„Hartz4“ und psychische Erkrankung – Teil 2

In Anlehnung an Franks bissigen Artikel zu der kürzlich publizierten „Studie“ hier ein paar weitere (teils vielleicht unausgegorene) Gedanken dazu.

Ich habe im Laufe von fast sieben Jahren „Stellvertreterkämpfe in Sachen Hartz“ viele Menschen kennenlernen dürfen.
Zu einigen davon entwickelten sich langfristige Beziehungen, es entstanden Freundschaften (und zerbrachen teilweise auch wieder, leider). Feststellen musste ich, dass – je nach Disposition – sich früher oder später bei den meisten dieser Menschen Veränderungen einstellten, die durchaus als „psychische Beeinträchtigungen“ zu klassifizieren sind.
Dies sehe ich (für mich) als Erfahrung, bedauernd, generell aber wertfrei .

Die „Schuld“frage…

…freilich stellt sich den Forschern des IAB nicht.Der Kontext von permanenter Entwürdigung, „Verfolgungsbetreuung“, allmonatlich wiederkehrender materieller Sorge, dem Gefühl von Ohnmacht und (Selbst)Wertverlust findet ebenso keine Niederschrift.
Man denkt hingegen an, Kranke mit dem Mittel gesunden zu lassen, welches (wenn vielleicht nicht ursächlich Auslöser) zumindest aber der Trigger war, Zitat:
(…) In ihrer Untersuchung plädieren die Forscher für mehr Unterstützung und Förderung der Betroffenen. So erscheine es beispielsweise mit Blick auf die Jobcenter „hilfreich, die personellen Voraussetzungen für eine möglichst adäquate Betreuung von Personen mit psychischen Beeinträchtigungen zu verbessern“(…)

Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst zu sein an eine kranke Gesellschaft
Jiddu Krishnmurti

Oder anders formuliert:
Für den britischen Psychiater ( und Mitbegründer der antipsychiatrischen Bewegung!) Ronald D. Laing  standen auch  psychische Störungen im Kontext einer – familiären und gesellschaftlichen – Genese.
Salopp angepasst an das Hartzsystem also: Wer da nicht krank wird, der kann nicht ganz gesund sein…

Das menschenverachtende (A)Sozialsystem, so könnte man also schlußfolgern, macht krank. Wenngleich richtig, geht mir dieser gedankliche Ansatz dennoch nicht weit genug.
Schaut man sich offenen Auges und Herzens um, wird „man“ zügig feststellen, dass es rundum krankt. Die kranke Mißgeburt „Hartz4“ konnte nur aus einem völlig kranken, größeren System heraus geboren werden.

Was ist krank?

Das System, der Mensch, oder die Welt ? Ich denke , die Menschheit ist an einem Punkt, an welchem Alles als krank zu bezeichnen wäre.
Was nach meinem ureigensten Empfinden (ich kann ja nur meine Sicht der Dinge darstellen) wäre nach einem kurzen Rundumblick noch als gesund zu bezeichnen?
Nichts!
Somit ist auch „Hartz4“ nur ein logischer Teil  unserer vermeintlichen und völlig kranken „Zivilisation“.
Nichts auf dieser Erde existiert unabhängig, Alles bedingt einander, ergo…
Man möge mir gerne widersprechen und dies bitte auch belegen, denn einmal mehr hätte ich sehr gerne Unrecht.
Nur bitte kein Verweis auf die – gewiss real existierenden – Menschen, welche unermüdlich versuchen, dem kollabierenden Planeten Erde noch zur Genesung zur verhelfen.
Ich weiß, dass es diese Menschen gibt mit ihren unzähligen kleinen und großen Taten, ich würdige und wertschätze jeden Einzelnen (täte ich dies nicht, würde auch ich auf Dauer resignieren) Angesichts  von gut 7 Milliarden Menschen sind diejenigen bedauerlicherweise aber in der Unterzahl und damit leider marginal…

Pessimismus?

Hmmm, vielleicht schwingt etwas davon mit…wieso sollte ausgerechnet ich unberührt bleiben von all der Krankheit, die uns umgibt.
Vorsichtig formuliert:
Ja, ich glaube noch immer daran, dass es eine – wie auch immer gestaltete – „ethische Umkehr“ geben wird.
Und nein, ich glaube nicht mehr daran, dass dies zu meinen Lebzeiten noch geschehen wird.Mittlerweile gehe ich (im Gegensatz zu früher) auch davon aus, dass es – bevor ein „neues“ Verständnis einkehren wird, welches zwingende Voraussetzung ist für eine wirkliche Änderung – eines ganz großen Knalles bedarf. Und damit meine ich nicht den „Knall“, der den Erwerbslosen gemeinhin unterstellt wird…

Karmisch gesehen sind wir dann im Arsch, oder?

Die Frage (welche nicht ganz ernst gemeint ist 😉 ) vermag ich freilich ebensowenig zu beantworten wie so viele andere Fragen, die mich beschäftigen.
Ich weiß lediglich, dass wir bei aller Tristesse und gefühlter – für mich verständlich – Sinnlosigkeit unseres Rennens im Hamsterrad gegen Ungerechtigkeit und Verrohung, den Kampf nicht aufgeben sollten.
Jedes geschützte („gerettete“) Leben ist es wert…und vielleicht dürfen sogar wir ein neues Zeitalter doch irgendwann begrüßen… in Gestalt unseres Urenkels.
So rein karmisch gesehen 😉

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2 Kommentare zu “„Hartz4“ und psychische Erkrankung – Teil 2

  1. Zitat von Ellen: „Und nein, ich glaube nicht mehr daran, dass dies zu meinen Lebzeiten noch geschehen wird.Mittlerweile gehe ich (im Gegensatz zu früher) auch davon aus, dass es – bevor ein “neues” Verständnis einkehren wird, welches zwingende Voraussetzung ist für eine wirkliche Änderung – eines ganz großen Knalles bedarf.“

    Liebe Ellen, wir sind ja in etwa im gleichen Alter. Erinnerst Du Dich noch an die 70er und 80er Jahre? Damals schien die „DeDeÄrr“ ein Fakt für die Ewigkeit zu sein.

    Seinerzeit wurde ich von Altersgenossen als Ewig-Gestriger verlacht und als Revanchist angefeindet, weil ich an eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten glaubte. Niemand – bis auf ein paar „Spinner“ – hat eine Änderung der Verhältnisse auch nur ansatzweise für möglich gehalten. Im Gegenteil, es galt als schick, sich abgefunden zu haben und als ungehörig, das Schicke infrage zustellen.

    Heute gibt es eine ganze Generation, die nach der Wiedervereinigung geboren ist. Und wenn man der von persönlichen Erfahrungen mit dem Unrechtsstaat DDR berichtet, denkt und sagt sie oft: der Alte erzählt mal wieder von 30-jährigen Krieg. 😉

    Deinen Pessimismus teilend, hoffe ich dennoch, dass uns die Geschichte ein weiteres Mal überrascht. Klar, typisch schizophren/psychisch krank halt. 😉

    Zurück zum Ausgangsthema. Das Fachblatt „Ärzte Zeitung“ (hat übrigens nichts mit „der“ Springerpresse zu tun) übernahm in dem Artikel „Hartz-IV und eine kranke Psyche“ vom 11.11.2013 leider auch nur papageienhaft und unkritisch den schon anderweitig hinreichend verbreiteten Käse. Der Artikel ist darum uninteressant, aber der (bisher) einzige Kommentar dazu verdient Beachtung:

    „Psychische Gewalt nicht verharmlosen!“
    (http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/849595/jeder-dritte-betroffen-hartz-iv-kranke-psyche.html)

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