Offenbach/Deutschland – Dramatischer Anstieg der Wohnungslosigkeit

Vorweg:
Mangels Nachweisen – und nicht aufgrund von „Blindheit“ 😉 – beschränke ich mich bezüglich Wohnungs/Obdachlosigkeit in diesem Artikel auf Deutschland, wohlwissend, dass die Wohnungsnot in vielen Ländern noch dramatischer ist als bei uns.

Die Definition von Obdachlosigkeit

Nach der Definition der BAGW [Bundesarbeitsgemeinschaft] ist eine Person wohnungslos, wenn sie nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Das sind nicht nur Menschen, die auf der Straße leben, sondern auch Bewohner von Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen, Frauenhäusern, Aussiedler- und Asylbewerberunterkünften, sowie Personen, die bei Verwandten, Freunden und Bekannten vorübergehend untergekommen sind.

Quelle

Da es bislang keine bundeseinheitliche,statistische Erfassung von Wohnungslosigkeit gibt, beschränkt sich die BAGW auf Schätzungen. In 2012 sollen gemäß dieser Schätzung 284.000 wohnungslos gewesen sein.

Zitat (…)Im vergangenen Jahr waren 284.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. Damit stieg die Zahl im Vergleich zu 2010 um 15 Prozent. Das teilt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW) mit

Quelle

Das Strassenmagazin Hinz & Kunzt…

…äußerte bereits in 2009 Zweifel an der (in Hamburg vorgenommenen) Zählung.
Zitat (…) Laut der letzten, offiziellen Zählung 2009 leben in Hamburg 1029 Menschen auf der Straße. Hinz&Kunzt gab damals eine eigene Studie in Auftrag, bei der es vor allem um die Situation und Wünsche der Obdachlosen ging. Denn wir glauben, dass in Wahrheit weitaus mehr Menschen auf der Straße leben: So tauchen etwa alle, die in Notunterkünften leben, gar nicht in der offiziellen Statistik auf.
(aus Hinz&Kunzt 199/September 2009)

http://www.hinzundkunzt.de/vendorsweek-5/

Der Knackpunkt…

…dürfte in der Tat sein, dass Menschen in Notunterkünften weder bundesweit einheitlich erfasst werden und die Schätzungen zudem viel zu niedrig angesetzt sind.Anders lässt sich die Diskrepanz zwischen der Schätzung der BAGW – bundesweit 284.000 – und der statistischen Erfassung allein nur für Offenbach nicht erklären.

Gemäß Auskunft der MainArbeit stiegen die Übernachtungen im Zeitraum von 2008 – 2012 von 77.311 auf 106.277. Menschen, die nicht dem Zuständigkeitskreis MainArbeit zuzuordnen sind und über das Ordnungsamt nach Notunterkünften nachfragen, sind hier nicht mit eingerechnet.
Die jeweilige (oder durchschnittliche) Verbleibdauer in den Notunterkünften ist mir (noch) nicht bekannt. Auf einen Monatsdurchschnitt heruntergebrochen übernachteten monatlich 8.833 Menschen im Jahr 2012 in von der MainArbeit/ZVU zugewiesenen Notunterkünften.
Die steigende Tendenz ist noch immer ungebrochen.

Eine Schande

Wenngleich ich in meinem aktuellen Fall einen schnellen Durchbruch erzielte, sieht es doch allgemein in Offenbach düster aus.
So weiß ich um eine junge Mutter, deren Kinder ( zuletzt wohnhaft bei dem Ex-Ehemann) jetzt in eine Inobhutnahme kommen, da das Familiengericht zwar in  Person der Mutter keinerlei Kindeswohlgefährdung sieht, dennoch nicht das Aufenthaltsbestimmungsrecht auf sie übertragen will, weil sie in einer unzureichenden Notunterkunft lebt.
Die MainArbeit lehnte bisher alle selbstgesuchten Wohnungen als „unangemessen“ ab. Schlimmer noch, auf Anfrage wurde ihr ein Maklerschein verweigert, weil die Eigenbemühungen „plötzlich unauffindbar“ waren. Diese wurden sowohl mittels Briefpost als auch von der Sozialarbeiterin per Fax versandt…

Preisfrage:
Wer von den Bewohnern der Notunterkünfte wurde über die neuen Mietobergrenzen informiert?

Antwort: Keiner!
Wenn die Unterstützer dies nicht täten, wüsste kaum jemand, dass die Suchkriterien sich zum Positiven hin verändert haben. Auch Bürger, die von Kostensenkungsaufforderungen betroffen sind, Menschen, die zu den KdU aus dem kargen Regelsatz zubuttern, wurden nicht informiert.
Klar, man könnte jetzt auf die vielzitierte „Eigenständigkeit und Selbstverantwortung“ verweisen. Bleibt mensch aber realistisch, dann liegt es klar auf der Hand, dass Menschen in extremen Lebenssitualtionen (obdachlos) oder Bürger mit Sprachbarrieren („Migrationshintergrund“) nicht unbedingt regelmäßig die Offenbach Post lesen.
Einen deutlich sichtbaren Aushang, groß und ggfs. mehrsprachig, mit Hinweis auf die seit 01.04.2013 gültigen (höheren!) Mietobergrenzen sucht man in der MainArbeit vergebens.
Trotz Flugblattaktion des SGB2-Dialogs vor dem Jobcenter wissen leider noch längst nicht alle Betroffenen, dass ihnen jetzt „mehr zusteht“ und sie auch rückwirkend Forderungen geltend machen können.

Zum Weiterverbreiten hier die aktuellen KdU für Offenbach Stadt:KdU-Offenbach-Stadt—01.04.2013

Wichtig:
Die angeblich „angemessenen“ 35 m² für Leistungsberechtigte unter 25 Jahren entspringen nur den Vorstellungen der Geschäftsleitung!
Es gibt für die Ungleichbehandlung keinerlei gesetzliche Grundlage! Also bitte nicht verunsichern lassen, die Eckdaten ab 45 m² gelten für Alle, gelle 🙂

Nachtrag – 11.08.2013 –

Passend dazu erhielt ich per Mail von einem Kollegen (danke dafür, W.) die Stellungnahme von RA Felsmann/Kiel zum Thema

Unterschiedliche Mietobergrenzen für Erwachsene und Jugendliche bei Hartz 4?

(…) Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es nicht zulässig ist  junge Hartz 4 Empfänger, die mit Zusicherung des Leistungsträgers ausziehen, generell auf einen geringeren Wohnstandard  oder eine günstigere Miete als ältere Hartz 4 Empfänger zu verweisen, so (vgl: Piepenstock in: jurisPK-SGB II, 3. Aufl. 2012, § 22 Rz 169).

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2 Kommentare zu “Offenbach/Deutschland – Dramatischer Anstieg der Wohnungslosigkeit

  1. Die Zahlen sind in der Tat erschreckend, besonders die Zunahme in den letzten Jahren. Dem Kriminellen Hartz sei Dank!

    Die Definition der BAGW von Obdachlosigkeit finde ich allerdings etwas holprig: Danach wären ~ 52 % der in Deutschland lebenden Menschen „obdachlos“. Nämlich auch die, die in Eigenheimen oder Eigentumswohnungen leben. 😉

    • Pruuust 🙂
      Auf diese Holprigkeit sollte die BAGW doch wirklich hingewiesen werden.
      Aber Spaß beiseite, es ist wirklich dramatisch, wobei (nicht nur )ich der Meinung bin, dass auch hier das Ende der besch***enen Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist.
      lG
      Ellen

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