Polizeigewalt nach Moscheebesuch: Proteste in Offenbach und Hamburg

Ich hoffe, mein Versuch, hier einigermaßen neutral zu schreiben, scheitert nicht kläglich.
Insbesondere zu Hamburg muss ich mich bedeckt halten, wenngleich sich mein „Bauchgefühl“ mit den betroffenen Jugendlichen solidarisch erklärt.

Hier zunächst der Artikel in den deutsch-türkischen Nachrichten

Es gibt sie, die „verdachtsunabhängigen“ racial profilings, klick ,da nutzt ein Abstreiten der Polizeiführung nun herzlich wenig. (Latenter) Rassismus ist in Offenbach auch bei den „Mitbürgern in Uniform“ vorhanden.Das durfte ich einige Mal selbst miterleben.

Zitate Offenbach Post
(…) Nachbarn berichteten, dass zu Beginn der Kontrolle zunächst vier Streifenwagen, später sogar 13 im Einsatz gewesen seien. „Wir mussten zunächst unsere Ausweise vorzeigen und wurden dann aufgefordert, uns an eine Wand zu stellen“, berichtet der 20-jährige Soufian D., der in Lauterborn wohnt. Ein Freund aus der Gruppe habe sich dem jedoch verweigert und die Beamten aufgefordert, Mäßigung zu zeigen. „Daraufhin haben die Polizisten seinen Arm auf den Rücken gedreht, ihm Handschellen angelegt, mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen und zu Boden geschleudert.“

(…) Soufian D. ist davon überzeugt, dass die Polizei die Gruppe wegen ihrer „muslimisch aussehenden Kleidung“ so behandelt habe. „Als Muslime werden wir wie potenzielle Verbrecher behandelt. Die Polizisten waren gezielt an einer Eskalation interessiert. Sie haben sogar 13-jährigen Kindern Handschellen angelegt.“ Die Gruppe war für das Tarawih-Gebet im derzeit laufenden Fastenmonat Ramadan in die Moschee gegangen. „Wir besuchen hierzu jeden Tag eine andere Moschee in Offenbach.“ Seinen Aussagen zufolge habe es bei dem Einsatz keinen Grund für Festnahmen gegeben, niemand habe Waffen oder Drogen bei sich gehabt, weshalb alle Jugendlichen auch wieder laufen gelassen worden seien. Die Beamten hätten der Gruppe jedoch nahegelegt, „besser nicht zur Presse zu gehen“.

Ich hege keinerlei Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussagen

Denn: Jugendlichen oder jugendlich Aussehenden widerfährt hier in OF häufig eine schnelle „manuelle Sonderbehandlung“. Teile der Beamten leben offenbar ihre ganz persönliche Profilneurose an denjenigen aus, von denen keine Gegenwehr erwartet wird – an jungen, teils sehr jungen Menschen –

Meinem Sohn widerfuhren, als er noch jünger war, drei mal solche „Spezialkontrollen“, bei denen einmal trotz Hinweises auf einen gerade erst frisch verheilten Trümmerbruch im Handgelenk der Arm an eben diesem Gelenk brutal auf den Rücken gedreht wurde.
Ein anderes Mal (er saß im Park und rauchte diese ekligen Kräuteretten aus der Apotheke, um vom Nikotin los zu kommen) musste er, unsanft dahin geschubst, am Polizeifahrzeug „den Adler“ machen. Als er sich weigerte, sich in aller Öffentlichkeit mehr als nur die Jacke auszuziehen, wurde er mit auf das Revier genommen und der Leibesvisitation unterzogen. Verdacht auf Drogenbesitz.
Lernen die in der Polizeischule heute nicht mehr, wie Pot riecht? Diese Aktion war peinlich, beschämend und bezeichnend, aber meine diesbzgl. Dienstaufsichtsbeschwerde war „natürlich gegenstandslos“…

Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund werden grundlos, mehrfach täglich kontrolliert. Dass dabei generell geduzt wird, ist die noch geringste verbale Entgleisung seitens der Staatsmacht.
Ich wurde selbst Ohrenzeuge, als ein älterer Beamter im Revier zu seinem Kollegen sagte, dass „…diese Kanacken doch alle Dreck am Stecken haben…“

Gewiss sind nicht alle Jugendlichen (egal, welcher Nationalität) Unschuldslämmer. Und es bedarf wohl auch einer gewissen Lebenserfahrung, sich nicht von Jungs im Testosteron-Überschwang, die eine große Lippe riskieren und mächtig auf dicke Hose machen 😉 , provozieren zu lassen.
Genau diese Gelassenheit erwarte ich aber von „Staatsdienern“ im Umgang mit noch etwas ungestümen Menschen!
Nebenbei: Gerade von  muslimischen Jugendlichen widerfuhr mir noch niemals eine Respektlosigkeit, ganz im Gegenteil. Vermutlich, weil ich ihnen mit für mich völlig normalen, menschlichen Respekt begegne…

Und ich lebe seit über 2 Jahren mitten im Nordend, der „Offenbacher Bronx“

Respekt, den sollten auch die Uniformierten ausüben…wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es (überwiegend) noch immer heraus…

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Kurzer „Nachschlag“ – die Version der Polizei

Die Polizei schildert den Vorgang anders: Zu den Handgreiflichkeiten sei es gekommen, weil die Jugendlichen sich der Kontrolle widersetzt hätten, sagte ein Polizeisprecher der Frankfurter Rundschau. Bei dem Gerangel sei ein Beamter am Arm verletzt worden. Der verletzte 20-Jährige sei „unglücklich ausgerutscht“ und gegen eine Wand gefallen. Gegen ihn und zwei weitere Männer werde wegen Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt.

Quelle Frankfurter Rundschau

Diese Darstellung ist ebenso alt, wie stereotyp und nicht erst seit Heiligendamm unglaubwürdig. Sich im Korpsgeist sonnend und mit Recht sicher fühlen – denn wann wurde schon einmal ein Polizist verurteilt? – lässt immer häufiger Auswüchse zu.
Das läßt sich vergleichen mit der Frage, warum sich ein Hund die Hoden leckt:
Er macht es, weil er es KANN

Im Westen nix Neues

Zum „versehentlichen Sturz“ bei Polizeikontrollen und ähnlich lautenden Märchen hat sich in grauer Vorzeit gekonnt musikalisch- ironisch der Reinhard Fendrich geäußert:

(…) Gustav ans an Gustav zwa, mir moch’n heit a Razzia.
Wenn uns das Glück nicht ganz verlässt, zerstör’n wir gar ein Rauschgiftnest.
Wos sich die Jungen heut erlaub’n, des sollt‘ ma wirklich gar net glaub’n,
des hätt‘ es früher ois net geb’n, na de wer’n heute was erleb’n.
Es g’hört, dass die Gesetzesfaust auf das Gesindel niedersaust,
für so was haben wir gottlob ja unseren Elitetrupp.

(…) Gustav ans an Gustav zwa, mir moch’n heit a Razzia.
Allanich mit Psychologie vernicht‘ ma diese Gfraster nie.
Weil kommt da eine Student daher, der glaubt er is da irgendwer,
da fliagt a gegen die Autotür, da kömma leider nix dafür.
Und wird er dann noch rabiat, ab aufs Kommissariat,
da wird er ordentlich verhört, bis er si nimmermehr rührt.

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2 Kommentare zu “Polizeigewalt nach Moscheebesuch: Proteste in Offenbach und Hamburg

  1. Ich will mal richtig zynisch sein: In der Deutschen Demokratischen Republik gab es sowas nicht! Wer es überhaupt nur andachte, Flüchtlinge (Chile, Vietnam etc.) anzugreifen, war reif für den Knast, wurde also bestraft, und die Polizei hat in solchen Fällen korrekt zugegriffen. Hierzulande, zu Zeiten der Existenz des Warschauer Pakts wäre so ein Verhalten auch nicht geboten, nein es wäre im Sinne einer positiven PR sogar behördlich unzulässig. Will sagen, es gibt kein Korrektiv mehr, der Kapitalismus im Endstadium läuft ohnehin auf Tod, Marx hatte Recht (Das Kapital, 3. Band). Dorten insbesondere die Theorie vom stetigen Fall der Profitrate, es geht also nach unten, nicht nur die Löhne sondern auch der mitmenschliche Umgang.

    • (…) es geht also nach unten, nicht nur die Löhne sondern auch der mitmenschliche Umgang.

      Das ist es, was mich so ungeheuer traurig macht und zugleich so zornig.Wenngleich Macht „den Menschen“ schon immer dazu verführt hat, dem „Bösen“ in sich freie Fahrt zu geben,hat sich dennoch alles irgendwie verändert, und das innerhalb kürzester Zeit.Es ist so zügellos geworden, im negativsten Sinn
      Ja, der olle Kalle hat wohl schon fast etwas prophetisches…

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