Beistand im Jobcenter – Gedanken über Recht haben und Recht erlangen…

…oder warum die Sprache ein machtvolles Instrument ist.

Vorweg: Momentan „reißt es bei mir nicht ab“. Kaum ist eine „Angelegenheit“ geklärt, ist schon der Nächste da, welcher in Sachen Leistungsbezug allein nicht mehr weiter kommt. Klar auch, dass ich niemanden abweise(n darf), nach meiner (hier: buddhistischen) Auffassung wäre dies unethisches Verhalten. Das aber nur am Rande…

War ich in den Anfängen meiner „Hartz-Helfer-Zeit“ lediglich darauf ausgerichtet, aktuelles Leid bei einzelnen Betroffenen so schnell es geht zu heilen (Hilfe bei Widersprüchen, Klagen ect.), merkte ich nach einiger Zeit, dass dies zwar unbedingt sinnvoll ist, letztendlich aber nicht genug.

Hehres Ziel oder beginnender Größenwahn 😉 ?

Ich denke, an diese unsägliche Gesetzgebung und ihre häufig noch unsäglichere Umsetzung durch die Mitarbeiter der Jobcenter muß vielfältig herangegangen werden.

Da wäre zum einen die rein politische Ebene. Das ist, aus mannigfachen Gründen heraus, nun nicht unbedingt meine „Baustelle“, wenngleich ich  auch hier teilnehme im Sinne von „Bürgerbeteiligung“ (Demonstrationen, Arbeitskreis mit Stadtverordneten, Solidaritätsbekundungen, Petitionen usw)

Dann wäre die – in meinen Augen – ungeheuer wichtige Präsenz von Initiativen wie den KEA’s und unzähligen anderen (Selbst)Hilfeorganisationen von und für Erwerbslose/n.
Und genau hier wird es aus meiner Sicht häufig sehr schwierig. Ich stelle mit Erschrecken fest, wie sehr sich das „Feindbild Jobcenter“ auch oder gerade in den Köpfen der Aktivisten verfestigt hat.
Keine Frage, ich verstehe diese Wut, diese Verbitterung nur zu gut!
Und dennoch frage ich mich immer häufiger, ob es nicht langfristig gesehen (!) nützlicher wäre, würden die Initiativen in Bezug auf Beistand im Jobcenter eine Art „Drei-Stufen-Plan“ erarbeiten und auch umsetzen , statt sofort einen harten Konfrontationskurs einzuschlagen .
(wobei ich natürlich nicht weiß, ob dies nicht längst an manchen Orten so gehandhabt wird)

Mein erklärtes persönliches Ziel ist es, nicht nur einzelfallbezogen zu versuchen, „Recht und Gerechtigkeit“ für den Betroffenen zu erwirken. Vielmehr sollte meine Handlung möglichst auch dazu beitragen, dass der entsprechende SB/pAP künftig (!) seine Handlungen überdenkt, gewissermaßen eine Lehre aus dem Einzelfall zieht.
Ich denke, hierfür ist es unerlässlich, hinter dem Behördenmitarbeiter

Den Menschen wahrnehmen zu wollen

Der gestrige Tag hat mich Einiges gelehrt. Bisher war es eigentlich immer so, dass ich bereits Geschehenes versucht habe, zu „heilen“. Gestern war es erstmalig für mich, ein großes Übel im Vorfeld abzuwenden, konkret sollte ein U25 mit eigenem Hausstand zu 100% sanktioniert werden.

Die schriftliche Antwort auf die Anhörung haben wir bereits zuvor gemeinsam (an dieser Stelle herzlichen Dank an die Aktiven aus dem Elo-Info welche mich insbesondere in Bezug auf die arbeitsrechtlichen Hintergründe schlau gemacht haben) erarbeitet.
„Getarnt“ als Einladung nach §59 SGB2 i.V.m. § 309 SGB3 (berufliche Situation besprechen) kam das Schreiben bei dem Betroffenen an.
Dass hier eine mündliche Anhörung stattfinden sollte, war mir (spätestens) klar, als die persönliche Ansprechpartnerin/pAP ihrerseits eine Kollegin als „Beistand“ hinzu beorderte.
Jetzt spiele ich die „Möglichkeiten“ einmal durch:
1. Ich hätte den Termin sofort abbrechen können (unzulässiger Einladungsgrund)
2. Ich hätte die Rechtswidrigkeit aufzeigen  und die pAP mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren können
3. Ich hätte auf Nicht-Anwesenheit der Kollegin bestehen können (Datenschutz, nur ein Vorgesetzter wäre zulässig)
Gretchenfrage: Wäre ein derart -rechtlich zwar korrektes- massives Auftreten aber dem von Sanktion Bedrohtem dienlich gewesen? Vermutlich nein.

Wichtig ist der Betroffene, nicht die rechtliche Einschätzung durch einen Laien-Beistand

In diesem Fall also war es enorm wichtig, die Sanktion abzuwenden. Versetzt mensch sich in die Lage des Gegenübers (pAP), liegt es auf der Hand, dass mit Handlungen, die als „Affront“ empfunden werden, nur eines erzeugt wird: Unwillen.
Und es ist schlicht menschlich („menschlich“ beinhaltet auch immer die negativen Aspekte menschlicher Emotionen 😉 ), dass dann eine Reaktion erfolgt gemäß des Mottos „…denen zeige ich, wer am längeren Hebel sitzt…
Somit war Stufe 1 meines persönlichen 3-Stufenplans angesagt:
Freundlich-sachlich zu versuchen, den Menschen (!) hinter dem Schreibtisch anzusprechen, nicht den Mitarbeiter. Positive Reaktionen regelrecht zu provozieren unter Bezugnahme auf „menschliche Erfahrungswerte“ wie beispielsweise: positive Bestärkung bringt mehr Erfolg als schwarze Pädagogik
( hier bezogen auf die Sinnlosigkeit von Sanktionen )
Dabei aber dennoch klar und bestimmt zum Ausdruck zu bringen, dass vor einer Klage seitens des Betroffenen keinesfalls zurückgeschreckt wird, weil eben die Sanktionstatbestände mehr als fragwürdig sind.
Die rechtlichen Schritte sind Stufe 2 meines persönlichen 3-Stufenplanes.

Das Gute im Menschen

wird meiner Ansicht nach nicht (wieder)erweckt bzw. unter den Müllhalden von negativen Vorurteilen ect. herausgekramt, wenn man sein Gegenüber bei der ersten Begegnung sofort mit harschen Worten konfrontiert, mit Paragraphen um sich wirft und eine „feindliche Haltung“ signalisiert.
Das gilt für jeden Menschen, da bilden SB und co keine Ausnahme.
Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass die „menschelnde“ Stufe 1 zum erwünschten Ergebnis führt. Manchmal ist der Müllberg über dem „Guten“ einfach zu hoch aufgetürmt und manchesmal…gibt es auch kranke Menschen, die einfach Genuss an boshafter Machtausübung haben.
Aber einen ersten Versuch ist es immer wert.
Ich zumindest maße mir nicht an, bereits in den ersten Minuten feststellen zu können, ob ein echter „Überzeugungstäter“ vor mir sitzt…
Die Chance, dass SB sein Handeln selbst-kritisch hinterfragt und bei der nächsten Gelegenheit vielleicht seinen (durchaus vorhandenen!) Ermessenspielraum zugunsten des Leistungsberechtigten nutzt, ist gegeben.
Somit denke ich, dass es nachhaltiger sein kann, dem Gegenüber die Chance „Mensch-sein“ (im positiven Sinne ) einzuräumen.
Und wenn es nicht funktioniert (warum auch immer) ist eben sofort Stufe 2 angesagt, durchaus auch verbunden mit

Stufe 3 – Aktionen und sonstige Öffentlichkeitsarbeit

sind im weitesten Sinne politische Arbeit. Bezogen auf die A-Sozial-Gesetzgebung mit ihren entmenschlichenden Auswüchsen, den Demütigungen…bezogen also auf den Krank-und Totmacher Hartz4, sind öffentliche Aktionen und Pressearbeit unerlässlich. Sie bilden auch einen wichtigen Gegenpol zur noch immer vorhandenen Hetze.
Flankierend sollen (!) sie meiner Meinung nach auch sein, wenn bei eklatanten Rechtsbrüchen gegenüber Betroffenen über die „Vernunftsschiene“ nichts zu erreichen ist.

Die Krux aber, so vermute ich, liegt darin, dass in der direkten Begleitung vielfach Stufe 1 ausgelassen wird .
Damit, und vielleicht ziehe ich mir jetzt den Zorn vieler Aktivisten zu, „entmenschlichen“ aber auch wir unser Gegenüber, leben „unsere“ Vorurteile aus, vergelten also Gleiches mit Gleichem (…SB sieht nicht den Menschen, nur die BG-Nr. – wir sehen nicht den Menschen, nur den Schreibtischtäter...)

Ich denke auch, dass aus verständlicher Wut und Verbitterung heraus die Chance vertan wird, mit gezielt positiver Ausrichtung/Bestärkung ein Nachdenken/Umdenken bewirken zu können.
Letztendlich stellen „wir“ uns  auf eine Stufe mit denen, deren Handeln wir verabscheuen, wenngleich klar ist, dass „unser“ Handeln nicht existenzbedrohend für SB und co ist, deren Handeln Betroffenen gegenüber es aber sehr wohl sein kann.
Da möchte ich nun keinesfalls mißverstanden werden!

Vielleicht aber kann es „uns“ dennoch gelingen, viel mehr Menschlichkeit zu erreichen, wenn „wir“ als Begleiter und Beistände den ersten Schritt selbst machen und aus dem „amtlichen Gegenüber“ den Menschen herauszulocken versuchen.
Dass „wir“ dazu unsere persönlichen Befindlichkeiten und negativen Erfahrungen hintenan stellen müssen, ist zugegeben Schwerstarbeit.
Ich glaube aber fest daran, dass es unmöglich ist, fürderhin ein gleichgültiger Abnicker-SB  zu sein, wenn positive Emotionen wie Mitgefühl erst einmal aus dem Tiefschlaf geholt worden sind.
Das wäre dann schlußendlich Nachhaltigkeit im Sinne vieler Betroffenen, nicht nur ein Einzel“erfolg“ für den jeweilig von uns „Begleiteten“.
Und um diese „Hartz-Opfer“ geht es, nicht um „uns“ in momentaner Funktion als Beistand!
Das war ein Teil meiner – hier wieder ausufernd formulierten – Gedanken 😉  zum Thema Beistand

PS: Die Sanktion ist vom Tisch…

 

 

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6 Kommentare zu “Beistand im Jobcenter – Gedanken über Recht haben und Recht erlangen…

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  4. Absolute Zustimmung!
    Was ist mein Ziel?
    Und mit welchen Mitteln erreiche ich dieses Ziel am Besten?

    Es geht nicht um Recht haben oder Recht behalten – sondern um Ziel-Erreichung, möglichst so, dass beide Parteien damit leben können (WIN-WIN-Situation).

    LG
    Ecem

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