Was ist eigentlich „normal“ ? Teil 2

Wie bereits vor einem halben Jahr geschrieben ( was ist eigentlich normal, klick ) hege ich einen enormen Widerwillen dagegen, jedwede „abweichende“ (von welcher Norm, eigentlich?) Verhaltensform zu psychologisieren.

Und wie damals erwähnt, befinde ich mich mit dieser Einschätzung in „guter“, resp. kompetenter Gesellschaft. Beklagte ich seinerzeit die heutzutage vorherrschende Herangehensweise, die des vorschnellen Psychologisierens (gleichbedeutend mit umgehender „Diagnosestellung“), mit Beispielen aus der Literatur, möchte ich heute verstärkt auf Allen Frances, klick verweisen. Und ich frage mich:
Wenn bereits der „Pabst unter den Psychologie-Professoren“ die Inflation der Diagnosen anprangert, liege ich mit meiner laienhaften, kritischen Einschätzung dann nicht doch goldrichtig?

Zitat (…) Irgendwann wäre kaum noch jemand normal: „Viele Diagnosen aus dem neuen Handbuch treffen schon auf jemanden wie mich zu“, erklärt Frances. „So habe ich sicher eine leichte ‚kognitive Beeinträchtigung‘. Denn ich vergesse vieles. Manche Leute werden mir auch bestimmt auch eine ‚Aufmerksamkeitsstörung‘ attestieren. Und es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich bestimmt die Kriterien für eine Depression erfüllt, vor allem als meine Frau gestorben ist. Und meine Enkelkinder erfüllen die Kriterien der ‚Launenfehlregulationsstörung‘. Es ist lächerlich, das System wurde völlig auf den Kopf gestellt.“

Quelle

Verärgerung

Nun, letztes Jahr ging ich an dieses Thema weitestgehend „neutral“ heran, wenngleich der Hauptauslöser, mich überhaupt damit beschäftigen zu wollen, der Fall Gustl Mollaths war. Mehr oder weniger also ein Hinterfragen des – cui bono / wem nutzt es? – weil mich die „Causa Mollath“ emotional stark beansprucht. Weil, obgleich nicht persönlich betroffen, diese himmelschreiende Ungerechtigkeit für mich nur halbwegs zu ertragen war, wenn ich verstand, welches (pervertierte) „Darum“ dahintersteht. So kam ich denn mehr oder weniger vom „Hölzken auf’s Stöcksken“ 😉
Die jetzige Beschäftigung mit diesem Thema allerdings ist sehr persönlich. Ich bin verärgert. Verärgert, weil ich selbst „betroffen“ bin.

Das Helfersyndrom, die Depression und der Küchentisch

Wenn bereits die Vorgehensweise von „echten“ Psychologen deutlich hinterfragt werden muss, um wieviel kritischer ist dann eine „Bewertung“ durch Laien (mit mehr oder weniger marginalem, fachlichen Hintergrundwissen) zu sehen?
Vor Jahren bereits war ich empört darüber, als mir mittels „Küchentisch-Psychologie“ ein „Helfer-Syndrom“ angedichtet wurde. Bei genauer Nachfrage wusste nicht ein Einziger dieser „Experten“, was  dieser -inflationär angewandte- Begriff eigentlich wirklich bedeutet.
Zitat des „Erfinders“ Wolfgang Schmidbauer:

Das damals von mir geprägte Wort vom “Helfersyndrom” ist inzwischen, oft völlig aus diesem Kontext gelöst, Teil der Alltagssprache geworden. Allerdings wird meine These dabei meist plakativ missverstanden, etwa in dem Sinn, dass Helfer neurotisch sind oder auch nur aus egoistischen Motiven handeln (…)

Quelle HP Schmidbauer

Tja, und jetzt attestieren mir zwei mir sehr nahestehende Menschen doch glatt eine Depression…

Erwartungshaltung vs. Enttäuschung = Diagnose?

Vielleicht unterliege ich selbst jetzt der Versuchung, (pseudo)psychologisch ergründen zu wollen, warum mensch so schnell mit Schubladen zur Hand ist. Warum – gerade wenn ein Mensch dem anderen viel bedeutet – „abnormale Verhaltensmuster“ sofort als psychische Erkrankung gewertet werden.
Ist es die liebevolle Sorge, die nach Erklärungen sucht und zum “ Automatismus Psychokeule“ führt?
Oder ist es (auch) dieses leider so beliebte „Schema F“, nach welchem mit den  eigenen Lebensformen als Maßstab den Mitmenschen übergeholfen werden soll?
Getreu des Mottos: „Wenn ich […] , dann kann/sollte/muss auch „der Andere“ so reagieren/handeln/sich verhalten“
Rational wird ein solches „Maßstabdenken“ gewiss vehement in Abrede gestellt werden …aber (mit Rückgriff auf die Psychologie 😉 ) wo bleibt dann das Anerkennen des Unterbewußtsein?

Vielleicht aber ist auch die Erwartungshaltung „schuld“, die dann, wird diese Erwartung nicht erfüllt, eine Enttäuschung nach sich zieht. Und eben weil man den Anderen mag (als Schutzmechanismus vor Zorn (aus) /oder übergroßer Enttäuschung?) , greift man nach gängigen Erklärungsmustern und psychologisiert ihn.

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung
Antoine de Saint-Exupery/x/details.png

Um es auf den Punkt (und diesen Artikel zu Ende) zu bringen:
Mit diesem Artikel habe ich meiner Verärgerung Luft gemacht. Gleichsam ist er eine Bitte darum, nicht einer Art „pawlowschem Reflex“ zum Opfer zu fallen, vielmehr die Vielschichtigkeit des menschlichen Verhaltens einfach einmal anzuerkennen.
Ein differenzierteres Umgehen ist gewiss immer einem „gesunden Miteinander“ dienlich. Diese Feststellung hat Allgemeingültigkeit und mit mir als „betroffenem“ Menschen schon wieder recht wenig zu tun, wenngleich ich sie treffe, weil ich mich betroffen (verärgert) fühle.
Melancholie ist keine Depression.
Feinfühligkeit gibt es (klick) und sie ist nicht gleichbedeutend mit irrational.
Rückzug bedeutet nicht zwingend Gleichgültigkeit.
Ein „inneres Band“ erträgt auch ein paar Tage (Wochen) des Nicht-unmittelbaren-Kontaktes.
Schweigen kann für den Schweigsamen sehr dienlich sein.
Reflektieren und tiefe Nachdenklichkeit (auch über längeren Zeitraum) ist kein zwangskrankes Grübeln.
Während eines solchen Prozesses ist manchmal  kein Raum für Belangloses („klönen“, plaudern ect.)
Das eigene Vorgehen ist nicht der Maßstab für andere Menschen.
„Befremdliches“ Verhalten ist nicht zwingend gleichzusetzen mit psychischer Erkrankung.
Es ist dienlich, die eigenen Wünsche und Erwartungen zu hinterfragen.
Es ist nicht dienlich, ohne Letztgenanntes getan zu haben, Menschen zu „beurteilen“
Menschen sind nun einmal unterschiedlich.

Und schlußendlich (als kleiner „Seitenhieb“ für die – mir wichtigen ! –  „Psychokeulen-Fans“ 😉 angedacht )

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht Euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.

George Bernard Shaw

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