anziehen „(eigendlich ohne den grund des leistungsbezuges )führt zu einer , sich von jedem selbst auferlegten , diskriminierung , weil man eben hört , was die „leute „sagen …und somit zur verbitterung ..aber, die wäre eventuell auch da , wenn sie keine leistungsempfänger wären ..nur , da hätten sie weniger zeit , sich damit zu befassen /auseinander zu setzen , dies zu verinnerlichen .

        das „kastendenken „bricht den meisten das genick und das kann man auch lesen …leistungsempfänger untereinander , in x-foren …das „besser sein wollen „(wegen des früheren status )..alles sind perfekte opfer einer ganz einfach zu durchbrechenden psychologischen hürde im kopf .(und machen sich somit das leben sinnlos schwer, weil sie eben daran kranken )

        zu deiner these mit dem unterbewusstsein :

        das ist sicher richtig …allerdings , liegt es an jedem selbst , sein unterbewusstsein zur bildung von richtigen konsequenzen zu animieren /trainieren ..man ist dem nicht hilflos ausgesetzt , meine liebe ellen 🙂

        aaaber, bis man das geschafft hat , ist es ggf. ratsam , bei starker emotionaler involvierung anderen das „feld „/die aktion …das handeln ..nach absprache und in vertrauenstellung zu überlassen , um fehler zu vermeiden , die eben wieder ne emotionale involvierung nach sich ziehen , die stärker is wie die vorher ..ein strudel nach unten sozusagen , aus dem man sich selbst kaum befreien kann , dies nennt sich „selbstschutz “ (:) 🙂 🙂 ich weiss, da trage ich „eulen nach athen „)

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