„Hartz4“ – Das große Vermittlungshemmnis

Ob es mit Bescheidenheit zu tun hat, wenn eine „Hartz4-Altaktivistin“ wie ich  sich dankbar zeigt für jede öffentliche, kritische Stellungnahme eines Arbeitsvermittlers?
Oder doch eher mit partieller Resignation?
Vielleicht spielt ein Fünkchen Hoffnung die entscheidende Rolle für diese Dankbarkeit? Ich weiß es nicht…

Statt Arbeitslosen zu neuen Jobs zu verhelfen, unterstellen die Jobcenter ihnen Vermittlungshemmnisse. Auch die Politik stigmatisiert Hartz-IV-Empfänger…

Dies sind die einleitenden Worte zu dem Leserartikel von Lars Naundorf, der als privater Arbeitsvermittler tätig war und nunmehr beratend für die AVs, pAp’s und co in den Jobcentern tätig ist.
Im Wesentlichen bringt er eines der Hauptmerkmale der permanenten Stigmatisierung – die „Unfähigsprechung“ der Leistungsberechtigten – auf den Punkt.
Dafür Chapeau!

Papier ist geduldig, das www auch…

…dennoch komme ich nicht umhin, dem, was Naundorf auf seiner Homepage beschreibt, Glauben schenken zu wollen. Sollte es also i.d.T. so sein, dass die nachfolgenden Sätze der Wahrheit entsprechen, dann ist seine Arbeit gute Arbeit, siehe ->

Und jeder vermittelte Arbeitsplatz ist ein richtiger Arbeitsplatz, wir vermitteln keine Minijobs, Zeitarbeit oder sonstige Maßnahme-Alibiarbeitsplätze….

http://www.vermittlungstrainer.de/lars-naundorf

Gebranntes Kind scheut das Feuer…

…oder beäugt es zumindest sehr, sehr kritisch. Aussagen wie ->
Es ist falsch, Hartz-IV-Empfänger gleichzusetzen mit arbeitsmarktfernen langzeitarbeitslosen Menschen. <- hörte ich auch hier vor Ort, geschmückt mit netten Umschreibungen wie „dort abholen, wo der Betreffende steht“ oder „Möglichkeiten zu schaffen, sein Baby (gemeint war da der Traumberuf) zu verwirklichen“.
Hohle Phrasen ohne jedweden Nährwert, wie sich später herausstellte.
Von daher bin ich mittlerweile sehr kritisch, wenn ich (vermeintlich) Kritisches lese oder höre…

Unfähigsprechung, Infantilisierung und zunehmende Pathologisierung

Wenngleich Herr Naundorf (ob aus Unkenntniss oder „Zurückhaltung“) wesentliche Punkte zum Thema Langzeiterwerbslosigkeit/Ursachen auslässt, so geht er in seinem Artikel doch auf einen sehr wichtigen Fakt ein, den der Fokussierung von Vermittlern auf „Vermittlungshemmnisse“.
Somit zieht er dann auch das (derzeit noch) folgerichtige Fazit, Zitat:
„Letztlich mangelt es nicht an potenziellen Fachkräften, sondern an einer fachgerechten Vermittlung der verfügbaren Potenziale. Wir brauchen deshalb dringend eine Reform der staatlichen Arbeitsvermittlung.“

Es wäre nicht fair, würde man Naundorf nun vorwerfen, er verkenne die (politisch gewollten) Gründe, die hinter solch Vorhalten wie „Vermittlungshemmnis“ stehen.
Oder dass die Infantilisierung durchaus erwünscht ist, Motto:
Wir halten Euch „dumm“ UND arm, denn nur so können wir willige und vor allem billige Jobber züchten, zugunsten der herrschenden Klasse.
Ähnliches gilt auch für die zunehmende Pathologisierung (= für [psychisch] krank erklären)…
Und auch ein noch so effektiv arbeitender Arbeitsvermittler kann nichts aus dem Hut zaubern, was nun einmal nicht vorhanden ist:
Arbeitsplätze für alle Arbeitswilligen.
Das derzeitige Verhältnis ist (unter Zugrundelegung von Unterbeschäftigung) 8:1, d.h., 8 potentielle Arbeitnehmer stehen 1 (einer) offenen Stelle gegenüber!
Welche Arbeitsplätze das sind, ob sie den Arbeitenden auch ernähren, steht nochmals auf einem anderen Blatt.

Auch könnte man aufführen, dass eine „Vollbeschäftigung“ nie erreicht werden kann (und soll), ausser in Kriegsvor-und nachbereitenden Zeiten…o.k., mit etwas Sarkasmus und Pessimismus ließe sich feststellen, dass dann die Chancen dafür gar nicht so schlecht stehen (siehe das Unterstrichene)

Aber das ist die politische Seite der Medaille, zudem natürlich meine ganz persönliche Sicht, basierend auf Fakten zwar, aber noch immer persönlich 😉
In der Stellungnahme des Herrn Naudorf geht es aber ausschließlich um das „Wie“ in der Arbeitsvermittlung.

Arbeitsplätze statt Jobs

Bleiben wir also beim Positiven. Naundorf spricht von Arbeitsplätzen, nicht von Jobs. Wie wohltuend!
Naundorf vermittelte offenbar in echte Raritäten. Sehr löblich.
Nunmehr möchte er mittels Schulungen den jobcenteransässigen Arbeitsvermittlern „auf die Sprünge helfen“.
Auch das ist – insbesondere, da er die Macht der Worte wohl verstanden hat – ein guter Ansatz.
Wie realistisch dieses Unterfangen ist (siehe meine Einschätzung/Argumentation oben) sei dahingestellt. Sollten dank seiner Methode auch nur 10 Arbeitsvermittler bundesweit jeweils 10 Lohnerwerbslose in „echte Arbeit“ bringen (wollen) bedeutete dies 100 x weniger Entwürdigung, Angst und Scham…lohnenswert, so lange der Fetisch Lohnarbeit besteht und aus meiner Sicht ein winziger Lichtblick.

Der ganze Artikel hier -> http://www.zeit.de/community/2014-12/jobcenter-arbeitsvermittlung-arbeitslose-stigmatisierung

Die Antwort ließ übrigens nicht lange auf sich warten

Durch und durch der Propaganda aufgesessen, vor Euphemismus triefend, die unterschwellige Miß/Verachtung bzgl. der Erwerbslosen in den eigenen Worte nicht begreifend, nahm zu diesem Artikel eine Jobcentermitarbeiterin Stellung.
Anonym, versteht sich!
Gruselig zu erkennen, wie perfekt selbst bei offenbar „gutwilligen“ Mitarbeitern die Manipulation mittlerweile funktioniert. Das Schlimme an diesen Hirngewaschenen ist aus meiner Sicht, dass sie ihre Aussagen – von „uns“ häufig als dreistes Belügen wahrgenommen – als Wahrheit empfinden.

Zitate…Erst wenn es eine längere Zeit nicht mit einer Vermittlung in den Zielberuf geklappt hat, werden Alternativen entwickelt…

…Das Alter darf übrigens nicht ohne Weiteres als Hemmnis aufgeführt werden, da man es nicht ändern kann…

…Wenn es keine Hemmnisse gäbe, dann wären die Menschen nicht im Jobcenter. Sicher gibt es Ausnahmen, aber das sind eben nur Ausnahmen, zumindest in Berlin…

…Die Aufgabe der Jobcenter ist es, diese Menschen aus ihrem Loch herauszuholen und an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Dafür sind Maßnahmen wichtig. Entweder sollen sie aktivieren und bei den Bewerbungen unterstützen (mittlerweile zu einem Großteil im Einzelcoaching, wo sich keiner in einer Gruppe verstecken kann) oder sie sollen dazu dienen, eine Tagesstruktur herzustellen und das Arbeits- und Sozialverhalten zu trainieren

http://www.zeit.de/community/2014-12/jobcenter-beratung-arbeitslose-vermittlungshemmnis?commentstart=129#comments

Auf dass der von mir oft zitierte Max Liebermann nicht erneut herhalten muss, frage ich an dieser Stelle (fast ernsthaft):


Wird in den Kaffeeküchen der Jobcenter eigentlich täglich die nötige Portion Soma verabreicht oder nur wöchentlich?


Schöne, neue Welt lässt grüßen…Soma (Auszug Wiki) -> Allen Kasten gemeinsam ist die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma, die den Mitgliedern dieser Gesellschaft das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung nimmt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_neue_Welt

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu “„Hartz4“ – Das große Vermittlungshemmnis

  1. Du bist wirklich unverbesserlich… 😉 in Deinem Glauben an das „Gute“ im Menschen, leider manchmal auch wider die „angemessene Vernunft“.
    Kleiner Tip, bereits die ineinander verschachtelten bzw. aufeinander verweisenden Webauftritte (Inh. Lars Naundorf) sind ein erster Grund für Misstrauen.

    Bei Naundorf steht zwar nicht „Höller“ drauf, ist aber drin.
    Denn das Einzige was er jetzt verkauft, ist das „Coaching für Coaches“. Die angebliche, vorherige Erfolgsstory kann man glauben oder nicht, ich hege da aufgrund bestimmter Formulierungen meine Zweifel. Sicher ist nur eines, das „Web“ ist in dieser Hinsicht noch geduldiger als Papier.
    „Natürlich“ läuft das nicht über Franchising, das ist ja „pfui“. Stattdessen gibt es eine „Lizenzpartnerschaft“ für schlappe € 390/ Monat oder eine „Strategische Partnerschaft“ für € 220/ Monat . Letztere zzgl. ab ! (was das bedeutet kennen wir wohl) € 290 für ein „Formularpaket“. Näheres s. http://www.diearbeitsbeschaffer.de/sites/default/files/Download-Files/GeschaeftskonzeptV23%202014-05.pdf
    Auch dabei, grundsätzlich Vorsicht wenn ein Verkauf mit „Partnerschaft“ einhergeht, z.B. haben diverse Städte ihre „Partnerschaften“ (ppp=publicprivatepartnership) bitter und unter hohen Kosten bereut.
    Was er dabei als „Geschäftskonzept“ ankündigt, entpuppt sich schlicht und einfach als Verkaufsbeschreibung seines Produktes – der „Beratung der Berater u.a. für (JC)Berater“, zu finanzieren über die „Verkaufsprämie“ Vermittlungsgebühr und die KfW-Förderung.
    Letztlich also ein Schneeballsystem bei dem, wie üblich, die ersten 10, 20 oder 30 „absahnen“ und der Rest, wie pikanterweise einst sogar der Oberguru Höller, die private Insolvenz anmeldet. Jetzt, schuldenfrei, ist er übrigens wieder „auf dem Markt“.
    Da die Entgegnung der JC-Mitarbeiterin keinen Deut besser ist, ja bereits mit der Lüge anfängt, „Diesen Zielberuf wählt der Kunde selbst. Erst wenn es eine längere Zeit nicht mit einer Vermittlung in den Zielberuf geklappt hat, werden Alternativen entwickelt.“, muss man dem Grunde nach noch nicht einmal weiterlesen.
    Denn das „Profiling“ incl. der Kategorisierung in „Betreuungs- bzw „Integrations“stufen nicht etwa Vermittlung, wenn nicht gar die unmittelbare Zuweisung in Massnahmen (u. 25), soll lt. Richtlinien sofort beginnen und nicht erst nach dem vergeblichen Versuch der Vermittlung in den „Wunschberuf“.
    ironie an
    Wobei, so richtig gelogen hat sie ja gar nicht mal, denn die meisten kommen ja erst nach „längerer Zeit“ (12 Monaten) in Hartz4 an und somit setzen halt sofort die „Alternativen“ – „Strukturfindungs“Maßnahmen, 1-€-Jobs oder Zeitarbeit, ein.
    ironie aus
    Also, schau bitte immer noch ein zweites Mal hin oder frag einen „Mißtrauenscoach“, der zwar auch an das Gute glaubt, nur nicht bei Arbeitsvermittlern die er nicht vorher sorgfältig „gecoacht“ hat. 😉

    lG

    • Zitat:Du bist wirklich unverbesserlich… 😉 in Deinem Glauben an das “Gute” im Menschen, leider manchmal auch wider die “angemessene Vernunft”.

      Ich übe aber beständig und habe i.V.z. früher auch schon einige Verbesserungen erzielt 🙂

      Zitat:…oder frag einen “Mißtrauenscoach”, der zwar auch an das Gute glaubt, nur nicht bei Arbeitsvermittlern die er nicht vorher sorgfältig “gecoacht” hat.

      Sehr gerne. Klappt(e) halt leider manchmal nicht so, wie mensch es sich wünscht(e)…
      lG retour

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