„Hartz4“, Kapitalismus und Veränderung – ich bin verwirrt…

Vorweg möchte ich Euch, liebe Leser, um Nachsicht bitten…auch dieser Beitrag wird (wie so viele vor ihm ;) ) ein langer werden.
Ich versuche, meine derzeit galoppierenden Gedanken dennoch einigermaßen zu strukturieren.

Die leidigen Schubladen

Wo fange ich jetzt an? Ich probiere es damit, bei mir zu beginnen.
Meine Einstellung zum Leben (und leben lassen) war und ist dem Grunde nach seit über 30 Jahren kaum verändert. Der einzige Unterschied mag sein, dass ich bis vor wenigen Jahren eher der “ausschließliche Bauch-Mensch” war, welcher auf (soziale) Ungerechtigkeiten, auf (für mich) nicht nachvollziehbare “Konkurrenz bis auf’s Blut”,
(All)Macht-Phantasien und ausbeuterischen Egoismus verständnislos re- und agierte….währenddessen ich heute zusätzlich versuche, gelassen und rational die “Dinge” anzugehen.
Dass das, was ich als schlicht “richtig/falsch” schon immer empfand, “linkes Gedankengut” ist, dass das, wie ich mir ein menschliches Miteinander vorstelle, “marxistische Züge” trägt, dass meine Vorstellung von Gerechtigkeit “Kapitalismuskritik/Ablehnung” ist – noch vor 10 Jahren war mir das nicht bewusst! Viele tausend Lesestunden später erst wurde mein “Bauchgefühl” durch Wissen ergänzt.

Für mich ist das ein deutliches Indiz dafür, dass ein Denken (und nachfolgendes Handeln) in Schubladen/Kategorien Unsinn ist.
Wenn Grundsätzliches übereinstimmt, sollten mMn die unterschiedlichen Tellerränder überwunden werden und die gedanklichen Schubladen verschlossen (inkl. Wegwerfen des Schlüssels ;) )

“Truckerin” vs. Intellektuelle und Weise – Schnittstellen

Als ich vor einigen Jahren begann, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen und mich darin “gespiegelt” sah, entdeckte ich zeitgleich, dass Vieles in dieser Erkenntnisslehre gleichsam “linke/marxistische” Thesen sind.
Ich war zutiefst erstaunt und begann, nach weiteren Schnittstellen zu suchen.
Exkurs:
So sind jetzt meine Bücher gespickt mit Zettelchen und handschriftlichen Anmerkungen, Gedanken,Querverweisen ;)

Interessanterweise las ich dann vor einiger Zeit ein Interview mit dem Dalai Lama (man sehe es mir nach, es erschien in der “Welt”)

Zitat (…) Dalai Lama: Ja, in meiner Grundeinstellung bin ich ein marxistischer Mönch. Ich sehe da auch keinen Widerspruch. In der marxistischen Theorie liegt der Schwerpunkt auf der gerechten Verteilung des Wohlstands. Moralisch betrachtet ist das der richtige Anspruch. Der Kapitalismus legt hingegen viel Wert auf die Entstehung von Wohlstand, die Verteilung spielt aber erst einmal keine Rolle. Im schlimmsten Fall werden die Reichen immer reicher und die Armen immer Ärmer.

Lesenswert, Quelle und Volltext Gier macht Unternehmen krank

“Hartz4″ als Folge des Turbokapitalismus – viele Wege führen nach Rom

Gestern nun, in Bezug auf  mein immer auf’s Neue wiederholtes „Plädoyer für die Einheit in Vielfalt“ (bezogen auf den Kampf gegen das menschenverachtende “Hartz-System”) erhielt ich eine Mail des von mir sehr geschätzten Autoren Holdger Platta.
Er überließ mir dankenswerterweise eine Schrift aus 2010, in welcher er sich intensivst mit dem “linken entweder/oder Denken” auseinandersetzt.

Um es mal mit einem alten Werbespruch der Klitschko-Brüder zu beschreiben:
“Ist schwäre Kost” ;) – es lohnt sich aber definitiv, sich hierfür Zeit zu nehmen!

Auszug:

Da wird zum Beispiel dem Kampf gegen Hartz-IV an der juristischen Front der Kampf angesagt. Aber wieso eigentlich? Wieso nicht Kampf an der juristischen Front gegen Hartz-IV und gleichzeitig Kampf gegen Hartz-IV an zig anderen Fronten? Welch Nichtbegreifen kapitalistischer Realität verbirgt sich hinter diesem polarisierenden Entweder-Oder-Gedenke! Dieses sogenannte „Denken“ ist – bei aller Schärfe gegen den Jeweils-Andersdenkenden – nichts anderes als undeutliches Brabbeln im Kopf. Ist das Folgende so schwer zu verstehen? Die Front Kapitalismus besteht nicht nur aus einem Frontabschnitt, sondern aus sehr vielen Abschnitten, und überall sollten wir die Feldherrenhügel den Armleuchtern von rechts streitig machen. Folgen wir diesem pseudolinken “Entweder-Oder”-Heruntermachen der jeweils anderen Genossen durch die jeweils eigene Mißverständnisgruppe (statt mal das “Sowohl-Als auch” zu prüfen), bleibt am Ende dieser famosen Debatten nämlich gar nichts mehr übrig. Ich konkretisiere:

Bücher schreiben oder in klugen wissenschaftlichen Zeitschriften kluge Aufsätze veröffentlichen: Scheiße!

In die Medien gehen: Scheiße!

In die Parlamente gehen: Scheiße!

Zu Latschdemos gehen: Scheiße!

Stände auf dem Marktplatz errichten: Scheiße!

Vorträge halten oder Reden: Scheiße!

Flugblättter schreiben: Scheiße!

Vors Gericht ziehen: Scheiße!

Ja, was denn dann bitte? Den Revolver ziehen? Aha, und wo sind unsere Kampfeinheiten? Wann und wie haben wir sie überzeugt und rekrutiert? Wie stark sind unsere Truppen? Wird dieser Staat dann stillhalten? Verfügt plötzlich über keine Polizei mehr? Über keine Bundeswehr mehr? Über keine Mainstream-Medien mehr? Über keine Justiz mehr?  Undundund?

Meine Güte, da war schon Rosa Luxemburg in ihrer Rede am 31. Dezember 1918 weiter (…)

Linke Heideggerei

Und dann war da gestern noch…

…ein langes Telefonat mit einem aktiven Arbeitsvermittler. Aktiv im doppelten Wortsinne  🙂
Seine gedanklichen Ansätze und Äußerungen waren ähnlich, und doch wieder anders. Auf alle Fälle nachdenkenswert. Kritisch (auch selbstkritisch), sehr reflektiert und in manch theoretischer Überlegung, wie zunächst zumindest eine Veränderung zugunsten aller (!) vom „Hartz-System“ Betroffenen erreicht werden könnte, fast schon radikal 😉
Wohlbemerkt: Es waren Verbesserungs-Überlegungen, die sich auf das derzeit bestehende System beziehen…mit etwas Sarkasmus könnte man auch sagen:
Kleben von „anarchistischen“ Pflästerchen.

Tja, und nun?

Klar ist leider, dass Adornos Aussage, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, unvermindert Gültigkeit hat.
Somit kann es erst recht kein richtiges Leben im falschen „Hartz-Leben“ geben…

Klar ist (mir) auch, dass dennoch, bevor dieses System überwunden werden wird (wenn!) zuvor „Linderung“ und nicht noch weitere Verschärfung stattfinden muss.
Also doch zunächst „Pflästerchen kleben“?
Leider ja (aus meiner Sicht), denn ich könnte nicht guten Gewissens schlafen, wenn ich wüsste, zu vermeidbaren „Kollateralschäden“ durch Unterlassung beigetragen zu haben.
Klar ist leider auch, dass die Gefahr der Gewöhnung („Hartz4 – next Generation“) an Entwürdigung ff sehr groß ist, dass, wenn nicht bald etwas geschieht, gar nichts mehr geschehen wird.
Oder im Gegensatz dazu sehr Schlimmes.

Klar ist mir leider nicht, ob (sollte es doch zu dem von mir befürchteten,unkontrollierten „Volkszorn“ kommen) dieser ein befriedetes Miteinander und eine Überwindung der kapitalistischen Auswüchse nach sich ziehen wird…oder ob dann wieder einmal die Revolution ihre Kinder frisst…

Klar ist mir ebensowenig, wie generell das Denken in Kategorien überwunden werden kann, wenn es selbst innerhalb linker Strömungen kaum möglich scheint

Klar ist somit, dass mir derzeit nichts wirklich klar ist.
Fazit also (zunächst):

Jetzt steh‘ ich hier, ich armer Tor und hand’le weiter, wie zuvor

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7 Kommentare zu “„Hartz4“, Kapitalismus und Veränderung – ich bin verwirrt…

  1. Das ist schon eine lustige Geschichte mit dem linken Sein. Ich habe mich selbst immer als wertkonservativ betrachtet, überzeugt von der Sozialen Marktwirtschaft (nicht der sogenannten „Neuen“!!!). Damals, Ende der 1970er war ich in den Augen Vieler meines Umfelds das reaktionäre, eigentlich rechtsradikale Arschloch. Jetzt bin ich, mit nahezu unveränderter Weltsicht, im heutigen politischen Koordinatensystem ein linker Spinner. So richtig laut outen darf ich mich aber auch nicht, sonst bin ich in den Augen der anderen linken Spinner wieder das reaktionäre … 😉

    • 🙂 So ist das mit den Schubladen im Kopf…warum sollten Linke da ausgenommen sein?
      Finde Dich damit ab, Du bist eben einfach unzugehörig. Das gleichnamige Buch von Roberto De Lapuente möchte ich Dir (nicht nur) in diesem Zusammenhang an’s Herz legen

  2. Ich war auch mal in einer Sanga und diese Menschen haben Karam sehr verinnertlicht. „Du erntest, was du säst“, das bedeutet im Grunde das jeder für die Situation, in der er steckt selbst verantwortlich, wie er in die Sitaion gekommen ist und wieder rausskommt. Was ein grundlegender neoliberale Gedanke ist.
    Das geht über den Tod hinaus. Lamas werden ja auch wiedergeboren. Es gibt sogar Lamas, die sagen, wer ein gutes Karma im vorherigen Leben hatte, wird in einem wohlhabenden Industrieland geboren, wenn nicht doch eher Afrika…
    Hayeks Idologie (geht Richtung Neoliberalismus) hat einen ähnlichen Gedanken, wo die Geburt sehr entscheident ist, weil im Grunde die Familie für die Bildung verantwortlich ist, nicht wie heute staatliche Schulen.
    Im Grunde kann man da Schnittpunkte sehen und wird von vielen, gerade zumindestens von der Kagyü Linie, auch so gesehen. Ist aber nicht meine Sicht.

    Ich komme auf die Think Thanks, weil es mit Hayek auch so angefangen hat. In den 60er Jahren wurden die ersten gegründet. IN den 70/80er hat es mit Tatcher, Reagon angefangen und in Deutschland Ende der 90er und so richtig mit der Agenda 21 und davor war es eine ganz andere Spielart des Kapitalismus.
    Einen Plan habe ich natürlcih auch nicht, Think Tanks müssen es auch nicht sein. Aber vielleicht eine Gruppe mit einem MArketingmensch, einem Psychologen, einem Germanisten oder Journalisten und ITler. Dann gute Texte und Argumente schrieben, die dann imInternet veröffentlicht werden, welche wiederrum andere benutzen und verbeiten können… Um dann langsam eine Änderung im Bewusstsein der Menschen bewirken sollen..

    Nungut. Jetzt habe ich einen ROman geschrieben, aber auch nicht schlimm. Vielleicht liest das ja jemand und setzt es um 😀

    • Nun, der Grundgedanke der Eigenverantwortlichkeit (Karma einschließend) ist ja der eben der Grundgedanke, die Grundlehre des Gautama.
      Die Verantwortung eben nicht an „Wesenheiten“ wie in (mono)theistischen Lehren abzugeben…
      Es geht (ich bin der Mahayana-Schule recht nahe) nach meinem Verständnis aber darum, wie Du als Mensch Dich weiterentwickelst, trotz widriger Einflüsse von aussen, für die Du selbst eben keine Verantortung hast, die sich Deinem Einfluss entziehen.
      Will heißen:
      Wenn ich jetzt aus Wut über die Gegebenheiten meine, den Schäuble erschießen zu müssen, dann habe ich damit
      a) damit nichts Positives für die Zukunft der Menschen bewirkt (der Hydra einen Kopf abzuschlagen, macht eben keinen Sinn, da die anderen Köpfe noch da sind)
      b) ich sammele somit keine guten Verdienste an, weil die Handlung eben nicht hilfreich war
      c) wissend über die Verblendung der Menschen hätte ich nicht richten/Leben nehmen dürfen, vielmehr wäre ein anderes Bestreben, grundlegend etwas zu ändern, nützlich gewesen

      So, nun erschieße ich den Schäuble nicht 😉 gräme mich aber über seine Handlungen so sehr, dass der Hass in mir wächst, ich verbittere.
      Wenn ich alsdann ein verbitterter, hasserfüllter Mensch bin, wie kann ich dann noch denen nützlich sein, die meine Hilfe brauchen? Ich schmore dann doch nurmehr im eigenen Saft…
      Daraus erwächst nichts Nützliches. Und für das, was ich dann ob meiner „bösen Ausstrahlung“ zwangsläufig als feedback erhalten werde, trage ich insoweit die Verantwortung, als dass ich nicht genug bemüht war, mich mit der Sinnlosigkeit/der Verblendung „Hass“, auseinanderzusetzen.
      Eigentlich ein einfaches Prinzip, das auch von der Psychologie in Teilen übernommen wurde (Watzlawick)

      Die Eigenverantwortung für Gedanken und daraus wachsende Handlungen, die erforderliche Achtsamkeit und das Bestreben, gute Verdienste anzusammeln gleichzusetzen mit dem neolib. Dogma „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist eine (für mich gruselige) menschgemachte Fehlinterpretation.
      Aber auch Lamas sind ja Menschen, von daher…

      Eine sehr gute Abhandlung über Karma unter wissenschaftlichem Aspekt stammt von Matthieu Ricard (ganz unten runterscrollen/PDF „Wir sind die Architekten unserer Zukunft“
      http://www.tibet.de/zeitschrift/archiv/tibet-buddhismus-81-karma.html

  3. Das Buddhismus marxistisch ist, würde ich nicht so unterschreiben. Der Karmagedanke kann vollkommen neoliberalistisch ausgelegt werden, sogar so richtig böse nach Hayeks Biologismus ausgelegt werden.

    Das Argument mit dem Krieg an allen Fronten gegen den Kapitalismus ist schon richtig. Meines Erachtens würde ein Masterbrain, paar gescheite Köpfe die Argumente, Lösungen und Konzepte erarbeiten. Und dann eine große Community, die einfache Konzepte umsetzen. Beispielsweise vorgefertige schlagkräftige Argumente bei Zeitungen kommentieren und ähnliches…

    • Uff 😦
      Da wären wir wieder bei Auslegungsfragen angelangt…dem Grunde nach kann ja Alles nach eigenem Gusto ausgelegt und mit entsprechender Rhetorik sogar glaubwürdig „an den Mann/die Frau gebracht werden“.
      Ernsthaft jetzt, ich bin (viele reale „Baustellen“, die mich fordern) als Nicht-Akademikerin mental heillos überfordert mit Hayek/Biologismus (als solchem) vs. Karmagedanke in Form von neolib. Auslegung (insbesondere).
      Sieh’s mir bitte nach, da komme ich nicht klar mit oder schlicht:
      Ich raff‘ das nicht!
      Wenn es Deine Zeit erlaubt und Du Lust dazu hast, versuch es, mir mit etwas vereinfachten Worten/Beispielen zu erklären.

      Zu Punkt 2
      Masterbrain, g’scheite Köpfe…siehst Du da nicht evtl. die Gefahr, dass es keine Einigung geben wird, weil jeder (siehe Aufsatz von Platta) an seinen Vorstellungen von „dem richtigen Weg“ festhalten würde?
      Was der Eine als g’scheit befindet, täte der Andere als „dumm Tüch“ ab.
      Somit ein ewiges im Kreis drehen…
      Grundsätzlich (Einigung vorausgesetzt) halte ich es aber für eine guten Ansatz…

      Indiskrete Frage: Wie würdest Du selbst derzeit (mit real existierenden Menschen) die klugen Köpfe und das Masterhirn besetzen? Oder anders: Gäbe es mom. überhaupt welche?
      Das war jetzt ausschließlich neugierig und keinesfalls irgendwie „ketzerisch“ angedacht, gelle…

      • Zitat Ellen: „Sieh’s mir bitte nach, da komme ich nicht klar mit oder schlicht:
        Ich raff’ das nicht!“

        Auch wenn ich schon gleich gar keine Ahnung habe, worum es hier geht (ich gehöre eher zu denen, die den Buddha für das lustige bauschige Männchen aus der Michelin-Werbung halten): Mach Dir keine Sorgen. Der Grad der Komplexität von hochintellektuellen Aussagen verhält sich oft umgekehrt reziprok zu deren Sinnhaftigkeit. 😉 So jedenfalls die Aussage eines Weisen, der vor vielen vielen Jahren mein Lehrer war. In der Schule. 😉

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