Mythos Vollbeschäftigung: FAZ – Hunderttausende schwere Fälle von Langzeitarbeitslosigkeit

Sieht mensch einmal von der Tatsache ab, dass es – außer in kriegsvor- und nachbereitenden Zeiten – keine „Vollbeschäftigung“ gab und gibt, bleibt die Frage, wieso die FAZ genau diese seit Tagen förmlich „heraufbeschwört“.
Oder – in Anlehnung an den Kaiserlichen 😉 Werbespruch –

Ja, is denn scho wieder Wahlkampf?

Der Artikel in der FAZ ist mMn tendenziös, die Botschaft dahinter klar: Der Erwerbslose ist selbst schuld. Dass sich auch die FAZ indirekt dieser Meinungsmache anschließt, verwundert wenig. Die „Zitate“ des Arbeitsvermittlers sind subtile Propaganda und bedienen den Stammtisch einmal mehr.
Getrost darf darauf gebaut werden, dass die eingestellte Statistik bezüglich „Vermittlungshemmnisse“ übersehen wird – das Hauptvermittlungshemmnis ist ein fortgeschrittenes Alter – aber auch dafür zeichnet der Erwerbslose verantwortlich…es zwingt ihn ja niemand, alt zu werden….

Schmankerln, kursiv kommentiert

(…) Für eine weitere Million Arbeitslose werde es zwar schwierig, aber nicht unmöglich, eine Stelle am ersten Arbeitsmarkt zu erhalten. Sie müssten zunächst viel staatliche Hilfe erfahren, später müsste ihnen die Arbeitswelt außerdem entgegenkommen und etwa Teilzeitarbeitsplätze einrichten. „Das werden dann zwar immer noch keine Hochleistungsträger, sie könnten ihre Existenz aber alleine sichern“ (…)

Vollkommen klar, und auch die Erde ist eine Scheibe.
Wenn immer mehr Menschen trotz Vollzeitarbeit „aufstocken“ müssen, schafft es das „schwierig zu vermittelnde Klientel“ selbstverständlich, mit Teilzeitarbeit aus dem Leistungsbezug zu kommen. Von Subventionen für die Arbeitgeber – welchem Mitarbeiter zunächst für nahezu „lau“ überlassen werden – schreibe ich schon gar nicht…

(…) „Wir haben in der ganzen Grundsicherung aber keine Facharbeiter mehr.“ Die seien alle schon vermittelt. Inzwischen, sagt Walter, akzeptierten viele Unternehmen deshalb auch Angelernte und qualifizierten sie im Betrieb nach. „Die Firmen kommen zu mir und sagen: ,Gib mir einen, der wenigstens schon mal ein Kabel und eine Zange in der Hand hatte.“

Ergänzung:
„Gib mir einen, der ohne Murren als Facharbeiter zu prekären Helferlöhnen (Zeitarbeit, Werksverträge ect.) schuftet. Wenn die Kohle nicht reicht, kann er ja aufstocken“

Menschenverachtender geht’s kaum mehr

(…) Hinter vorgehaltener Hand erzählt ein Arbeitsvermittler indes, dass man diese Zahlen nicht als gottgegeben hinnehmen müsse. Vor ein paar Jahren habe er eine Gruppe von 90 Arbeitslosen, die als kaum vermittelbar galten, gemeinsam mit Psychologen „heftig beackert. Nach einem halben Jahr mit etlichen Hilfsangeboten und intensiven Kontrollen hätten neun von ihnen eine Arbeit aufgenommen. Die 81 anderen hätten sich ohne Begründung vom Leistungsbezug abgemeldet.

Heftig be-ackert. Gemeinsam mit Psychologen.
Meine Güte, was für ein Menschenbild. Die „Hilfsangebote“ sind hinlänglich bekannt (EinEuroJobs, überwiegend sinnbefreite Maßnahmen) und wie „intensive Kontrollen“ ausschauen, davon können die allermeisten Leistungsberechtigten ein Lied singen.
Auf die Idee, dass diejenigen, welche sich aus dem Bezug abgemeldet haben, lieber betteln gehen oder in die Illegalltät abtauchen, sich vielleicht  in „andere Abhängigkeiten“ wie Ernährer-Freund, Rotlichtmilieu
ect begeben, nur um den Drangsalen und Demütigungen zu entkommen, nein, auf diese Idee kommt der Herr „Be-Ackerer“ selbstredend nicht.
Auch dass sich evtl. Leistungsbezieher für eine Unterkunft mit den Maßen 1×2 m – vulgo: Sarg – freiwillig entscheiden und die Selbsttötung vorziehen, kommt in solcher Denke offenbar nicht vor.
Wie auch, es werden ja keine KdU beantragt…

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/vollbeschaeftigung/schwerpunkt-arbeit-fuer-alle-hunderttausende-schwere-faelle-von-langzeitarbeitslosigkeit-12174574.html

Informationen „hinter den Zahlen“

Wer die genauen und ungeschönten Daten wissen möchte, klick

Eine hervorragende Analyse zur Mär Vollbeschäftigung findet der geneigte Leser im Blog von Andre Tautenhahn

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6 Kommentare zu “Mythos Vollbeschäftigung: FAZ – Hunderttausende schwere Fälle von Langzeitarbeitslosigkeit

  1. facharbeiter: ist es nicht so, das man nach einer gewissen zeit im bezug egal mit welcher ausbildung, zum ungelernten wird? vor dem sb kann auch der professor nichts und somit ist natürlich „guten“ gewissens rechtfertigbar, das jede in augen des sbs zumutbare arbeit angenommen werden muß … die fehlenden facharbeiter fliegen wir dann ein .

    • Jepp, so isses.
      „Früher“ war die „Faustregel der Arbeitsämter“: Länger als die doppelte Zeit, die eine Ausbildung dauert raus aus dem Beruf = ungelernt. Heute ist die Zeitspanne noch kürzer,
      Diese Dequalifizierungsrutsche passt doch hervorragend in unser System:
      1.
      wer „ungelernt ist“, ist „Helfer“ und damit mit prekären Löhnen abzuspeisen. Der AG spart bares Geld bzw. die Wirtschaftslobby ist hochzufrieden
      2.
      Da nach der Abschaffung der freien Berufswahl im Jahre 8 nach Hartz4 (jede Arbeit ist zumutbar…) Erwerbslose berufsfremden (Helfer)Jobs zugewiesen werden dürfen, ist der Gewinn für die Firmen sicher nicht unbeträchtlich. Es gilt, hier die Zahl der betroffenen Personen einmal hochzurechnen…
      3.
      Es ist ein ausgeklügelter statistischer Trick, denn es wird ja immer wieder betont, dass ein hoher Anteil der Langzeit-Elo’s „keine qualifizierten Abschlüsse“ haben. Merkste was 😉 ?
      4. Und weil so viele eben unqualifiziert sind nach Lesart der Behörde, müssen diese eben in Maßnahmen gesteckt werden. Somit wird noch ein Teil der „Arbeitgeber“ subventioniert: die „Bildungs“Mafia.

      Das passt scho. Sage einer, dass dieses System -auf pervertierte Art und Weise- nicht funktionieren würde…

      • die nicht-qualifikation der erwerbslosen ist damit agentur-gemacht.! finde sowieso die einstufung, das man quasi seinen bildungsabschluß durch längere arbeitslosigkeit verlieren kann, unsäglich!
        meiner ansicht sind die betroffnen qualifizierter als sie gerechnet werden.
        somit könnte auch ein hochschullehrer mit doktor- und professorentitel im ungünstigsten falle ungelernt werden :würg:
        warum in die bildung des nachwuchses investieren, mal zynisch gedacht, die verlieren ihre abschlüsse doch eh wieder! 😛

        • Das ist doch Alles so krank………………………

          Zum Thema Bildung einmal mehr – trefflich – der Uhupardo

          Bildung, Bildung, Bildung! – Solche Bildung?
          Mai4 von Uhupardo

          In jeder Talk-Show sind sich alle Politiker nur in einem Thema einig. Es braucht “Bildung, Bildung, Bildung”! – Damit noch mehr Akademiker Taxi fahren, weil das Mantra “Eiffizienz”und die Abschaffung menschlicher Arbeit durch Maschinen dafür sorgen, dass es unweigerlich immer weniger Arbeitsplätze gibt.

          weiterlesen und kurzes, bezeichnendes Video gucken auf
          http://uhupardo.wordpress.com/2013/05/04/bildung-bildung-bildung-solche-bildung/

  2. Die vielen erwerbslosen Bürger können doch zu Frau Bärbel Höhn ins Praktikum für 4,00 Euro gehen.

    • 😉 Tja, das wäre eine Möglichkeit. I.d.T. ist es eine Schweinerei, dass für diese Dame (und deren Partei) Wahlkampfarbeit geleistet werden soll, welche Anforderungen an Profis stellt.Das ganze dann für eine Praktikantenentlohnung…
      Dennoch sollten wir Frau Höhn dankbar sein:
      Sie hat daran erinnert, wer seinerzeit mitbeteiligt war, die Abrissbirne gegen den Sozialstaat in Schwung zu bringen.
      Nicht, dass ein Betroffener hier die Grünen vergisst…

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