Ist Mitgefühl noch zeitgemäß?

 

Zugegeben, dieser (Unter) Titel ist geklaut 😉
Eine liebe Freundin benachrichtigte mich heute kurzfristig ,um mir mitzuteilen, dass im WDR gleich eine Sendung mit Inge Hannemann anfange.
Hier ein link zur Sendung Des anderen Freud und Leid


Gut, ich kenne Inge nun (oberflächlich) persönlich und wenngleich ihre Arbeit unter den Erwerbslosen(Vertretern) nicht unumstritten ist…ich persönlich wertschätze diese, mag ihre natürliche,hanseatisch-feinhumorige Art und höre ihren Einlassungen – nicht nur deswegen – immer wieder gerne zu.
Womit ich eigentlich schon beim Thema „Empathie“ angelangt wäre… 😉

Empathie vs. professionelle Distanz

Vor wenigen Tagen erst hatte ich ein – für mich recht frustrierendes – Gespräch mit einer weiteren lieben Freundin. Die „Vorhalte“, welche ich mir anhören durfte (und welche mit Sicherheit aus freundschaftlicher Besorgnis rührten!) waren nicht neu:
Ich sei auch (oder gerade?) in meiner Arbeit zu emotional, ich wahre nicht genügend professionelle Distanz, ich schade mir damit nur selbst ect.pp.
Soweit, so (bedingt) richtig.
Ob man jenseits von Supervision und/oder Ausbildung im sozialen Bereich sich diese Distanz „erarbeiten“ kann und vor allem – wie- das zu thematisieren war ich nicht mehr in der Lage. Denn irgendwann fiel der Satz, es sei nur ein Glücks/Zufall , dass mein „Klientel“ noch nicht Schaden erlitten hätte aufgrund meiner emotionalen Art.
Peng, das saß!

Fast sieben Jahre…

…versuche ich bislang, Menschen im Kampf gegen Jobcenter-Willkür zu unterstützen, und ja, insbesondere die U25er nehme ich zunächst an die Mutterbrust 😉 Hand. Irgendwann später geht es dann in Richtung „Hilfe zur Selbsthilfe“ und bislang hat das auch immer funktioniert.
Gretchenfrage: Trotz oder wegen meiner niemals versteckten Emotionalität?

Weitere Fragen

Die heutige Sendung im WDR kam passgenau. Denn ich war doch schon arg im Zweifel, ob ich mich künftig besser „verstellen“ sollte, die Distanzierte mimen.
Mimen, schauspielern zugunsten Anderer (wobei der Nutzen sich dann erst einmal beweisen müsste) , meine „Art“ gewaltsam verändern?
Kann ich das und vor Allem: Will ich das?
Selbstreflektion…kann ich mir vorstellen, „anders“ zu sein und gehören „Enttäuschungen“ (und die damit einhergehenden Tiefs) nicht einfach zu mir dazu? Schließlich empfinde ich ja auch Positives sehr stark, dies scheint mir doch als ein logisches „Yin-Yang“…

Exmanager und Erich Kästner

Wie bereits geschrieben, die Sendung hat mir meinen Kopf wieder gerade gesetzt 😉
Die Fotografin, welche seit vielen Jahren in Kriegsgebieten tätig ist und auch die Kriminalpsychologin gehen „professionell distanziert“ mit ihren Erlebnissen um.Die Psychologin erwähnte, dass sie eine zerstörte/verstörte Seele ähnlich betrachtet, wie sich ein Automechaniker ein defektes Auto anschaut.Die Fotografin denkt bei aufkommendem Mitleid daran, dass sie ihrem Auftrag (Job) nachgehen muss und der ist eben, das Leid bildlich zu übermitteln.
Ich denke, in diesen höchstbelastenden Berufen ist diese Haltung unbedingt wichtig und richtig.
Und doch war es zwar sehr interessant, diesen Menschen zuzuhören…wirklich angenehm aber waren Inge Hannemann und vor allem der Ex-Manager Patrick D. Crowden.
Das Buch Neustart…ab jetzt zählt der Mensch, welches er vorstellte, ist schon auf meiner Wunschliste.
Ganz spannend finde ich die überzeugende Logik Herrn Crowdens, welche bereits von Erich Kästner – Ansprache an Millionäre – aufgezeigt wurde. Vergleicht einfach selbst… 😉

Menschen sind es, die Unternehmen erst erfolgreich machen, doch von den Betriebswirten übers Management bis zu den Aktionären starren alle immer nur auf wirtschaftliche Kennziffern. Aber es gibt ein Mittel gegen sture Zahlenhörigkeit: Respekt, Achtsamkeit und Vertrauen…
Selbstbestimmte Mitarbeiter und steigende Profite schließen sich darin nicht aus, im Gegenteil: Wenn sich Unternehmen darauf einlassen, werden alle gewinnen!
(Crowden)

Ihr helft, wenn ihr halft, nicht etwa nur ihnen.
Man kann sich, auch wenn man gibt, beschenken.
Die Welt verbessern und dran verdienen –
das lohnt, drüber nachzudenken…
(Kästner)

Ergebnis

Die professionelle Distanz verhinderte aus meiner persönlichen Sicht, dass die zuvor genannten Damen empathisch wirkten. Obwohl sie doch nur in einer Talkrunde saßen…also von ihrer Professionalität durchaus hätten ablassen können.Doch…können sie es noch?
Offenbar dringt dieser nützliche Selbstschutz also früher oder später auch in andere Lebensbereiche ein…und nein, so möchte ich dann doch nicht sein.
Man(n) 😉 wird mich also weiterhin so nehmen müssen, wie ich bin. Zu schnell begeistert, zu emotional, zu euphorisch, zu aufopfernd…oder wie auch immer.Unprofessionell? Gewiss.
Vielleicht aber auch nur:
Derzeit.
Andere Zeiten, andere Sitten, heißt es so schön. Und vielleicht kommt die Zeit, in der großes Mitgefühl und emotionales Einbringen DIE Professionen sind.Wer weiß das schon…

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3 Kommentare zu “Ist Mitgefühl noch zeitgemäß?

  1. Guten Morgen Ellen,

    Augen und Ohren offen, Verstand klar und eingeschaltet, genügt z.B. bereits ein Gang durch die Innenstadt oder ein paar Kilometer mit dem Auto um festzustellen, daß Mitgefühl ein Auslaufmodell zu sein scheint. Hier in D scheint der Trendwechsel mit der „geistig moralischen Wende“ begonnen zu haben, die Bimbes bei seinem Antritt als BuKa ausgerufen hat. Deutliche potenziert wurde diese politisch gewollte Entwicklung mit der „Ich AG“, dem Wechsel hin zum homo oeconomicus. Jeder gegen jeden ist das Endziel, während eine kleine Clique amüsiert zuschaut und den Rahm schöpft!

    Zum Mitgefühl speziell – bin letzten Monat auf Dienen blog aufmerksam geworden bei Recherche, ob es was Neues von Götz Eisenberg gibt. Ich schätze ihn als begnadeten Beobachter, Analysten und sehr präzisen Schreiber. Im Magazin Auswege hat er einige sehr interessante Artikel geschrieben, empfehle „Unterm Strich zähl ich“, soweit noch nicht bekannt?

    http://www.magazin-auswege.de/2012/02/unterm-strich-zaehl-ich-gesamtfassung/

    Lieben Gruß

    Carlo

    P.S. Sorry das ich die letzten Tage stille war. Hatte viel im Büro zu tun und war unterwegs wg. einem Hund. Jetzt 7 Jahre ohne, ging nicht mehr. Seit Samstag ist ein Berliner in Nordhessen. Wenn das mal gut geht 😉

    • Hallo Carlo,
      ganz lieben Dank für Deine Worte und insbesondere den Hinweis auf Götz Eisenberg. Ich hatte ihn schon gar nicht mehr auf dem Schirm, aber es hat sofort bei mir geklingelt. Das ist das Unschöne an einem schlechten Namensgedächtnis…aber, anyway, ich habe mir die Gesamtfassung heruntergeladen und angefangen zu lesen.

      Ein Hund, der auf berlinerisch in Nordhessen bellt 😉 ? Ich denke, es wird gutgehen, da die Vierbeiner -im Gegensatz zu vielen Menschen- auf derartige „Äußerlichkeiten“ eher nicht achten. Zudem beherrschen sie noch die nonverbale Verständigung. Ein Wedeln ist ein Wedeln, ob in Kassel oder Kanada 🙂
      Ich freue mich für Dich, auch ich könnte langfristig nicht ohne vierbeinige Wegbegleiter sein.

      Schönen Tag mit langen Spaziergängen/Gassirunden wünsche ich Dir
      lG
      Ellen

  2. Deine Einlassung zu diesem Thema ist mir liebe Ellen regelrecht aus der Seele geschrieben. Wir sind nicht mit einer Mauer umgeben, wir handeln noch Gefühlbezogen, wir fühlen mit, obwohl wir sicher wissen, dass uns das nicht gut tut. Wir, da meine ich dich in deiner Arbeit mit Menschen aus dem sozialen Abseits u. auch mich. Bei mir sind noch wie man so schön sagt Kollegen involviert und das ist je länger man zusammen arbeitet schwer, denn auch wenn wir das Gleiche wollen, will es jeder in einer anderen Form. Das bringt dann noch die Probleme mit sich, dass es untereinander Belastungen gibt, die schwer auszuräumen sind und zu den anderen Problemen noch dazu kommen. Ich betrachte einen Menschen wenn er zu uns/mir kommt als Ganzes nicht nur als Fall u. das sollte ich nicht tun, das bekomme ich immer wieder zu hören. Ellen wir sind nicht unprofessionell wenn wir mehr tun als viele andere, bei manchen Menschen merke ich aber, dass ich hart werde im Laufe der Zeit, das passiert immer dann wenn Forderungen gestellt werden die nicht machbar sind u. dann bricht es auch aus mir raus, ich hätte das nie gedacht.
    Es sind auch mehrere Fronten an denen ich kämpfe u. wenn es mir nicht gelingt alles allen recht zumachen, dann kann auch keine Psychomauer mehr helfen, dann ist der Mensch nur ein Mensch nur ein Bündel Emotionen.
    Vor Inge Hannemann ziehe ich den Hut, ich habe sie vergangenes Jahr in Halle kennengelernt, mit ihren Problemen wäre ich nur noch ein Haufen Elend, Hut ab vor dieser Courage.

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