In einem fremd gewordenen Land

„Notizen aus der (vorweihnachtlichen) Provinz“

Vor einigen Tagen war ich mit einer Bekannten in unserer Kreis-„Stadt“ verabredet. Die Bekannte kommt immer zu spät, darum gönnte ich mir den seltenen Luxus und nahm in einem Café mit guter Sicht auf die Straße Platz. Durch die großen Panoramafenster konnte ich die vorüber gehenden Menschen sehen.

Mein Blick fiel auf eine junge Frau, die ihr Kind in einem Buggy eiligen Schrittes schob. An ihr war nicht wirklich etwas auffällig. Nicht auf den ersten flüchtigen Blick. Der Buggy war in einem brauchbaren Zustand, Mutter und Kind waren leidlich anständig gekleidet. Dennoch hatte ich wieder dieses Déjà-vu: Armut kann man sehen, spüren. Wenn man es können will.

Wer einmal bewusst (nicht voyeuristisch) die Menschen in der Warteschlange vor einer Lebensmitteltafel angesehen hat, weiß womöglich wovon ich spreche. Die meisten haben etwas gemeinsam, eine bestimmte Ausstrahlung. Und so auch jene junge Mutter: Das Gesicht nicht das einer jungen Frau, die sie zweifelsohne ist. Verhärmt, ernst, die Augen ohne Glanz. Die Haare nicht unordentlich,  zweckmäßig nach hinten zum Pferdeschwanz gebunden, aber erkennbar seit Jahren ohne Friseur zuhause geschnitten. Die Kleidung nicht unordentlich, aber doch erkennbar aus billigster Quelle und reichlich getragen. Das Kleinkind, im ebenfalls reichlich gebraucht wirkenden Buggy, dick eingepackt, zu große Strickmütze, rote Bäckchen, lachte und genoss sichtlich die rasante Fahrt.

Szenenwechsel.

Gestern war mein wöchentlicher Einkaufstag. Der etwas größere Supermarkt auf der grünen Wiese hat schon vor Wochen sein Spielwarenangebot kräftig erweitert. Im Eingangsbereich steht nun auch ein geschmückter Weihnachtsbaum. Es ist der sogenannte Wunschbaum. Neben dem üblichen Baumschmuck hängen daran bunt bedruckte Kärtchen in Kugelform, auf die Kinder ihren Wunsch zu Weihnachten vermerkt haben, Wunschzettel eben. Wie die Kärtchen genau zustande kommen, weiß ich nicht. Jedenfalls stammen sie laut Supermarkt von „Kindern aus sozialen Einrichtungen wie Kinderheimen, Hospizen oder Krankenhäusern oder Kindern, die auf die Hilfe der Tafeln angewiesen sind“. Aus den Lautsprechern des Marktes dudelt die übliche Fahrstuhlmusik, unterbrochen von Hinweisen auf derzeitige Angebote, dargebracht von einer penetrant gutgelaunten und sch…freundlichen Stimme. Zwischendrin ab und an ein Hinweis der gleichen Stimme im gleichen Tonfall auf den Wunschbaum … und wie einfach es ist: Wunschzettel vom Baum abnehmen, Ware kaufen und an der Information abgeben. Die Zustellung übernimmt der Supermarkt, pünktlich zum Fest. Gesehen habe ich in der kurzen Zeit niemanden, der einen der Wunschzettel abgenommen hat.

Ich bin wütend. Warum muss in einem reichen Land „Kindern aus sozialen Einrichtungen wie Kinderheimen, Hospizen oder Krankenhäusern oder Kindern, die auf die Hilfe der Tafeln angewiesen sind“ ein kleiner Weihnachtswunsch auf diese Weise erbettelt werden? Warum können Supermärkte mit solchen Aktionen auch noch ihren Umsatz steigern? Warum … warum, …?

Trotz erheblichen Magengrimmens hab ich mir die am Baum hängenden Wunschzettel angesehen. Kleine Kinder haben ihre wirklich bescheidenen Wünsche gemalt und – sicher mit erwachsener Unterstützung – einige Worte dazu geschrieben. (Ich habe dann das Spiel mitgespielt.)

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