Positive Psychologie – Todfeind der Wirklichkeit (?)

Zunächst ein paar Auszüge aus dem Artikel (Hervorhebungen von mir), dessen Überschrift ich übernommen habe – Quelle und vollständig lesen, klick

Lasst uns die Welt mit anderen Augen sehen“ – Coca Cola ruft derzeit im Privatfernsehen zwischen den Sendezeiten zu einem positiven Weltbild auf. Durch die Perspektive von Überwachungskameras werden Szenen gezeigt, die scheinbar zufällig aufgenommene altruistische und harmonische Interkationen von Menschen zeigen. Dass ausgerechnet ein Konzern, der Menschenrechte verletzt, vielerorts Lebensgrundlagen und die Umwelt zerstört, mit einem positiven Weltbild zu glänzen versucht, zeugt von grotesker Respektlosigkeit und doch ist es ein Paradebeispiel für den Zustand unserer Gesellschaft

(…) drei „Fallen“ des Konzepts hin. Sie glaube an das „Zeitalter des Glücks“ (Optimismusfalle), bezeichnen „Glück“ als das einzig Erstrebenswerte und wichtigste im Leben (Absolutheitsfalle) und beschuldige den Einzelnen für seine psychische Gesundheit (Individualismusfalle). Die Grenzen des Konzepts werden schon zu seinem Beginn erreicht. Positive Psychologie ist in jedem Fall nichts anderes als Selbstbetrug unserer unterdrückten Gefühle und Emotionen.

(…) Diese Art der „Therapie“ ist nicht nur Nachhaltig-destruktiv für den Einzelnen, weil es bei positiver Psychologie nicht um Vergangenheitsbewältigung sondern um positives Zukunftsdenken geht, sie steht einer freien Gesellschaft sogar unverträglich gegenüber. Sie verschleiert die Realität und setzt sich alternativen Handlungsmöglichkeiten eines kranken Individuums entgegen. Sie ist der Todfeind der Erkenntnis von gesellschaftlicher Wirklichkeit und jeden Fortschritts in ein besseres Leben. Sie legt verbildlicht das Diktat der Gesundheit über den Metastasenüberzogenen Gesellschaftskörper.

(…) Wir leben in einer Gesellschaft am Rande des Abgrunds, in der immer mehr Menschen aufgrund unsozialer und schädlicher Zustände erkranken, aufgrund deren zu Drogen und Medikation greifen oder sich gar das Leben nehmen. Das eigentlich “Gute” im Menschen, dessen er in der bestehenden Gesellschaft beraubt wird und zu Menschenuntypisch unsozialen Verhaltensweisen gezwungen wird, bringen ihn in Konflikte mit seinen Sehnsüchten nach Liebe, Entfaltung und Anerkennung.
Jeder ist sich selbst der nächste, und das nicht aufgrund natürlich-angeborener Eigenschaften des Menschen, sondern durch die Sozialisation in einer kranken Gesellschaft, in der Erfolg, Konkurrenz und unsoziale Verhaltensweisen im Sinne des Wirtschaftswohles gefördert werden.

(…) Positive Psychologie pauschalisiert viele Aspekte unter ihrem Namen. Sie wehrt sich selbst gegen die Medikation von psychisch Kranken und fordert die Akzeptanz des Einzelnen gegenüber seinem Unheil. Doch schon der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti erkannte frühzeitig, dass es „kein Zeichen von Gesundheit“ ist, „an eine zutiefst kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein“.
Wichtig ist der positiven Psychologie nicht die Analyse des Ursprungs, der Wurzel des Übels. Viel wichtiger sei der Blick nach vorne, das blinde Vertrauen in ein positives Weltbild gegenüber eine kranken Gesellschaft, die eigentlich keinerlei Gründe haben sollte, sich selbst zu zelebrieren.

Erste Gedanken dazu

Viele Aussagen des Artikels kann ich bejahen, Einiges hingegen sehe ich als zu sehr im schwarz-weiß-Denken verhaftet. Wichtig wäre vielleicht, zunächst einmal zu fragen, wann „der Mensch“ sich „glücklich“ fühlt. Den Glücksbegriff als solchen also zu durchleuchten. Vielleicht wäre es gut, den Begriff „Glück“ zunächst durch „Wohlfühlen“ zu ersetzen, denn ich denke, „Glück“ ist mittlerweile zu vielseitig „verfälscht“ worden.
Beispiel: „Ich hatte Glück, ich wurde bei dem Unfall nicht verletzt“. Die Frage stellt sich aber, ob sich in der Unfallsituation auch nur ein Hauch des Wohlbefindens fand. Vermutlich nein.

Wann tritt wirkliches Wohlbefinden ein? Ich denke, es steht im direkten Zusammenhang mit der Erfüllung grundsätzlicher Bedürfnisse: Liebe, Nähe,Zuwendung auf der einen Seite und die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse wie Hunger und Durst.
Warum  entzückt uns ein Babylächeln so sehr? Es zeigt uns schlicht ZuFriedenheit und Wohlbefinden.

Ein Streben nach Zufriedenheit, nach Wohlfühlen hat, denke ich, nichts mit der benannten „Absolutismusfalle“ zu tun,vorausgesetzt ist aber, dass wir anerkennen:

Im Alleingang ist Zufriedenheit nicht machbar

Wir sind, ob wir das gutheißen oder nicht, immer verbunden. Unser aller Leben beruht auf Interdependenz. Eine wechselseitige Abhängigkeit. Einzig die Natur braucht uns Menschen nicht. Hier ist die menschliche Abhängigkeit einseitig.
Begreifen wir uns also als einen Teil des Gesamten, ist es nur folgerichtig, nichts und niemandem schaden zu wollen.

Die Glieder, als Teile meines Körpers, erscheinen mir wichtig, die Menschen, als Teile der Menschheit, etwa nicht ?
Dalai Lama

Daher sehe ich es kritisch, wenn gesagt wird, „die Gesellschaft“ sei schuld an herrschenden Verhältnissen.
Wer ist „die Gesellschaft“ denn ? Das bin ich, das bist Du (Leser), das sind wir alle.
Somit ist es ein Unding, „die Gesellschaft“ ändern zu wollen, die Veränderung kann nur in/aus Jedem selbst heraus entstehen. Mit einer Besinnung darauf, was uns wirklich (!) wohlfühlen lässt.
Von daher ist der Ansatz, dass jeder einzelne Mensch nach „Glück“ streben sollte, nicht grundsätzlich falsch. Unter Beachtung der Tatsache, dass wir keine unabhängig voneinander existierenden Einzelwesen sind. Und in Erkenntniss, dass Vieles, was uns „Glück“ suggeriert, nur eine Befriedigung künstlich erzeugter Bedürfnisse ist.

Analyse der Vergangenheit, der Blick nach vorn… und wo bleibt die Gegenwart?

Der Autor des Artikels kritisiert völlig zurecht, dass ein Ausblenden der „Ursachen des Übels“ in der positiven Psychologie stattfindet. Ob sie gleichsam ein „blindes , posivistisches Vertrauen“ in die Zukunft propagiert, vermag ich so nicht zu beurteilen.
Reflektion und Analyse der Vergangenheit, Ursachenforschung, das Alles ist völlig in Ordnung. Ich fürchte aber, der einzelne Patient wird mit einer gesamtgesellschaftlichen Rückschau überfordert sein.
Schon von daher tendiere ich persönlich dazu, die Vergangenheit als das anzunehmen, was sie ist:
Vergangen. Unabänderlich. Dienlich bestenfalls als Lehre.
Schmerzlich vermisse ich zudem in dem Artikel  die Wichtigkeit der Bedeutung des Hier und Jetzt.

Hierzu gibt es eine wunderbare, buddhistische Parabel, Quelle:

Nehmen wir an, ein Mensch wäre von einem giftigen Pfeil durchbohrt, und seine Verwandten und Freunde kämen zusammen, um einen Chirurgen zu holen, der den Pfeil herausziehen und die Wunde behandeln sollte.

Wenn der verwundete Mann protestieren und sagen würde: „Warte ein bißchen! Bevor du ihn herausziehst, möchte ich wissen, wer diesen Pfeil schoß.
War es ein Mann oder eine Frau?
War es jemand von edler
Herkunftoder war es ein Bauer?
Woraus bestand der Bogen?
War es ein großer oder ein kleiner Bogen, der den Pfeil schoß?
Bestand er aus Holz oder aus Bambus? Woraus bestand die Bogensehne?
War sie aus einem Faserstoff oder aus Darm?
War der Pfeil aus Rohr oder aus Schilfrohr?
Was für Federn wurden verwendet?
Bevor du diesen Pfeil herausziehst, möchte ich alles über diese Dinge wissen!“ Was wird dann passieren?

Bevor alle diese Informationen beschafft werden können, wird das Gift zweifellos Zeit gehabt haben, durch das ganze Blutsystem zu kreisen, und der Mann stirbt wahrscheinlich.

Deshalb besteht die erste Aufgabe darin, den Pfeil zu entfernen und zu verhindern, daß sich sein Gift ausbreitet.

Die Gefahr der „Betriebsblindheit“

Um zum Ende zu gelangen: Ein blindes Vertrauen in eine unsichere Zukunft zu propagieren, wie es die positive Psychologie dem Vernehmen nach machen soll, wäre natürlich töricht.
Dass dazu noch die diesbezüglichen Forschungsergebnisse des Begründers Seligman äußerst dankbar von Motivationstrainern und Coaches aufgegriffen wurden,ist nach meiner Einschätzung bedenklich.
Denn genau diese „Tschakka-Propheten“ coachen ja überwiegend Mitarbeiter hinsichtlich besserer Selbstvermarktung, Nutzen bringt dies meist nur den Konzernen, welche von motivierten Mitarbeitern monetär profitieren.
Das ganze (ursprünglich gewiss gut Angedachte) mündet schlußendlich in eine Art kapitalismusfreundlichen Zirkelschluß…und keinesfalls in eine „bessere Gesellschaftsform“

Dennoch ist eine nicht ausschließlich negativ besetzte Grundhaltung wichtig, wie ich finde.
Denn wenn die Analyse der Vergangenheit nur Negatives aufzeigt, wenn der Blick in die Zukunft auch nur wolkenverhangen ist, wie soll dann in der Gegenwart das so wichtige „Selbstbesinnen“ funktionieren? Der Blick bleibt wohl verstellt…
Und wie geschrieben, die „gesamtgesellschaftliche“ Veränderung beginnt nun einmal in jedem Einzelnen selbst.
Eine, das wenige noch vorhandene Positive ausblendende Haltung, eine Haltung auch ohne den Hauch einer Hoffnung, führt höchstwahrscheinlich zu Betriebsblindheit. Sie führt zur Verbitterung, sie bremst aus, sie lässt versteinert zurück.Die Bibel hat da die Geschichte von Frau Lot im Angebot, sehr passend, wie ich finde…

Eine solche, ausschließlich negative Einstellung ist gewiss schädlich, was die eigene Veränderung betrifft und endet vermutlich im Ringelpietz der sich selbst erfüllenden, negativen Prophezeihung.
Gerade die Klugen, die Analytiker, die Systemkritischen fallen dem häufig zum „Opfer“, das ist derart schade und traurig (leider oft schon so miterlebt), eine solche Verschwendung von so tollem, menschlichen Potential.

Das mal so als erste Gedanken, weitere Denkanstöße sind erwünscht 😉 …

Advertisements

Teile uns deine Gedanken mit:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s