Von „Schwarzköppen“, „Gutmenschen“ und der Wichtigkeit des Mitgefühls

Vorwort
Es herrschte Stille hier im Blog. Über einen längeren Zeitraum. Wieder einmal.
Nun könnte ich es mir einfach machen und lapidar eine „Schreibblockade“ als Erklärung vorschieben. Doch ganz so einfach möchte ich es mir gerade nicht machen, zudem ich ja auch recht gut weiß, worauf diese meine „Schreibblockade“ zurückzuführen ist.
Um es kurz zu machen:
Ich war und bin angewidert. Ich verspüre Ekel, großen Ekel. Ich ertrage das ganze Unrecht, die Ungerechtigkeiten und vor Allem die allgegenwärtigen Lügen kaum mehr. Dieses – für mich dem Grunde nach relativ neue – Gefühl wiegt mittlerweile tonnenschwer. Und derartige Gewichte „blockieren“…

Gewiss muss ich meinen Lesern nichts (mehr) von „Krisen“und von den großen menschlichen Nöten weltweit erzählen.Sie sind wohl mittlerweile unübersehbar geworden…im Gegensatz zu den oft versteckten Nöten derer, für die sich auch „im Jahre 10 nach Hartz“ viel zu wenig Menschen interessieren.
Die Rede ist von drangsalierten, gedemütigten und gebrochenen Menschen im Leistungsbezug des SGB2.
Von „Hartz4-Beziehern“ also.
Begleitet man diese Menschen bei ihren Besuchen im Jobcenter, versucht man, diese Menschen zu unterstützen, wird man dann häufigst mit genau dem konfrontiert, was (zumindest mir persönlich) schon allein via Presse, Internet und TV immer mehr Übelkeit, Zorn und Ekel verursacht:

Schamlose Lügen und geballte Menschenverachtung

Nein, ich werde jetzt nicht umfangreich schreiben, wie sehr es mich anwidert, wenn ich höre/sehe/lese, wie dreist den betroffenen Menschen (nach Lesart Mancher leider: Unter-Menschen) das Wort im Munde herumgedreht wird, wie man versucht, zugunsten des eigenen, aufgeblähten und dennoch kleinen Egos seine – eigentlich lächerlich geringe – „Macht“ zu demonstrieren und dabei auch vor gröbsten Lügen, widerlichsten Äußerungen und Handlungen nicht zurückschreckt.
Bis hin zur völligen, existentiellen Vernichtung des „Schmarotzers“!
Wie hinter geschlossener Bürotür so lautstark über „Schwarzköppe, Kanacken (Anm.: Migranten sind damit gemeint) und gefährliche Gutmenschen“ abgeledert wird, dass dies sogar Wartenden auf dem Flur nicht verborgen bleibt…
Nein, das unterlasse ich an dieser Stelle (noch!)
Vielmehr wollte ich festhalten, dass der folgene Satz Nietzsches (aus „Jenseits von Gut und Böse“) offenbar nichts an Bedeutung verloren hat:

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Für mich persönlich bedeuten diese Worte sehr viel, hielt ich mich doch für genug gefestigt und gefeit gegen „das Böse“.
Welch Trugschluss!
Mein Ekel vor einer ganz bestimmten „Sorte Mensch“, mein Zorn darüber, dass diese (scheinbar) ungebremst ihre schändlichen Taten fortsetzen können, ließ auch mich in manch Stunde gedanklich bereits zum „Ungeheuer“ werden…Näheres hierzu zu schreiben, verkneife ich mir…

Dank an meine Freunde in Nah und Fern

Vielen Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen ist es letztlich zu verdanken, dass das „Ungeheuer in mir“ erkannt und (hoffentlich dauerhaft) gebannt wurde.
Das, was ich seit Jahren „predige“ 😉 (Empathie, Mitgefühl ect) ist in der Theorie schnell anzunehmen. Nur sollte mensch eben niemals das „Annehmen“ mit dem „Verinnerlichen“ gleichsetzen, denn erst in „Extrem-Situationen“ zeigt es sich wohl, ob man diese Werte auch tatsächlich zu 100% leben kann…und ich hoffe, es gelingt mir selbst auch künftig (wieder) besser, mich nicht mehr zu sehr von Ekel, Wut und Zorn vereinnahmen zu lassen.
Letztlich blockieren diese negativen Energien (bis hin zur Schreibblockade), verhindern eine klare Sicht auf die Dinge und verursachen schlechtestenfalls irreparable Schäden…bei anderen fühlenden Wesen UND sich selbst…

Ein Appell an die Empathie von Arno Grün

Die nachstehenden Worte des wunderbaren, weisen Psychologen Arno Grün möchte ich daher all den Menschen anreichen, die – wie ich selbst – das Vertrauen in den Sinn empathischen Eingehens auf „die Menschen“ ein Stück weit eingebüßt haben/hatten.
Vielleicht helfen sie dem ein‘ oder anderen Zweifler dabei, zu vermeiden, dass der Abgrund allzu tief in sie hineinblickt…
Danke für’s Lesen.
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„Wir glauben, unser Denken sei realistisch, wenn es von Mitgefühl befreit ist, von der Fähigkeit, Schmerz zu teilen, Leid zu verstehen, und vom Gefühl der Verbundenheit mit allen Lebewesen.
Denken wir aber ohne Mitgefühl, dann leben wir in einer Scheinwelt aus Abstraktionen, die Kampf und Konkurrenz zu den Triebkräften unserer Existenz machen. In dieser Welt der Abstraktionen dominiert die Gewalt.
Ein Bewusstsein, das auf Abstraktionen basiert und das Empathische verdrängt, entfernt den Menschen von der Realität. Es führt zu den uns zerstörenden gewalttätigen Kriegen, welche die Geschichte der Zivilisationen charakterisieren….
Der unmittelbare Ausdruck des Wahnsinns derer, die sich ganz ausschließlich der „Realität“ widmen, ist immer eine Art von Zerstörung. Dieser Wahnsinn verleugnet das Menschliche, wird aber öfters nicht erkannt, da es unter dem Deckmantel der scheinbaren Sorge für Menschen ausgetragen wird. Ihre Vertreter verstehen sich ein menschliches Antlitz zu geben, haben aber keinerlei entsprechende Gefühle, da sie keine Verantwortung für ihr zerstörerisches Tun akzeptieren….
Dies zu erkennen würde bedeuten, an das Fundament unserer, die Empathie unterdrückende, Zivilisation zu gelangen sowie Wettbewerb, Egoismus, Profitdenken, Wachstum und Leistung in Frage zu stellen. Wir müssen deshalb unser Bewusstsein zur Integration des Kognitiven und des Empathischen zurückführen.“
(Zitate aus „Der Wahnsinn der Normalität“)

Quo vadis, Welt?

Die Liebe und das Mitgefühl sind die Grundlagen für den Weltfrieden – auf allen Ebenen.
Dalai Lama

Vorwort

Der nachstehende Text entstammt – leider – nicht meiner „Feder“.
Diese Feder streikt angesichts der (scheinbaren?) Sinnlosigkeit meines/unseres „An-Schreibens“ gegen das immer deutlicher werdende Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft immer häufiger.

Sie streikt, weil die dreiste Verlogenheit Weniger die Barbarei, das Greuel, die Menschenverachtung gegenüber Vielen kleinredet, relativiert und euphemistisch als „alternativlos“ darstellt (an dieser Stelle spanne ich einen welt-weiten Bogen, von Syrien über Griechenland bis hin zum „verharzten“ Deutschland…den sowohl gedanklichen als auch faktischen „Zusammenhang“ zu erkennen, bitte ich an dieser Stelle selbst anzustrengen)

Sie streikt ob der (scheinbaren?) Sinnlosigkeit jedweden Aktivismus‘ für eine andere (bessere) Gesellschaft.
Sie streikt in Folge eines stumpfen Gefühls der Hilf-und Machtlosigkeit gegenüber einer (scheinbaren?) Übermacht derer, welche die Geschicke dieser Welt lenken, geradewegs in eine Zukunft hinein, die für uns – und vor Allem für unsere Kinder – keineswegs als „glücklich“ bezeichnet werden kann.

Sie streikt aber insbesondere deshalb, weil die „feder“führende Hand, welche sich seit Jahren in versöhnlicher und liebevoller Geste auch oder gerade den Menschen entgegen streckt, die sich mit dem „Bösen“ arrangiert zu haben scheinen, sich allmählich zur Faust zusammenballt.
Ungewollt, fast unmerklich, schleichend und damit umso beängstigender.
Es scheint mir daher derzeit die schwierigste Übung schlechthin zu sein, Mitgefühl und Menschenliebe in mir selbst aufrecht zu erhalten, meinen Zorn und auch die Angst zu rationalisieren und zu versuchen, diese Emotionen nach wie vor in konstruktive Bahnen umzuleiten. Impulsen wie Wut zu widerstehen, Gleiches nicht mit Gleichem „vergelten“ zu wollen…

Rainhard Fendrich schrieb in seinem Lied „Irgendwann“ die Textzeile:
…Aber irgendwann, du wirst es ned gneissen (= verstehen)
Irgendwann, da frißt deren Schmäh
Irgendwann, es ist zum scheissen
Irgendwann, dann bist so wie die…

Ob auch er Nietzsche gelesen hat? Ich weiß es nicht. Unter’m Strich jedenfalls kommt er auf das gleiche Ergebnis, wenngleich vermutlich als Resultat völlig verschiedener Ansätze

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Friedrich Nietzsche (Werk: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 146)

Ich danke an dieser Stelle @sbo herzlich für die freundliche Überlassung des nachstehenden Textes.
Es wäre mir wohl momentan selbst nicht möglich gewesen, meine – völlig identischen  – Gedanken und Gefühle so zu formulieren.
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Unsere Gesellschaft scheint an Hass und Narzissmus zu ersticken.
Wie im Wahn streben wir danach, höher zu kommen, schneller und besser zu sein, als alle anderen. Zwanghaft suchen wir nach Selbstbestätigung, so als wären wir nichts ohne dass uns ständig einer sagt, wie gut wir sind, ohne, dass wir ständig andere abwerten müssen, um gefühlt eine Stufe höher zu stehen.
Wir pushen unser kleines, zerbrechliches, bedürftiges Ego mit Fußtritten auf unseresgleichen.
Der Einzelne bildet sich ein, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Wir sind vereinzelt. Wir wollen gut und klug sein, und den Schein unseres „Gutseins“ und „Klugseins“ verteidigen wir so aggressiv, dass unser Mitgefühl stirbt. Wir bekämpfen uns. Wären wir Blätter an einem Baum, würde dieser an unserem Kampf zugrunde gehen und wir mit.

Wenn wir daran dächten, dass unser Sein, unser Handeln, all unsere Gedanken und Ängste auf unseren Erfahrungen beruhen. Wenn wir daran dächten, dass all unsere Wahrnehmungen nur subjektiv sein können. Wenn wir daran dächten, dass die meisten Emotionen auf Angst basieren. Angst, nicht mitzuhalten. Angst, nicht anerkannt zu werden. Angst, einen Krieg zu erleben. Angst, zu sterben. Angst, elendig gewaltsam zu krepieren, wie täglich tausende Menschen. Angst, einen Freund, ein Kind, die Mutter, die Schwester zu verlieren. Rückzug und Depression oder Aggression und Hass sind die möglichen Antworten auf Angst. Sind wir Tiere im Käfig?

Können wir nicht verstehen, dass wir Mitgefühl, Solidarität – einen Plan – und nicht Krieg und Hass brauchen?

Wann werden wir erkennen, dass es „die Wahrheit“ nicht gibt? Werden wir irgendwann begreifen, dass wir ALLE nur Tell eines großen Ganzen sind, und dass unsere Kriege den „Baum“, der uns Leben gibt, zerstören werden?

Jeder Mensch, der leidet, der hungert, der flüchtet, der zwischen Elend und Tod in einer Situation leben muss, die wir ändern könnten, aber es nicht tun, zerstört uns am Ende alle. Wir sind keine von allem abgetrennten Wesen.

Wozu haben wir sprechen gelernt, wenn wir die Sprache nicht für Verständigung nutzen, sondern nur dazu, uns aufzuwerten, uns zu bestätigen? Jeder, ausnahmslos jeder, wurde als kleines, unschuldiges Baby geboren. Und jeder wurde durch die Umstände zu dem, was er ist, was er denkt, was er fühlt. Verdammt noch mal, wir sind doch aufeinander angewiesen!

„Hartz4“ – Das große Vermittlungshemmnis

Ob es mit Bescheidenheit zu tun hat, wenn eine „Hartz4-Altaktivistin“ wie ich  sich dankbar zeigt für jede öffentliche, kritische Stellungnahme eines Arbeitsvermittlers?
Oder doch eher mit partieller Resignation?
Vielleicht spielt ein Fünkchen Hoffnung die entscheidende Rolle für diese Dankbarkeit? Ich weiß es nicht…

Statt Arbeitslosen zu neuen Jobs zu verhelfen, unterstellen die Jobcenter ihnen Vermittlungshemmnisse. Auch die Politik stigmatisiert Hartz-IV-Empfänger…

Dies sind die einleitenden Worte zu dem Leserartikel von Lars Naundorf, der als privater Arbeitsvermittler tätig war und nunmehr beratend für die AVs, pAp’s und co in den Jobcentern tätig ist.
Im Wesentlichen bringt er eines der Hauptmerkmale der permanenten Stigmatisierung – die „Unfähigsprechung“ der Leistungsberechtigten – auf den Punkt.
Dafür Chapeau!

Papier ist geduldig, das www auch…

…dennoch komme ich nicht umhin, dem, was Naundorf auf seiner Homepage beschreibt, Glauben schenken zu wollen. Sollte es also i.d.T. so sein, dass die nachfolgenden Sätze der Wahrheit entsprechen, dann ist seine Arbeit gute Arbeit, siehe ->

Und jeder vermittelte Arbeitsplatz ist ein richtiger Arbeitsplatz, wir vermitteln keine Minijobs, Zeitarbeit oder sonstige Maßnahme-Alibiarbeitsplätze….

http://www.vermittlungstrainer.de/lars-naundorf

Gebranntes Kind scheut das Feuer…

…oder beäugt es zumindest sehr, sehr kritisch. Aussagen wie ->
Es ist falsch, Hartz-IV-Empfänger gleichzusetzen mit arbeitsmarktfernen langzeitarbeitslosen Menschen. <- hörte ich auch hier vor Ort, geschmückt mit netten Umschreibungen wie „dort abholen, wo der Betreffende steht“ oder „Möglichkeiten zu schaffen, sein Baby (gemeint war da der Traumberuf) zu verwirklichen“.
Hohle Phrasen ohne jedweden Nährwert, wie sich später herausstellte.
Von daher bin ich mittlerweile sehr kritisch, wenn ich (vermeintlich) Kritisches lese oder höre…

Unfähigsprechung, Infantilisierung und zunehmende Pathologisierung

Wenngleich Herr Naundorf (ob aus Unkenntniss oder „Zurückhaltung“) wesentliche Punkte zum Thema Langzeiterwerbslosigkeit/Ursachen auslässt, so geht er in seinem Artikel doch auf einen sehr wichtigen Fakt ein, den der Fokussierung von Vermittlern auf „Vermittlungshemmnisse“.
Somit zieht er dann auch das (derzeit noch) folgerichtige Fazit, Zitat:
„Letztlich mangelt es nicht an potenziellen Fachkräften, sondern an einer fachgerechten Vermittlung der verfügbaren Potenziale. Wir brauchen deshalb dringend eine Reform der staatlichen Arbeitsvermittlung.“

Es wäre nicht fair, würde man Naundorf nun vorwerfen, er verkenne die (politisch gewollten) Gründe, die hinter solch Vorhalten wie „Vermittlungshemmnis“ stehen.
Oder dass die Infantilisierung durchaus erwünscht ist, Motto:
Wir halten Euch „dumm“ UND arm, denn nur so können wir willige und vor allem billige Jobber züchten, zugunsten der herrschenden Klasse.
Ähnliches gilt auch für die zunehmende Pathologisierung (= für [psychisch] krank erklären)…
Und auch ein noch so effektiv arbeitender Arbeitsvermittler kann nichts aus dem Hut zaubern, was nun einmal nicht vorhanden ist:
Arbeitsplätze für alle Arbeitswilligen.
Das derzeitige Verhältnis ist (unter Zugrundelegung von Unterbeschäftigung) 8:1, d.h., 8 potentielle Arbeitnehmer stehen 1 (einer) offenen Stelle gegenüber!
Welche Arbeitsplätze das sind, ob sie den Arbeitenden auch ernähren, steht nochmals auf einem anderen Blatt.

Auch könnte man aufführen, dass eine „Vollbeschäftigung“ nie erreicht werden kann (und soll), ausser in Kriegsvor-und nachbereitenden Zeiten…o.k., mit etwas Sarkasmus und Pessimismus ließe sich feststellen, dass dann die Chancen dafür gar nicht so schlecht stehen (siehe das Unterstrichene)

Aber das ist die politische Seite der Medaille, zudem natürlich meine ganz persönliche Sicht, basierend auf Fakten zwar, aber noch immer persönlich 😉
In der Stellungnahme des Herrn Naudorf geht es aber ausschließlich um das „Wie“ in der Arbeitsvermittlung.

Arbeitsplätze statt Jobs

Bleiben wir also beim Positiven. Naundorf spricht von Arbeitsplätzen, nicht von Jobs. Wie wohltuend!
Naundorf vermittelte offenbar in echte Raritäten. Sehr löblich.
Nunmehr möchte er mittels Schulungen den jobcenteransässigen Arbeitsvermittlern „auf die Sprünge helfen“.
Auch das ist – insbesondere, da er die Macht der Worte wohl verstanden hat – ein guter Ansatz.
Wie realistisch dieses Unterfangen ist (siehe meine Einschätzung/Argumentation oben) sei dahingestellt. Sollten dank seiner Methode auch nur 10 Arbeitsvermittler bundesweit jeweils 10 Lohnerwerbslose in „echte Arbeit“ bringen (wollen) bedeutete dies 100 x weniger Entwürdigung, Angst und Scham…lohnenswert, so lange der Fetisch Lohnarbeit besteht und aus meiner Sicht ein winziger Lichtblick.

Der ganze Artikel hier -> http://www.zeit.de/community/2014-12/jobcenter-arbeitsvermittlung-arbeitslose-stigmatisierung

Die Antwort ließ übrigens nicht lange auf sich warten

Durch und durch der Propaganda aufgesessen, vor Euphemismus triefend, die unterschwellige Miß/Verachtung bzgl. der Erwerbslosen in den eigenen Worte nicht begreifend, nahm zu diesem Artikel eine Jobcentermitarbeiterin Stellung.
Anonym, versteht sich!
Gruselig zu erkennen, wie perfekt selbst bei offenbar „gutwilligen“ Mitarbeitern die Manipulation mittlerweile funktioniert. Das Schlimme an diesen Hirngewaschenen ist aus meiner Sicht, dass sie ihre Aussagen – von „uns“ häufig als dreistes Belügen wahrgenommen – als Wahrheit empfinden.

Zitate…Erst wenn es eine längere Zeit nicht mit einer Vermittlung in den Zielberuf geklappt hat, werden Alternativen entwickelt…

…Das Alter darf übrigens nicht ohne Weiteres als Hemmnis aufgeführt werden, da man es nicht ändern kann…

…Wenn es keine Hemmnisse gäbe, dann wären die Menschen nicht im Jobcenter. Sicher gibt es Ausnahmen, aber das sind eben nur Ausnahmen, zumindest in Berlin…

…Die Aufgabe der Jobcenter ist es, diese Menschen aus ihrem Loch herauszuholen und an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Dafür sind Maßnahmen wichtig. Entweder sollen sie aktivieren und bei den Bewerbungen unterstützen (mittlerweile zu einem Großteil im Einzelcoaching, wo sich keiner in einer Gruppe verstecken kann) oder sie sollen dazu dienen, eine Tagesstruktur herzustellen und das Arbeits- und Sozialverhalten zu trainieren

http://www.zeit.de/community/2014-12/jobcenter-beratung-arbeitslose-vermittlungshemmnis?commentstart=129#comments

Auf dass der von mir oft zitierte Max Liebermann nicht erneut herhalten muss, frage ich an dieser Stelle (fast ernsthaft):


Wird in den Kaffeeküchen der Jobcenter eigentlich täglich die nötige Portion Soma verabreicht oder nur wöchentlich?


Schöne, neue Welt lässt grüßen…Soma (Auszug Wiki) -> Allen Kasten gemeinsam ist die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma, die den Mitgliedern dieser Gesellschaft das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung nimmt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_neue_Welt

 

 

 

 

 

 

Merkt Ihr es nicht? Ein Appell von Rainer Kahni

„Unsre Herrn, wer sie auch sein, sähen unsre Zwietracht gern. Denn solang sie uns entzweien, bleiben sie auch unsre Herrn.“
Berthold Brecht.

Beim mittäglichen Nachrichten“studium“ stieß ich auf das nachstehend Eingestellte.
Wer Rainer Kahni (Mr. Rainer) nicht kennt…sollte ihn vielleicht kennenlernen 😉

Rainer Kahni, besser bekannt unter dem Namen Monsieur Rainer, ist Journalist und Buchautor. Er ist Mitglied von Reporters sans frontières. Wer intelligente Polemik und wortgewaltigen Sarkasmus schätzt, dem seien seine Werke an’s Herz gelegt.
Ich ziehe vor diesem streitbaren, bissigen und gradlinigen Menschen jedenfalls in schöner Regelmäßigkeit meinen imaginären Hut und bedaure, viel zu spät von ihm erfahren zu haben (erstmalig durch seine „etwas andere“ Neujahrsansprache https://erbendertara.wordpress.com/2013/01/01/eine-etwas-andere-neujahrsansprache-von-rainer-kahni-auserst-lesenswert/ )

Wer Stephane Hessels „Empört Euch“ aus Überzeugung sein Eigen nennt, dem könnte auch Kahnis „Wehrt Euch“ zusagen. Bissiger zwar, „polemischer“, härter in der Wortwahl als Hessels Streitschrift, mein „Prädikat“ aber auch hier: Eine lesenswerte (gesellschafts)politische Analyse, die mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks die deutschen Defizite aufzeigt und dabei Salz in die Wunden reibt…auf dass diese sich entzünden mögen.
http://www.kritisches-netzwerk.de/forum/wehrt-euch-rainer-kahni-gen-monsieur-rainer

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Merkt ihr es nicht?
Die Mächtigen wollen euch dividieren zwischen links und rechts, zwischen Moslems und Christen, zwischen Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitslosen. „Divide et impera“, sagten die alten Römer. Der alte römische Grundsatz „teile und herrsche“ wird von den Lobbyisten und ihren Marionetten in der Politik auf perverse Art gegen die Bürger missbraucht. Die Bürger werden bewusst gegeneinander aufgehetzt, um vom eigenen Versagen abzulenken. Während sich die Bürger zerfleischen, betreiben die anderen ihr schmutziges Geschäft. Es muss also vielmehr unterschieden werden zwischen OBEN und UNTEN! Solidarisiert euch zu einem Bürger – Block und vergesst alle politischen Ideologien!
Ihr könnt ja eure Differenzen wieder austragen, wenn die Lobbyisten, Kriegshetzer, Russland – Phoben, USA – Marionetten vom Hof gejagt sind!

 

Der Vergleich: Hartz4 vs. NS-Zeit. Darf „man“ das?

Die Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage beantworte ich mit einem klaren
Ja.
Ja, wenn es sachlich bleibt und verifizierbare Fakten genannt werden.
Ja, wenn man nicht vergisst, dass es sehr wohl Unterschiede gibt (wobei sich Geschichte ja wiederholt, nur eben niemals 1:1).
Ja, wenn bei aller Betroffenheit nicht der Eindruck erweckt wird, das Leid der unzähligen Opfer des NS-Regimes  relativieren zu wollen.
Ja, wenn nicht unreflektiert mit der Gleichmachungs-oder der Nazikeule zugeschlagen wird.
Und ja, wenn sich ein Artikel in der Form mit der Thematik auseinander setzt, wie es der Autor Paul Duroy tat.
Einen ungleich längeren und sehr anspruchsvollen Aufsatz zu diesem Thema hat auch der sehr geschätzte Holdger Platta geschrieben.
Nach Rücksprache mit ihm werde ich diesen auf Anfrage dem geneigten Leser zur Verfügung stellen, so ich darf.

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Arbeitsscheu Agentur

Hartz IV Über die brandgefährlichen Implikationen “moderner“ Arbeitsmarktpolitik

“Erwerbsfaehige, die angebotene Arbeitsplaetze zweimal ohne berechtigte Gruende abgelehnt oder die Arbeit zwar aufgenommen, aber ohne stichhaltigen Grund wieder aufgegeben haben, sind der Gestapo zu melden. (…) Diese Menschen sind in polizeiliche Vorbeugehaft zu nehmen. Vor allem sind hier zu beruecksichtigen:
Landstreicher, Bettler, Asoziale, Zigeuner und nach Zigeunerart herumstreunende Personen (…), die gezeigt haben, dass sie sich in die Ordnung der Volksgemeinschaft nicht einfuegen wollen.“

Heinrich Himmler in einem Schnellbrief-Erlass am 1.6.1938, zitiert aus Peter Longerich-“Heinrich Himmler-Eine Biographie“

Der Leser mag nicht erschrecken, dass zum Auftakt dieses Eintrages ein derart streitbarer Charakter zitiert wird. Dieses etwas krude Auftaktzitat darf der Leser in einem beißend grellen Lichte lesen, wenn er bedenkt, dass die “moderne“ deutsche Arbeitsmarktpolitik anno 2011 weiterhin unbeirrt auf die massive Mobilisierung der von vornherein als “arbeitsscheu“ Verdaechtigten durch den Staat setzt. Dem “modernen“ Staat ist keine “Arbeits-Maßnahme“ (die sich bereits im “Dritten Reich“ haargenau so nannte) zu schade, den doch nach der reinen Lehre eigentlich muendigen, aber derzeit arbeitslosen Buerger zu schikanieren und zu maltraetieren. Der Hartz-IV-Empfaenger ist von vornherein verdaechtig und hat, ohne Chance auf eine faire Diskussion auf Augenhoehe, von allem Anfang an eine zweifelhafte Bringschuld. Eines der ersten Essentials, welches ihm der sogenannte Arbeitsvermittler beim Erst-Antrag beibringen wird, ist die Pflicht nach Sozialversicherungsgesetzbuch, dass er im Grunde unrechtmaeßige Leistungen bezieht, fuer deren Bezug er im Gegenzug unbedingt, schnellstmoeglich und unter maximaler Zumutung eine neue Arbeit zu finden hat.
Unterschwellig wird dem Sozialgeldempfaenger suggeriert, dass er vom gesunden Volkskoerper zehrt und somit (und das Wort ist “dank“ BILD und anderen Hetz-Blaettern wieder erstaunlich salonfaehig geworden): ein “Sozialschmarotzer“. Auch wenn kein Mitarbeiter der Agentur fuer Arbeit das derart explizit ausdruecken wuerde.

1938 hatte der “Reichsfuehrer-SS“ Heinrich Himmler eine famose Idee: zur Totalisierung der kurz vor dem Eintritt in den Krieg stehenden deutschen Wirtschaft gaelte es ALLE verfuegbaren Arbeitskraefte zu maximalisieren und auszuschoepfen. Ein Ansatz war auch, das Freisein von Arbeit zu einem Verbrechen qua definitionem auszuküren: wer also nicht arbeitete oder frei umherzog, wurde gebrandmarkt als “Asozialer“, als und dies durchaus woertlich: “Sozialschmarotzer“, ein gefaehrlicher Parasit am eigentlich gesunden “Volkskoerper“. Im Zuge dieser Bemuehungen schuf Himmler ein Projekt, dem er sich nun mit Feuereifer zu wandte: das sogenannte “Projekt“ mit der etwas krumm klingenden Bezeichnung: “Arbeitsscheu Reich“.

Menschen, die als “Asoziale“ stigmatisiert wurden, die nach heutigen Begriffen psychisch krank waren, wurden demgemaeß in KZ’s zur Zwangsarbeit eingezogen (eben den sogenannten “Maßnahmen“ und man beachte uebrigens wie inflationaer die Agentur fuer Arbeit diesen Begriff in ihren Info-Broschueren benutzt), sie waren vogelfrei und konnten jederzeit nach einem “Sondererlass“ (oftmals sogar ohne einen solchen aus reiner Willkuer) wegen Faulheit (!) erschossen werden.

Meine eigene Erfahrung mit der Agentur ist zB, dass ich damals, als ich mich fuer ein halbes Jahr selbst auf Hartz IV begeben und mir irgendwann die Schmach antun musste, meiner “Vermittlerin“ zu erklaeren, dass mir aus psychischen Gruenden das ganze Verfahren absolut gegen den Strich geht (ich hatte zuvor allerdings auch ganz offen, unbedarft und ueberzeugt politisches Widerstreben ins Rennen gefuehrt), sie mir erklaerte, ich muesse erkennen, dass ich fortan vorrangig den Fokus auf den Erwerb eines neuen Jobs zu legen habe oder auf klardeutsch uebersetzt:
„Dass es Ihnen angeblich psychisch nicht gutgeht, habe ich ueberhoert, Sie fauler Sack, suchen Sie sich einen Job und es geht Ihnen wieder besser.“

Ja, da habe ich sofort bei mir bemerkt: vielleicht ist aufgezwungene Arbeit doch ein wahres Therapeutikum, vielleicht macht Arbeit, zumal nach allen Gesetzen des Neoliberalismus, doch frei und unbeschwert. “Arbeit macht frei“, dieses ermutigende Spruchband koennte nach der bestechenden Alleinstellung der Arbeit doch ueber allen Agentur-Eingaengen stehen, so dachte ich mir.

Absolut gaensehauterregend ist die (wenn auch unbewusste) Kontinuitaet quasi-faschistischen Denkens, das hinter dieser Glorifizierung der Arbeit als politisch-soziales Allheilmittel steckt und die strenge und konsequente Sanktionierung bei Nicht-Beachtung des auferlegten Prinzips. Heutzutage fuehrt der Weg der sanktionierten Faulheit zwar nicht mehr ins Arbeitslager und zur Gestapo, sondern in die kalte Ueberlassenheit der Markt-Gescheiterten, man wird dann eben zum Paria, zum Ausgestoßenen, zum Vagabunden und Landstreicher. Man wird nur abgestempelt und von den Medien stigmatisiert und marginalisiert als asozialer Einzlfall, als Schaedling am bundesrepublikanischen und doch eigentlich so gesunden Volkskoerper. Vorzeige-Asoziale werden als gewuenschte Marionetten dieses Zerrbildes im Fernsehen vorgefuehrt, quod erat demonstrandum. Die wiederum schueren einen Zorn der immer so leicht zu erregenden Mittelschicht, die sich absolut bestaetigt sieht in ihrer beschraenkten Weltsicht: fuer sie ist der Hartz IV-Empfaenger per se asozial, die alleinerziehende Mutter, die “Leistung“ bezieht, eine arbeitsscheue Halbmutter, die schon das naechste asoziale Individuum auf Staatskosten heranzieht.

Besorgniserregend ist beim Blick auf die “moderne“ Arbeitsmarktpolitik der Bundesrepublik, dass der freie Buerger als souveraenes Individuum als Empfaenger staatlicher Transferleistungen von einem Moment auf dem anderen zum verwalteten und zur Disposition stehenden Objekt verkommt. Die Transferleistung ist ploetzlich nicht mehr “Wohlfahrt“ und somit eine saekularisierte Form staatlicher milder Gabe, sondern eine Art von Minimal-Alimentation, die von vornherein grobe Verdaechtigungen gegen das verwaltete Objekt, den Transferempfaenger, aussendet.
Zur Disposition steht der Transferempfaenger in ALLEN Belangen: fast jeder Job ist zunaechst einmal zumutbar, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er Leih-/Zeitarbeiter wird und von dem Personaldienstleistungsunternehmen nach freier Verfuegung hin und her disponiert wird und, sollte der Empfaenger partout nicht arbeiten koennen/wollen, steht er zur gesellschaftlichen Disposition: dann erfolgt die Leistungssperre, der unausgesprochene Ausschluss aus der Gesellschaft, die “dispositio“, die der Lateiner mit “Entfernung“ uebersetzt. Man beachte auch, dass “waste disposal“ im Englischen “Muelldeponie“ bedeutet. Der Mensch ist zu Muell geworden, seine Arbeitskraft erschoepft und womoeglich ausgebeutet, das nunmehr asoziale Element wird der kalten und “bereinigenden“ Hand des Marktes ueberlassen. Diesselbe Hand wischt den nunmehr Verfemten leichterdings an den alleräußersten Rand der Gesellschaft.[…]

weiterlesen auf

http://www.freitag.de/autoren/paul-duroy/arbeitsscheu-agentur

Der Fluchtweg: “Freitod” aus Hartz IV


Vorwort
Der nachstehende Artikel von Holdger Platta leg
t auf einfühlsame Weise den Finger in eine der (noch) verborgensten Wunden des „Hartz4 Desasters“.
Geht man doch – nachdem die Manipulation, Erwerbslose als „faule Schmarotzer“ zu stigmatisieren, vorzüglich funktionierte – seit geraumer Zeit dazu über, die Betroffenen als oft psychisch krank zu pathologisieren. Sie entsprechend zu „behandeln“ oder  Zwangs-Maßnahmen für „psychisch Auffällige“ zuzuweisen.
Das eröffnet auch der  den MaßnahmeträgerMafia Unternehmen lukrative, neue Möglichkeiten.
Dazu in Kürze mehr…

Ursache und Wirkung werden gekonnt verdreht.
Nicht die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sei verantwortlich dafür, dass Menschen im unwürdigen „Sozial“leistungssystem kleben bleiben und dadurch erst erkranken, nein der Einzelne sei selbst schuld daran, so lautet nach wie vor der Tenor.
Die Klassifizierung ist schnell gemacht:

Der Erwerbslose ist a) faul, oder b) bereits zuvor psychisch krank gewesen oder c) ungebildet. Oder alles zusammen.
Schuld hat er alleweil immer selbst.

Dass es tatsächlich zu einer rasanten Zunahme der psychischen Erkrankungen (insbesondere der Depressionen) innerhalb der letzten Jahre kam, ist durch Studien belegt. Dass der „Ausweg Suizid“ oft in Folge einer depressiven Erkrankung gewählt wird, ist naheliegend.
Doch wer oder was ist „schuld“ an dem inflationären Gallopp der Depressionen innerhalb der Bevölkerung – insbesondere bei den prekär Lebenden, den Veramten – ?
Die Antwort liegt auf der Hand…

http://dieopferderagenda2010.wordpress.com/

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Der Fluchtweg: “Freitod” aus Hartz IV – von Holdger Platta

Gern wird in “unseren” Kreisen zugestanden, dass Hartz IV unbequem ist, stressig, deprimierend, demütigend sogar. Aber dass Hartz IV töten kann – von den wenigsten wird diese äußerste Konsequenz ins Auge gefasst, schon weil die Zusammenhänge nur sehr selten völlig zweifelsfrei nachgewiesen werden können. Trauen wir uns nicht, offen auszusprechen, dass Hartz IV mordet, dass somit auch alle, die es installiert haben und weiter betreiben, morden? Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn unzähligen Menschen das Existenzminimum gekürzt wird – als “Strafe” für Ungehorsam? (Was geschieht, wenn jemand weniger hat als das Minimum?) Wie soll man es sonst nennen, wenn unzählige Menschen sehenden Auges in eine Situation hineingetrieben werden, die die Wahrscheinlichkeit einer schweren Depression beträchtlich erhöht? Können wir etwas tun gegen die äußersten Gefährdungen durch Arbeitslosigkeit? (Holdger Platta)…

Weiterlesen auf Hinter den Schlagzeilen http://hinter-den-schlagzeilen.de/2014/11/25/der-fluchtweg-freitod-aus-hartz-iv/comment-page-1/#comment-195526

Mein Freund – Der Fallmanager

 

Er ist kritisch, zu kritisch bisweilen nach Lesart seines Arbeitgebers.
Er agiert ähnlich wie Inge Hannemann, lässt „Interna“ extern werden.
Er hat Rückgrat. Wurde durch kollegiales mobbing und bossing noch nicht gebrochen.
Viele seiner Informationen waren mir schon sehr nützlich.
Er hat seinen „inneren Menschen“ noch nicht beerdigt.
Ein – aus meiner Sicht – mutiger Mensch.

Und jetzt, liebe Jobcenter-Mitarbeiter, bitte ich um Einstellung der evtl. eingesetzten Schnappatmung, denn:


Ich schrieb zwar im Präsens, doch das Geschilderte ist Vergangenheit
, mit Ausnahme der Charakterisierung!

Er ist Ex-Fallmanager. Und er ist in Rheinland-Pfalz zu Hause. Auch ist er bislang „nur“ ein Facebook-Freund (das wird sich in Kürze wohl ändern, hoffe ich 😉 ).
Sein Name ist Burkhard Tomm-Bub
Nein, ich beschrieb also kein in der MainArbeit ansässiges U-Boot.
Hätte ich gerne, aber in Ermangelung dessen/deren Existenz geht das leider nicht.

Weshalb ich Burkhard diesen Artikel widme?

Der Grund dafür ist sein nachfolgend stehender Artikel. Dieser gibt ziemlich punktgenau auch meine Einstellung wieder. Und, nicht ganz uneigennützig 😉 , möchte ich mich  damit auch – zum wiederholten Male – gegen die Unterstellung, ich sei in irgend einer Form „radikalisiert“, verwehren. Den ein oder anderen Mitarbeiter sehe ich vor meinem „geistigen Auge“ nach Lesens des Artikels zustimmend nicken…


 

Montag, 8. September 2014

Niemand ist schließlich gezwungen im jobcenter zu arbeiten!

 
HEROES
„I, I will be king
And you, you will be queen …“ (David Bowie)

Niemand ist schließlich gezwungen im jobcenter zu arbeiten!
– so hört man es immer wieder einmal aus der radikalkritischen Ecke der Bewegung gegen HARTZ IV.
Damit verbunden ist dann in der Regel eine strikte Ablehnung und Aburteilung eines jeden Menschen, der in einem jobcenter arbeitet, einmal gearbeitet hat, oder der für Menschen dieser Art auch nur irgendein Verständnis zeigt.
Da nützt es auch nichts, wenn man (wie unter anderem auch Inge Hannemann) mittlerweile selbst zu den scharfen Kritikern des Systems gehört. Dies wird dann als unwahr, vorgeschoben, usw. angesehen, bzw. werden auch völlig andere, schlimme und eigensüchtige Motive krampfhaft hinein gedeutet.

Nein – Weltbild und Feindbild müssen klar, sauber, übersichtlich und gut handhabbar in Schwarz und Weiß sortiert sein – und bleiben! Da gibt es kein Vertun, da gibt es nichts zu verstehen und auch nichts nachzuvollziehen.
Wo kämen wir denn da sonst hin?!

Vielleicht sogar in einen Dialog, vielleicht mit einigen sogar in eine Kooperation, in ein breites Bündnis gegen einzelne, üble Punkte und Auswüchse des HARTZ – Systems?
Doch wer könnte so etwas schon wollen!
Das riecht doch nach Fraternisation, nach Verbrüderung und Verteidigung und nach Verständnis für die „Meute der Systemschergen“, die „dickfälligen Beamten auf Lebenszeit“, die mit ihren „faschistoiden Schikanen“ lediglich eine und wirklich nur eine Freude im Leben haben: Menschen zu sanktionieren und in Hunger und Selbstmord zu treiben …!

Doch nun zu etwas völlig anderem. Der Realität.
Doch eins vorab: richtig – es gibt sie. Wie überall.
Bei vielen Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – da sind dann auch diese und jene dabei. Menschen mit sozialen Defiziten, unreife Persönlichkeiten, Choleriker, etc. pp.
Und ja – auch Beamte auf Lebenszeit gibt es.
Alles kein Thema.
Besondere Entgleisungen dieserart Typen sollten mit möglichst kaltem Blut akribisch dokumentiert und sodann formal korrekt an die zuständigen Beschwerdestellen, notfalls auch an die Öffentlichkeit gebracht werden. Sollte da manchmal Geduld und Beharrlichkeit notwendig sein – sollten wir diese aufbringen.

Ende 2004 begannen (im Detail durchaus hektisch) die Vorbereitungen auf die Umstellung Sozialhilfe / Arbeitslosenhilfe —> HARTZ IV / ALG II.
Die jobcenter (damals ARGEn) verfügen bis heute über kein eigenes Personal.
Um es (nur scheinbar) grob verkürzt zu sagen: ein „arg bunt durcheinander gewürfelter Haufen“ war das, der nun in Arbeitsämtern, in den Kommunen und auch extern rekrutiert wurde. Sowohl was den Bereich Leistung (Geld), als auch was den Bereich Arbeitsvermittlung / Fallmanagement betraf.
Berufliche Ausbildung, Vorerfahrung, Motivation, Befähigung, etc. waren in hohem Maße unterschiedlich ausgeprägt. Auch beruflich völlig fachfremd qualifizierte und gänzlich für einen Wechsel  unmotivierte Menschen waren reichlich dabei. Eine wirkliche Wahl hatten aber die wenigsten.
Zudem wurde das neue Vorhaben „SGB II / ALG II“ gänzlich anders verkauft, als es sich dann später entwickelte. So seien von den Fallmanager_innen „etwa 75 Menschen“ zu betreuen und zu  beraten. Die Sanktionen seien nur unwillig und auf Wunsch der Politik mit ins Konzept genommen worden. Sie würden auch nur das letzte „pädagogische Mittel“ darstellen – und eigentlich eher ein Hinweis darauf sein, dass der Fallmanager seine vorherige Arbeit vielleicht nicht wirklich optimal gemacht habe. Und das waren alles keineswegs nur mündliche Beteuerungen – die entsprechenden Konzepte lassen sich sogar heute noch  im Internet schriftlich auffinden!
Von 300 – 400 Fällen, einer grotesken und immer mehr ausufernden EDV (inklusive umfangreicher Dokumentationspflichten), von verschärftem Controlling, vom Druck der Maßnahmelobby, von Sanktionquoten und vielem mehr war also keineswegs die Rede.
Im Laufe der ersten Jahre begann man sich einzuarbeiten und einzuspielen aufeinander. Einige „flüchteten“ bereits jetzt, bewarben sich immer wieder auf auch nur halbwegs in Frage kommende Stellen außerhalb des jobcenters – oder wurden gar dazu gedrängt. Vieles wurde schlimmer und schlimmer, erste Widerstände regten sich – und wurden beschwichtigt, vertröstet, versandeten.  Auch gebrochen wurden sie dann später zum Teil.
Ein neuer Trend zeichnete sich anschließend klar ab: „Frisches Blut, dynamische, engagierte Menschen in die jobcenter!“ – so der OFFIZIELLE Text. Der offizielle.

Um es anders herum anzugehen.
Wen finden wir heute in den jobcentern als Mitarbeiter_innen vor?

Etliche von diesen Menschengruppen:

– Quereinsteiger_innen, die woanders „schnell weg mussten“ (oder wollten)
– Alleinerziehende
– Menschen mit (mehreren) Zeitverträgen (hintereinander) und ungewisser Aussicht auf Verlängerung
– Menschen in Teilzeitbeschäftigung (mit Interesse an und vager Aussicht auf spätere Umwandlung in Vollzeit – Arbeitsverhältnisse)
– Berufsanfänger_innen
– Angehörige junger, eigener Familien mit Kleinkindern (und ggfl. „Häusle – Hypothek“)
– „Umsiedler_innen“ aus anderen Bundesländern, die beginnen, hier eine neue Existenz aufzubauen

Sowie:
– Ältere und / oder gesundheitlich angeschlagene Menschen, die bei Kündigung sicher in diesem Leben keine andere Arbeit mehr fänden

Und zugegeben auch:
– gleichgültige, verbeamtete Menschen, die emotional eher als „schwingungsarm“ zu sehen sind
– ältere, resignierte Menschen kurz vor der Rente / Pension
– jüngere, aufstrebende Kräfte (Stichwort: „Karriere“) .

Ein Großteil dieser Gruppen ist durch selbstbewusstes Auftreten und Druck durch die Vorgesetzten gut lenkbar und formbar. Eigenständige ethische Überlegungen werden nicht gefördert, im Gegenteil durch subtile, einseitige Informationen unterminiert und manipuliert. Wo dies nicht reicht, „kommen Zahlen auf den Tisch“, wird Druck gemacht und mit vagen Versprechungen operiert (ein bisschen „Zuckerbrot“ muss ja auch sein). Ein immer ausgefeilteres, computergestütztes Controlling optimiert diese Abläufe deutlich.

Ein kleine Exkurs noch:
Auch das Kontingent der Beamten kann es sich nicht wirklich ohne Weiteres leisten „aufzumucken“. Im Gegenteil ist es fast schon erstaunlich, wie offen diesen im Falle des Falles gedroht wird.

Bei wem die Karte „Karrierestop“ nicht (mehr) sticht – dem wird dann die Zuweisung „unterwertiger Arbeit“ signalisiert. Und – vor allem – kommt eine „Karte“ zum Einsatz, über die hier nur die BA als Bundesbehörde verfügt. Eine „bundesweite Erprobung“ wird offiziell für unerwünschte Verhaltensweisen angekündigt.
Wer:
– nicht zu sehr an seiner derzeitigen Arbeit und seinen Kolleg_innen hängt
– gesundheitlich gut fit ist
– gern reist und Abwechselungen genießt
– keine Kinder und Partner_in hat,
etc. …
Dem mag es vielleicht nicht so viel ausmachen, z.b. ein Jahr lang kreuz und quer durch die Republik geschickt zu werden, jeweils zur Arbeit für einige Wochen oder wenige Monate an diesem und dann wieder am entgegen gesetzten Ende des Landes …
Aber nur dem.

Wie dem auch sei.

Einem Druck kann man widerstehen, subtile Beeinflussung kann man als solche erkennen, eigenständiges Denken lässt sich erlernen, eine ethisch – moralische Selbsterforschung ist ebenso grundsätzlich Jeder und Jedem möglich.

Doch wie steht es mit anschließenden substanziellen Schritten / Konsequenzen? Wie steht es mit ihren Folgen und mit der damit verbundenen Verantwortung?

Ich brauche nun hier nicht alle oben genannten Gruppen „durchzudeklinieren“. Da liegt vieles auf der Hand, denke ich. Der fitte, junge Mensch der „geschaßt“ würde – fände nach einiger Zeit evtl. wieder etwas neues. Der ältere kranke Mensch jedoch nicht. Dafür steht beim Jüngeren aber ggf. die Mitverantwortung für ein Kleinkind, oder zwei an. Usw.

Ja. Ja, eine Heldin, einen Helden kann man sich ausmalen.
Eher jünger. Gesund. Noch ungebunden. Jedoch nicht zu jung, aber mit guten Qualifikationen und Berufserfahrung. Nicht karrierefixiert. – Ja. Ich denke, das wäre es in etwa. Wenn diese Person im jobcenter arbeitet und durchschaut, was da alles eigentlich wirklich so gespielt wird. Und wenn sie dann noch ein Hirn im Schädel, ein Herz in der Brust und einen Hintern in der Hose hat …!
Dann wird sie hingehen und heftigst auf den Tisch klopfen. Und sich auch weder drohen, noch sich beschwichtigen lassen. Sie wird öffentlich machen, was öffentlich zu machen ist – und erhobenen Hauptes das so genannte „jobcenter“ verlassen.

So eine Heldin, so einen Helden – kann ich mir vorstellen.

Bei allen anderen Menschengruppen, die ich weiter oben schilderte, fällt mir das schwerer. Und zum Teil VIEL schwerer!

Wir alle sind uns, denke ich darüber hinaus,  ja wohl vollkommen darüber im Klaren, dass eine offene Arbeitsverweigerung im jobcenter keinem einzigen Kunden, keiner einzigen Kundin auch nur das geringste bringen würde. Der Teamleiter und die Kolleg_innen bekämen die Kunden “umverteilt”, bis man einen neuen AV / FM gefunden hätte, der „erst mal mit Zeitvertrag“ die Fälle weiter bearbeiten würde.
Es wäre also eine rein symbolische Geste.

Ich sage:
Die qualifizierten, guten Fallmanager_innen vor Ort erreichen da IM Büro, wenn kein Chef zuguckt, wesentlich mehr, durch passiven Widerstand. Wahrlich!
Ich weiß:
Es gibt nicht wenige Mitarbeiter_innen, die – noch anonym – in Foren und Blogs kritisch aktiv sind.
Ich weiß:
Es gibt so einige, die verdeckt interne Informationen an die Hartz IV – kritische Szene zuliefern.

Dennoch freue ich mich natürlich über Jede und Jeden, der noch mehr tut, die Deckung verlässt, offen kritisiert, etc.!

Es ist jedoch weit gefehlt, Menschen die den hohen persönlichen Mut hierzu noch nicht fassen konnten, zu verurteilen! 
(Dieser Mut beinhaltet oftmals ja nun mal zusätzlich die Fähigkeit, auch die Interessen der Partner_innen und eigenen Kinder, etc. hintanzustellen.) 
Beschimpfungen als Feigling und „Mitläufer wie bei den Nazis!“ – sind da völlig fehl am Platze! 
Von jedem, der sich zu solch` Beleidigungen hinreißen lässt – verlange ich zumindest kategorisch vorab einen belegten Beweis, dass er ähnliche Heldentaten bereits selbst vorzuweisen hat.

„Niemand ist schließlich gezwungen im jobcenter zu arbeiten!“ Richtig.
Aber – ganz so leicht kann man sich die Sache nicht machen, ganz so leicht läßt sich dieser Themenkreis eben NICHT vom Tisch wischen!

Ich persönlich plädiere für Kooperationen, für Bündnisse, für gegenseitige Unterstützung – im engagierten Einsatz gegen das unlogische, unwirtschaftliche und inhumane System Hartz IV!

DANN können wir, immer wieder und immer öfter sagen:

„Though nothing will drive them away
We can beat them, just for one day
We can be Heroes, just for one day
We can be Heroes, for ever and ever“!


MfG
Burkhard Tomm-Bub, M.A. 

67063 Ludwigshafen
Ex – Fallmanager

Quelle und andere Artikel von BTB unter http://kopfmahlen.blogspot.de/2014/09/niemand-ist-schlielich-gezwungen-im.html?spref=tw

In aller Kürze – Sonntagsgedanke

Diese weisen Worte sind nicht von mir geschrieben. Ich unterschreibe sie jedoch ohne jede Einschränkung.

Wenn ich hier etwas schreibe, ist das nie aus der Sicht eines Oberlehrers oder gar selbsternannten Gurus, sondern einzig aus der Sicht eines Suchenden, oft auch Zerrissenen, der sich seiner Unzulänglichkeiten stets bewusst ist.

Konstantin Wecker

Allen Lesern wünsche ich einen angenehmen Sonntag

Was hat Spiritualität auf einer linken Webseite zu suchen?

Dieser äußerst bemerkenswerte Artikel von Holdger Platta (erschienen auf der Seite von Konstantin Wecker) kommt  zum genau passenden Zeitpunkt!
Besser gesagt, zum genau für mich passenden Zeitpunkt.
Aus – somit durchaus auch (!) ein wenig „eigennützigen“ Motiven heraus 😉 ein ganz besonders herzliches Dankeschön an Holdger Platta an dieser Stelle.

Ich empfehle, insbesondere der „Entweder/Oder – Fraktion“, ein langsames und bedächtiges Lesen. Einen Teil, der aus meiner Sicht durchaus auch mein „widersprüchlich erscheinendes Verhalten“ wunderbar „erklärt“, nehme ich hier vorweg:

Hinter den Schlagzeilen

„…
5. Diese andere, diese neue „Spiritualität“ versteht sich in Augenhöhe mit anderen Menschen;
6. sie wendet sich der Welt mit ihren sozialen und sonstigen Problemen zu, nicht von ihnen ab;
7. sie bemüht sich um Empathie mit anderen Menschen – mit Unterdrückten, Niedergemachten, Gequälten und Gepeinigten zumal;
8. sie sieht sich, aufgrund der wahrgenommenen Verbundenheit mit der Welt und ihren Menschen, in der Verantwortung, beizutragen zu einer herrschaftsfreien und gewaltfreien Welt, zu einer Welt ohne Hunger, Ausbeutung, Unterdrückung, Unglück und Krieg;
9. sie sieht sich aufgerufen zu liebevollem Handeln, gerichtet gegen eine Welt des Profits und des Konkurrierenmüssens;
10. sie sieht sich aufgefordert, in Verbundenheit mit möglichst vielen anderen Menschen, die Zerstörung der Welt aufzuhalten und mit beizutragen zu einer Welt, für die Mitmenschlichkeit und Solidarität nicht mehr nur Schlagworte sind;
11. und sie will das alles nicht nur großpolitisch oder gar großmäulig realisieren, in Parlamenten, auf Podien und Kongressen, sondern nicht zuletzt auch Tag für Tag im eigenen ganz persönlichen Alltag.

Konstantin Wecker hat das in seinem Buch mit Bernard Glassman „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ (herausgegeben von Christa Spannbauer) auf Seite 45 so ausgedrückt: „Was Albert Schweitzer ‚tätiges Mitgefühl’ nannte, ist für mich gelebte Spiritualität.“ Und wer Wecker und seine Lieder kennt, ebenso Bernard Glassman und Roland Rottenfußer, der weiß: das schließt sehr viel Zärtlichkeit mit ein, aber auch den Zorn, das nimmt den Nächsten ernst, aber auch die sogenannt-große Politik. Alle die genannten Autoren sehen sich da in der Mitte zahlloser anderer liebevoller Rebellen.

Ich wünschte mir, die Mitrebellen sähen es ebenso und ebenfalls liebevoll. Gibt’s Chancen dafür?

 

Künstler

Vorweg, ich mag sehr viele Formen der Kunst und lasse mich dabei weder auf ein Genre festnageln noch diskutiere ich verbissen über Sinn (oder Unsinn) manch kreativer Schöpfungen.
Auch für die Kunst gilt aus meiner Sicht, dass Schönheit nun einmal im Auge des Betrachters (oder Zuhörers) liegt…

Lebenskünstler

Wenngleich manche Menschen vermeintlich „gar nix tun“, nichts produzieren oder herstellen, so wohnt aus meiner bescheidenen Sicht auch vielen von ihnen ein Künstler inne, der Lebenskünstler eben.
Ich durfte in meinem Leben einige dieser Menschen kennenlernen und denke, es ist eine hohe Kunst, in all den Widrigkeiten des Alltag sich selbst treu zu bleiben, sich nicht zu verbiegen…sei es um des Geldes wegen oder oder…
Die teils heitere Gelassenheit, das Leben mit all seinen Facetten als das anzunehmen, was es ist – vergänglich – sich innerlich zu befrieden in diesem Wissen, das ist gar eine große Kunst.

Ein Gedicht …

…welches in der deutschen Übersetzung als ein Werk von Joseph Beuys dargeboten wird, bringt meine Gedanken auf einen weiteren Punkt:
So Vieles könnten wir von den Kindern lernen, sie sind, solange sie noch unverfälscht sind, die wahren (Lebens)Künstler!
Von wem dies Gedicht auch immer sein mag (Quellenfund auf der Seite von Konstantin Wecker), ich werde es Euch nicht vorenthalten 🙂

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Jeder Mensch ist ein Künstler

Lass Dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch Du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere Dich, „verantwortlich zu sein“ – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell Dir vor, Du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.
Öffne Dich. Tauche ein. Sei frei. Preise Dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

 

 

 

 

Petition an die Hamburger Bürgerschaft – doch nicht zeichnungswürdig?

In einem meiner letzten Artikel rief ich zur Mitzeichnung der „Petition zum Erhalt vertraulicher, psychosozialer Beratung“ auf.
Ich möchte an dieser Stelle auf eine „Gegenmeinung“ aufmerksam machen, deren Logik gegenüber ich mich nach reiflicher Überlegung nicht wirklich verschließen kann.

Diskussionswürdig ist das Thema ohnehin, ich würde mich freuen, Eure Meinung zu lesen.
Von Petitiönchen und Petitessen

 

Scheinbar geht es dabei um „Leidtragende dieser absurden Maßnahmen sind ca. 100.000 erwerbslose und/oder unterbeschäftigte Menschen in Hamburg.“ Tatsächlich jedoch schlicht und einfach um die „Kohle“ für Träger, die bereits jetzt den Ansatz vertreten, dass Erwerbslose grundsätzlich psychisch/sozial instabil sind, folglich „betreut“ werden müssen und sei es mit so untauglichen Mitteln wie “Telefonberatung“ sowie zu diesem Zweck sich über Jobcenter finanzieren lassen.

Um es klar und unmissverständlich  zu sagen, dieser Hamburger Sonderweg – die „psychosoziale Betreuung“ als Seitenzweig des Jobcenters, muss insgesamt beendet werden – sofort, je schneller desto besser.

Die Petition müsste also lauten – „Wir fordern die Hamburger Vereine, die sich über die Jobcenter für eine massenhafte, psychosoziale Betreuung von Erwerbslosen finanzieren lassen, auf von diesem Irrweg abzulassen und unverzüglich eine sozial verträgliche Finanzierung für eine unabhängige, ganzheitliche Beratung anzustreben.“

Wir erinnern uns, na ja wie soll eine 21-jährige Petentin („Strohfrau“?) sich wohl „erinnern“, bereits in den Ursprungspapieren zum SGB II (Hartz IV) war von „psychosozialer Unterstützung“ die Rede. Mehr und mehr kristallisierte sich mit einer 3-er Klassifizierung der wahre Charakter von Hartz IV heraus, die Verwaltung von angeblich “Arbeitsmarktfernen”, tatsächlich “Überflüssigen” ja sogar unterstellt “Lebensuntüchtigen”, die „Verpsychiatrisierung“ und Entrechtung nahm ihren Lauf.

Ihren Niederschlag fand sie in massenhaften Maßnahmen wie „Strukturierung des Alltags“, „10.000 Schritte“, „6000 Schritte um die Alster“,  etc. pp.
Maßgeblich dabei, Träger die für Geld offensichtlich alles machen was sich noch irgendwie als „gute Tat“ vermarkten und in klingende Münze verwandeln lässt.
Spätestens seit sich die Grünen, wir erinnern uns Ihrer Rolle bei Hartz IV?, in Gestalt einer Dipl. Volkswirtin und einer Politologin und der Aussage „…Der präventiven Arbeit zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit den Boden zu entziehen,…“ zu Wort gemeldet haben, müssten allerdings bei allen Aktiven die Alarmglocken schrillen. Tun sie aber nicht, es geht ja angeblich um die „armen Erwerbslosen“ die bald keine „Telefonberatung“ mehr „genießen“ dürfen, bzw. deren Beratungsinhalte angeblich von ihren „hilflosen Beratern“ weitergegeben werden müssen.
Falsch, liebe Petentin und Unterstützer, denn

  1. psychosoziale Beratung gehört grundsätzlich nicht auch nur in die Nähe von Jobcentern oder BA,
  2. psychosoziale Beeinträchtigungen sind i.d.R. Folge und nicht Ursprung von Arbeitslosigkeit, s. Grüne „…präventive Arbeit…“,
  3. Telefonberatung ist ein gänzlich ungeeignetes Instrument bei tatsächlich vorhandenen Beeinträchtigungen, geriert aber hohe „Fallzahlen“,
  4. gegen Übergriffe (Begehrlichkeiten) seitens des Jobcenters gibt es geeignete, berufsspezifische Möglichkeiten, z.B. Sozialdatenschutz i.V.m. Vertraulichkeit (Zeugnisverweigerungspflicht nicht nur gegenüber Gerichten), ein BSG-Urteil das spätestens bei Widerspruch eine externe Beratung grundsätzlich bejaht und die interne für untauglich erachtet (Korrektiv), usw., die die Träger und/oder einzelne Mitarbeiter einsetzen können und müssen, s. vor allem aber Punkt 1.
  5. wer sich seine an Fallzahlen gebundene „soziale (Gold)Ader“ ausgerechnet von Jobcentern als „Maßnahmen“ finanzieren lässt (§ 16a Nr. 3), darf sich doch nicht wundern, wenn diese auf dem Rechtskreis SGB II bestehen und „Ergebnisse“ sehen wollen, die ihre Daseinsberechtigung als „Überflüssigenverwaltungseinheit“ bestätigen,
  6. andere Finanzierungsarten/-zwecke – Arbeitslosenzentren/-treffs, kennen solche Begehrlichkeiten nicht und wären ohnehin die besseren Ansprechpartner
Schon mitbekommen? Es gibt einen neuen fashiontrenddie Petition. Auch bekannt als die “neue Verantwortungslosigkeit”. (m.a.W. – mitzeichnen, sich den Schweiß von der Stirn wischen und…warten)
Von Petitiönchen und Petitessen

Wer betrügt, der fliegt

 

Mit dem Slogan „Wer betrügt, der fliegt“ startete die CSU zum Beginn des Doppelwahljahrs 2014 eine Kampagne gegen Armutsmigration aus Osteuropa.
Dieser Art geistiger Brandstiftung kann mensch auf vielerlei Arten begegnen. Launig und schwarzhumorig ist eine Möglichkeit, von der gerade „im Netz“ viel Gebrauch gemacht wird.


Auch mir schossen da sofort einige bajuwarische Zeitgenossen durch den Kopf, seien es der „Gel-Gutti“

oder der FC-Bayernpräsident, hier ein BILD nach seinem Flug

Kein Stück witzig…

sind hingegen Ereignisse im Freistaat, die durchaus (auch) auf derartige und ähnliche geistige Brandstiftung zurück zu führen sein können.
Feuer im Asylbewerberheim Gmünden (Unterfranken)

Intelligent-eloquent, mit Biss ohne bissig zu sein…

…so möchte ich die Abhandlung zu diesem Thema bezeichnen, welche der von mir sehr geschätzte Autor Holdger Platta hierzu verfasste.
Auf diesem Weg nochmals herzlichen Dank für die Erlaubnis, diese veröffentlichen zu dürfen 🙂

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“Wer betrügt, fliegt”

Holdger Platta ©

 Gestern, jawohl, musste sogar ich einmal einen dieser ‚Businessliner’ nehmen, einen ‚Flieger’ von Hannover nach Berlin. Unaufschiebbare Familiensache, hier nicht weiter von Belang. Aber was traf ich da so alles auf diesem Flug in die bundesdeutsche Hauptstadt? Und was hörte ich da so alles? Ich füge hinzu: widerwillig genug!

 Nun, ich bediene mit meinem Bord-Service erstmal unser aller Augensinn.

 Fast nur Männer waren in diesem Flugzeug zu sehen. Und fast alle im Anzug, in hellen Hemden und edlen Schuhen, mit obligater Krawatte unter dem Hals. Nahkampfkleidung also der bundesrepublikanischen Geschäftswelt, Deutschlands Wirtschaftselite im feinen Zwirn. Und diese Gesichter! Können Gesichter aus Routine bestehen? Diese Gesichter konnten es. In einer Mixtur aus Eiseskälte und Höflichkeit, aus Glätte, Härte und Schlaumeierei. Das gibt es nicht? – Doch, das gibt es! Hier gab es das! Irgendwie trugen fast alle dieselben Gesichter. Nennen wir’s mal so, was ich da über den Schlipsen sah! Und was bitte teilte mir mein Hörsinn mit?

Selbstverständlich, viele der Herren waren bald mit ihren Laptops beschäftigt, versanken also rasch in eine abgeschlossene Lautlosigkeit. Doch viele andere redeten auch. Einige miteinander, einige in ihre Handys hinein. Und wieder und wieder vernahm ich da Halbsätze, Einzelwörter, hin und wieder auch klirrendes Lachen, kasernhofkurz – es gibt auch ein Lachen mit Händen an der Hosennaht! Hier hörte man es! -, gehorsamsgeil oder auch befehlsgewohnt. Zackig und auf Zack! Und das alles hörte ich da, die Wiedergaben sind gekürzt:

„Feindliche Übernahme“, „müssen wir reingehen“, „durchgezogen“, „Kaimaninseln“, „übers Limit getrieben“, „hatter dumm ausgesehen“, „im Vertrag bitte ganz hinten“, „Märchensteuer rausstreichen“, „dem schmeißen wir doch nicht noch unsere Caritas hinterher“, „rüberschieben nach Übersee“, „soll er selbst sehen“, „sind wir ein Wohltätigkeitsverein“, „Schweiz bitte nicht, auch nicht Luxemburg, Guernsey geht noch, am besten Bahamas…“

Seit diesem Flug weiß ich: die CSU hat Recht! – Nein, nicht so, wie sie es meint, nicht als Bestrafungsmaxime für Armutsmigranten aus Bulgarien, Rumänien oder sonstwo. Aber als Beschreibung alltäglicher Wirklichkeit über den Dächern unserer Republik:

Wer betrügt, fliegt!

 

„Niemand hat das Recht, dich wie ein Stück Scheiße zu behandeln”

Mein herzlicher Dank geht an dieser Stelle an Norbert Wiersbin. Bitte lest den Artikel mit Ruhe und wenn möglich, unterstützt den Betroffenen Herbert Masslau ( der „alten Hasen“ unter den Erwerbslosen-Aktivisten hinreichend bekannt ist) mit Mails an den zuständigen (A)Sozial-Dezernenten und weitere Verantwortliche. Die Kommentatorin „Angelika“ hat hierzu dankenswerterweise ein Organigramm veröffentlicht, aus welchem die Kontaktdaten hervorgehen.Organigramm Landkreis Göttingen „Meine verstorbene Mutter hat mir  als ich jung war Folgendes mit auf den Weg gegeben: ‚Junge, es kann sein, dass du in deinem Leben einmal gezwungen bist, um was zu essen zu haben, anderen Leuten das Klo putzen zu müssen, aber denke immer daran, niemand hat deswegen das Recht, dich wie ein Stück Scheiße zu behandeln.’” So schreibt einer, dem inzwischen das Wasser bis zum Halse steht. Einer, der sich Jahrzehnte um das Allgemeinwohl kümmerte, selbstlos und unabhängig. Nun schlägt auch bei ihm die Hartz-Falle gnadenlos zu. Quelle, copyright und weiterlesen bei Norbert Wiersbin

Tabubruch Wahl“Outing“ – Warum ich am Sonntag die Linke wähle

Vorab:
Nein, der nachstehende Artikel ist nicht von mir.
Ja, und zwar ganz entschieden, zu der Argumentation
des Autoren Jens Berger

(…) Wenn es eine Partei gäbe, die zu einhundert Prozent meine Positionen teilt, dann hätte diese Partei wohl nur ein einziges Mitglied und wohl auch nur einen einzigen Wähler – und zwar mich. Es ist vollkommen klar, dass die konkrete Wahlentscheidung stets eine Abwägung verschiedener Positionen und Argumente ist. Dies kann man als die Wahl des größten gemeinsamen Nenners oder auch etwas boshafter als die Wahl des kleinsten Übels bezeichnen. Für mich ist die Linke, vor allem wegen ihres Programms, kein kleineres Übel, sondern eine gute Wahl.

Quelle und ganzer Artikel NachDenkSeiten

Und noch ein Ja: Auch meine Wahlentscheidung fiel  nicht schwer, auch ich wähle Die Linke…

Aufruf zur Revolte – Es reicht! Eine Rezension von Holdger Platta

Aufruf zur Revolte

Seit vorgestern kann im Internet der “Aufruf zur Revolte” von Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. kostenlos nachgelesen und runtergeladen werden: eine ca. 40-seitige “Polemik” gegen die derzeit weltbeherrschende Politik und eine Ermutigung zum Widerstand.

Aufruf zur Revolte download

Ich hätte diese Streitschrift gerne selbst besprochen ;) doch Holdger war schneller. Und mir bleibt, wie so oft schon, nichts hinzuzufügen.
Einen Satz möchte ich aber doch noch hervorheben:
Für mich die große Kraft dieses Textes: hier wird nicht nur von Kopf zu Kopf gesprochen, sondern wieder und wieder, auf furiose Weise, von Herz zu Herz.
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Nein, kein Zufall: auch mit Blick auf die Landtagswahlen in Bayern und Hessen sowie auf die Bundestagswahlen veröffentlichen die beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. am 15. September ihren „Aufruf zur Revolte“ als kostenloses E-Book im Internet. Doch Anlässe wie Intentionen dieser „Polemik“ (Untertitel der Kampfschrift) reichen weit über diese Termine hinaus. Es geht um Darstellung der Weltzustände insgesamt – und um die Frage, was dem entgegenzusetzen ist.

 

Es war im März dieses Jahres, daß sich die beiden Künstler nach einem gemeinsamen Konzert zu diesem Aufruf entschlossen. Noch beglückt vom Publikumsecho, gestanden sich die beiden Sänger „in einer denkwürdigen, coming-out-artigen Situation“, daß ihre „Intuition immer lauter Alarm“ zu schlagen beginnt. Die Autoren wörtlich:

 „…wenn man alle Faktoren zusammenrechnet, die ökologische Situation, die wirtschaftliche Lage, den gigantischen, präventiv ausgebauten Repressionsapparatund auch, ja, leider, die zunehmende Verrohung und Entsolidarisierung der Menschen untereinander, dann muß einem Himmelangst werden.“

Hier nun also das Resultat: ein 40-seitiges Manifest gegen den Kapitalismus – und gegen unsere Mutlosigkeit. Es ist, natürlich, ein literarischer Text, kein kleinteilig, mithilfe marxistischer Kategorien, die Gegenwart durchanalysierender Text. Es ist aber, gleichwohl, ein Text, der mit dialektischer Akribie die Verhältnisse der Gegenwart durchleuchtet, ein Text, der die weltweiten Zusammenhänge der Krise anders, nämlich individuell wahrnehmungsnah, darzustellen vermag.

 

Typisch in dieser Hinsicht schon der Textbeginn: die Verfasser setzen an bei unserer Alltagserfahrung, bei dem, was der Erkenntnis der Zusammenhänge im Wege steht, den weltweit praktizierten Verdrängungsmechanismen,  „Illusionsabfällen und Betäubungsmittel aller Art“, dem nächsten „Sportgroßereignis oder einer neuen Terrorwarnung“ etwa. Um dann vorzustoßen zu eben diesen verdrängten Problemen. Da werden dann zum Beispiel die Finanzkrise angesprochen und die Weltnaturkatastrophe, die Kriegstreibereien und der Überwachungsskandal, das Flüchtlingselend und die illegitime Macht der Weltkonzerne. Und dieses jeweils im Kontrast zur propagandistischen Verdrängungsschreiberei.

 

Zum Beispiel: über die Brutalität Erdogans gegen Occupy Gezi in Istanbul empöre man sich „unisono“, doch der „himmelschreiend brutale Polizeieinsatz gegen Blockupy in Frankfurt am Main (…) mit mehr als 400 Verletzten“ sei fast totgeschwiegen worden. Oder: man beklage immer noch die 139 Berliner Mauertoten –  28 Jahre danach -, aber wo läse man in gleicher Extensität von den rund 2000 Toten, die heutzutage an den europäischen Grenzen ums Leben kommen, jährlich –  Flüchtlinge, gegen die eine Kriegsflotte der EU auf dem Mittelmeer ihre barbarische Arbeit verrichtet?

Der Aufruf zeigt: hier stimmen die Maßstäbe nicht. Er zeigt: hier funktioniert ungeheuer vieles im Dienste westlicher Profitinteressen. Und er zeigt: dem muß nicht nur Gesellschaftstheorie entgegengesetzt werden – da bleiben Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. eher vorsichtig -, sondern vor allem auch aufgeklärte Menschlichkeit. Für mich die große Kraft dieses Textes: hier wird nicht nur von Kopf zu Kopf gesprochen, sondern wieder und wieder, auf furiose Weise, von Herz zu Herz.

Deswegen ist dieser Aufruf auch beides: ein aufwühlender Text und klug! Deswegen schürt das Manifest mit seinem Doppelcharakter nicht nur die Hoffnung, sondern er spart auch die Gefahr unseres Scheiterns nicht aus. Deswegen begegnen wir hier immenser Empathie und Realismus. Zum Beispiel:

 „Nüchtern betrachtet sind die Risiken der Revolte weitaus geringer als die mitmathematischer Sicherheit katastrophalen Ergebnisse eines weiteren tatenlosenZuschauens uns Mitlaufens. Und wenn wir endlich auch in Deutschland den Mut zurRevolte fassen (…), dann werden wir eine andere Intensität des Lebens erfahrendürfen (…): den Zauber wirklicher Freiheit.“

Dabei versteht sich von selbst: die Autoren setzen nicht nur auf Wahlen – der Zeitpunkt dieser Veröffentlichung stellte insofern ein Missverständnis dar -, sondern vor allem auf eine neue große außerparlamentarische Bewegung. Und sie setzen auf die Inspiration und Intelligenz der vielen Einzelnen in dieser Bewegung, nicht aber auf sogenannt-charismatische Führerfiguren. Ein humaner Anarchismus ist kennzeichnend für diesen Aufruf, Orientierung an Graswurzelarbeit, ohne sich in Kontraposition zu bringen auch – auch! – zu parlamentarischer Tätigkeit. Hier geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein im besten Sinne hellwaches Sowohl-Als auch. Bei allem Blick auf das Große und Ganze schreiben Wecker und Prinz Chaos II. nicht über das Kleine und Kaputte hinweg, aber bei allem Ernstnehmen der Alltagserfahrungen ganz unten wird auch das Treiben derer da oben analysiert. Das ist Gesellschaftskritik ohne das gewohnte Wissenschaftsvokabular und dennoch wissenschaftlich hochinformiert (Beispiel: die Analyse der Situation im vor-revolutionären Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts). Hier werden Geschichte und Politik auf allen Ebenen zur Sprache gebracht, und auf allen Ebenen sollten wir uns dem verkehrten Gang der Dinge in den Weg stellen – für mich die Kernaussage, um die es bei diesem Aufruf zur Revolte geht. Im Interesse einer Welt ohne Freiheitsberaubungen und Menschenschinderei, ohne Herrschaft des Geldes und abgehobener Cliquen, ohne Elend und Angst.

Zweifellos: ein packendes und aufklärendes Manifest. Und ich füge hinzu: ein Glücksfall, daß es noch solche politisch-engagierten Künstler gibt. Mögen viele Menschen diesem Beispiel folgen.

Demokratie lebt von unten her oder gar nicht.

 

Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. rufen zur Revolte auf.

Am 15.en September erscheint ein kostenloses E-Book.
Weitere Informationen dazu unter Aufruf zur Revolte
Auf diesem Weg zunächst einmal wieder herzlichen Dank an Holdger Platta, der mir diese – wie ich finde, wichtige – Information mailte, Auszug:

…der Ehrenvorsitzende unserer Initiative für eine humane Welt Konstantin Wecker veröffentlicht in den nächsten Tagen – zunächst als kostenloses E-Book im Internet – gemeinsam mit seinem Co-Autor, den ebenfalls politisch immens engagierten Liedermacher Prinz Chaos II., einen

Aufruf zur Revolte

Ich bitte Euch alle, die beigefügte Ankündigung zu diesem Buch mit Euren Mitteln weiterzuverbreiten. Nicht zuletzt im Blick auf die Bundestagswahlen in gut zwei Wochen wäre das wunderbar. Und auch die beiden Landtagswahlen in Hessen und Bayern dürften ja ein entsprechender Anlaß sein.

Das Buch, an dem auch ich mit zahlreichen anderen HelferInnen ein bißchen mitgearbeitet habe, verdient, so meine ich, die Unterstützung aller, denen es an einer einer grundlegenden Veränderung und Verbesserung der Politik liegt, die immer brutaler Millionen Menschen und ganze Staaten in den Abgrund treibt.

 

Alarmierende Studie: 68 Prozent aller Erstwähler können keinen Stift mehr bedienen :)

 

Achtung Satire 😉 wenngleich…gar so unrealistisch ist dieser Artikel nicht mal.
Wie auch immer, einmal mehr köstlich, der Artikel im Postillon

Berlin (dpo) – Eine Studie des Instituts für Demokratie (IfD) hat ergeben, dass mehr als zwei Drittel aller Erstwähler nicht mehr imstande sind, einen Stift zu bedienen. Junge Menschen, aufgewachsen mit Joypad, Computermaus, Tastatur und Touchdisplay, scheitern demnach kollektiv daran, auf Wahlunterlagen mit Bleistift oder Kugelschreibern ihre Wunschpartei anzukreuzen. Einige verletzten sich sogar selbst (…)

(…) Auch ein Vorschlag der Piratenpartei, Tablets in den Wahlkabinen auszulegen, auf denen nur ein „Gefällt mir“-Button neben der jeweiligen Partei angetippt werden muss, droht zu scheitern. Erste Tests ergaben, dass diese von Wählern über 40 mit mitgebrachten Kugelschreibern zerkratzt werden.

weiterlesen und lachen

Holdger Platta – Auf dem Weg in einen „kalten Faschismus“?

Auf diesem Weg zunächst herzlichen Dank an Holdger Platta für die Überlassung des erweiterten Auszugs aus dem Buch Kaltes Land
In diesem Buch setzen sich über ein Dutzend Autoren mit der Zerstörung der gesellschaftlichen Solidargemeinschaft, auch „Sozialstaat“ genannt auseinander und werfen die Frage auf, ob die bundesdeutsche Gesellschaft auf einem Weg in einen „kalten Faschismus“ (Platta) ist und ob Harz IV als „Ein Bürgerkrieg der politischen Klasse gegen die arm Gemachten“ definiert werden muss (Prof. Hengsbach).

Hier die dezidierte Stellungnahme Plattas zu einem häufig kontrovers dikutierten Thema:

Immer mehr Menschen in der Bundesrepublik stellen sich eine besorgte Frage:

Gibt es Entwicklungsprozesse  im heutigen Deutschland, die uns denken lassen an die Endphase der Weimarer Republik und an das Dritte Reich? Und: ist es nicht nur möglich, Vergleiche anzustellen zwischen dieser Vergangenheit mit unserer Gegenwart, sondern könnte dieses Vergleichen sogar erforderlich sein – und zwar erforderlich gleich aus einem doppelten Grund:

 

  • sachlich, weil eine derartige Diagnose –  es gibt Entsprechungen zwischen damals und heute – auch einer Prognose gleichkommen könnte und weil
  • zweitens und in ethischer Perspektive diese Diagnose mithin eine dringliche Warnung vor einer humanitären Katastrophe enthielte.

Die Frage hinter meiner Frage lautet daher: gibt es – in der Tat: ich riskiere dieses Wort! – Entmenschlichungstendenzen in der Bundesrepublik, die den Faschisierungstendenzen während der Weimarer Republik ähneln,, und diese Entmenschlichungstendenzen bedrohen womöglich schon jetzt die humane Integrität der Bundesrepublik?

Rechte Faschismusvorwürfe: Bagatellisierung der Geschichte

Eines dürfte wohl unzweifelhaft sein: die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit ihrem Grundrechtekatalog stellt historisch nicht nur die politische Antwort dar auf das Dritte Reich, sondern diese politische Antwort hatte auch eine klare ethische, eine eindeutig humane Dimension. Faschismus, das war – und ist bis heute – nicht nur ein immens wichtiger Sachbegriff, Faschismus ist auch ein Wertungsbegriff. Faschismus, das ist nicht nur ein Begriff aus der Regimenlehre, nicht nur eine wertungsneutrale Kategorie zur Kennzeichnung bestimmter Gesellschaftssysteme, sondern ein Begriff der Kritik, der sich eng auf die Naturrechtsinteressen der Menschen stützt und bezieht. Faschismus war und ist in dieser Hinsicht stets auch gerichtet gegen die Maximen der Menschenwürde und der Menschenrechte schlechthin.  Freilich, ich füge hinzu:

Um so wichtiger wird es deshalb auch sein, beides voneinander zu unterscheiden: die sachliche von der ethischen Dimension. Es geht nicht um ein Entweder-Oder, es geht um ein Sowohl-Als auch. Was also hat es mit der Vergleichbarkeit/Unvergleichbarkeit der Bundesrepublik mit der Endphase der Weimarer Republik und den Anfängen des Dritten Reichs auf sich – sachlich wie ethisch gefragt?

Vielleicht überrascht es an dieser Stelle ja: mein Beitrag setzt inhaltlich ein mit einer Verteidigung unserer Kanzlerin Merkel. – Angela Merkel hatte im August 2010 das Sarrazin-Buch[1] mit den Worten kritisiert, daß diese Publikation „nicht hilfreich“[2] sei. Diese zarte Immerhin-doch-Distanzierung bedachte der Journalist Henryk M. Broder daraufhin, in der Sendung „Maybrit Illner“ am 2. September 2010, mit dem Satz: wenn „eine nicht für die Abgabe literarischer Urteile gewählte Kanzlerin ein Buch als nicht hilfreich“ bezeichne, grenze das „an die übelste Tradition der Reichschrifttumskammer des Dritten Reichs.“[3] Nicht nur der anwesende Grünen-Chef Cem Özdemir empfand diesen Vorwurf als „absurd“.[4] Ich komme darauf noch zurück. Vorher noch weitere  Beispiele für Bewertungen der Gegenwart, die sich unverkennbar auf unsere faschistische Vergangenheit beziehen.

Am Montag, den 27. Oktober 2008 – die weltweite Finanzkrise hatte einen ersten Höhepunkt erreicht – äußerte sich der Münchener Wirtschaftswissenschaftler und Ifo-Chef Hans-WernerSinn in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ folgendermaßen: man habe mit den „persönlichen Angriffen“ auf Bankmanager „nur Sündenböcke“ gesucht[5]. Und im weiteren Text wörtlich: „Damals“ – gemeint ist die erste große Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 folgende – „Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“[6] Auch hierauf gab es entsetzte Reaktionen in der Öffentlichkeit – doch später mehr dazu. Hier zunächst noch Beispiel Nummer drei für „vergangenheitsbezogene“ Einschätzungen der Gegenwart. Ich spreche vom Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff.

Dieser Politiker – damals, im Jahre 2008, noch niedersächsischer Ministerpräsident – äußerte sich keine zehn Tage später nach dem Statement des Ifo-Chefs Sinn ganz im Sinne von Sinn[7]: in der N24-Talkshow „Studio Friedman“ stellte sich Wulff mit dem folgenden Satz vor die weltweit in die Kritik geratenen Manager (Michel Friedman hatte den CDU-Politiker im übrigen nach dessen Verständnis von Gerechtigkeit gefragt):

            „Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt und Zehntausende Jobs

            schafft, dann muss ich nicht gegen den eine Pogromstimmung entwickeln,

            sondern dann kann ich sagen, er leistet einen wesentlichen Beitrag zu

            unserem Land und zu unserem Gemeinwesen.“[8]

Am Donnerstag, den 6. November 2008, war das, drei Tage vor dem Gedenktag an die nazistischen Pogrome im Jahre 1938, an jene Ereignisse also, da in Deutschland die Synagogen brannten, Hunderte von Juden ermordet, Tausende von Juden gefoltert und Zehntausende von Juden darauf des Landes vertrieben wurden.

Auch hier reagierte unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland und forderte den Rücktritt des Ministerpräsidenten Wulff[9], auch hier gab es – soll man sagen: selbstverständlich? – eine Entschuldigung[10] wie im Falle Hans-Werner Sinn[11], auch hier wurde dabei eine geschichtstotalisierende Behauptung aufgestellt, die „fragwürdig“ zu nennen eher eine fragwürdige Beschönigung ist. Hatte Sinn in seinem „Offenen Brief“ an den Zentralrat der Juden geschrieben:

            „Die Suche nach vermeintlich Schuldigen führt stets in die Irre.“[12]

– – – man fragt sich: gilt das auch für Hitler, für Eichmann, für Höß, und gab es

bei der Krise 2008 keine Akteure? – Standen wir also bei diesem Wirtschaftsgeschehen vor einer Krise ohne Personal? Das Spielcasino war menschenleer gewesen? – – – Während Ifo-Chef Sinn also das Wirtschaftsgeschehen in die Anonymisierung schickte, verstieg sich Wulff in seinem Totalrückzug zu dem folgenden Satz:

            „Nichts kann und darf mit der Judenverfolgung und den schrecklichen

            Pogromen gegen die Juden verglichen werden…“[13]

Nichts, wirklich nichts? – Doch hier zunächst eine andere Frage, bevor uns das Wulff-Zitat beschäftigen wird. Wieso kommt es im Kontext mit deutscher Schuld im Dritten Reich immer wieder zur Erforderlichkeit von Entschuldigungen im Nachkriegsdeutschland?

Psychoanalytisch betrachtet, könnte man von einem Wiederholungszwangsprechen, der sich da geltend macht, von einem Vorgang also, der die Betroffenen nötigt, immer wieder eine Vergangenheit zu rekonstellieren, die doch eigentlich abgewehrt werden soll. Man  reiht sich mit Bemerkungen wie denen von Wulff und Hans-Werner Sinn gleichsam auf der Opferseite ein und entlastet sich damit – als Nachfolgegeneration der Eltern auf der Täterseite – von dem Druck, der auf einem selber noch liegt. Und beschwört gerade dadurch ein weiteres Mal die Entfremdung von den jüdischen Opfern damals herauf. Aber: es gibt eine Erklärung dafür, die einfacher ist und auf die ich später zurückkommen werde. Hier sei zunächst einmal das Folgende festgestellt:

Selbstverständlich liegen alle genannten Personen mit ihren Äußerungen falsch. Die äußerst zurückhaltende Kritik der Kanzlerin an dem Sarrazin-Buch in die „übelste“ Tradition der nazistischen „Reichsschrifttumskammer“ zu stellen, kommt einer Äußerung aus dem Tollhaus gleich. Die Reichsschrifttumskammer des Naziregimes hatte vor allem die Aufgabe, unliebsamen, vor allem jüdischen, SchriftstellerInnen den Weg zur Veröffentlichung ihrer Bücher zu versperren, diese Kammer organisierte also reichsweit das Berufsverbot für sogenannte „Feinde“ des Regimes[14]. Wo, bittteschön, hätte das Merkel getan? Sie hat ein Buch kommentiert, recht zaghaft zudem, das Alfred Grosser[15], der deutsch-französche Politologe, am 9. November 2010 in der Frankfurter Paulskirche als „sozialrassistisch“ bezeichnet hat[16]. Ganz gewiß stand Angela Merkel in diesem Falle ideologisch nicht auf der Seite der Faschisten von einst, sondern hatte Gegenposition bezogen zu deren Ideologie. Mit anderen Worten: hier wurde durch Broder ausgerechnet einer antifaschistischen Selbstpositionierung Faschismus unterstellt. Broder mag äußerst „scharfzüngig“ sein; „scharfsinnig“ war Broder in diesem Fall nicht. Mit seiner spitzen Zunge bediente er hier lediglich die stumpfesten Ressentiments. Und kennt sich offenbar beim Unterschied zwischen Zensur und Zensuren nicht aus.


[1]  Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München 2010

[4] Siehe Anmerkung 2!

[6] Siehe Anmerkung 5!

[8] Siehe Anmerkung 7!

[9] Siehe Anmerkung 7!

[10] Siehe Anmerkung 7!

[12] Siehe Anmerkung 11!

[13] Siehe Anmerkung 7!

 [16] http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:EsS47dV

zum weiterlesen ab Seite 5 bitte auf den link klicken Holdger Buch Platta Auszug

Gustl Mollath – Die scharfzüngige, pardon, scharfsinnige Analyse der Juristin Wolff

Als die Wiederaufnahmeanträge durch das LG Regensburg abgeschmettert wurden, äußerte ich bereits den Wunsch, dass Koryphäen wie Oberstaatsanwälitin a.D Wolff oder R.A. Garcia diese Begründung fachlich fundiert zerpflücken mögen.

Beide haben nun, nach der Entscheidung aus Nürnberg zur umgehenden Freilassung Mollaths, sich dieses Themas angenommen. Und noch viel mehr:
Die Presseberichte (Auszug weiter unten) wurden ebenso detailliert durchleuchtet. Denn  einige Journalisten waren sich nicht zu schade, noch einmal auf das Widerwärtigste nachzutreten.

Messerscharfer Verstand gepaart mit scharfer Zunge

Bisher waren die Analysen zum „Fall Mollath“, welche Frau Wolff bloggte, eher „nur“ mit unterschwelligen Seitenhieben und Sarkusmus versehen.
Der nachstehend verlinkte Beitrag hingegen übertrifft aus meiner Sicht alles bisher Dagewesene, ich lege ihn Euch (trotz oder wegen seiner Länge) sehr an’s Leserherz.
Prädikat: Brilliant!

(…) Die verzweifelte Hilfestellung des Generalstaatsanwalts Nerlich zugunsten der Regensburger Ablehnungskünstler nützte nichts.Das Oberlandesgericht beschied kühl und knapp (…)

(…) Wir werden es nicht erfahren. Ich habe von Frau Merk noch nie so etwas wie ›Wahrheit‹ gehört. Sie ist Politikerin. Da darf man so etwas nicht erwarten (…)

http://gabrielewolff.wordpress.com/

Carin Pawlak für den Focus – eine Anwärterin auf den „Lakotta-Ehrenpreis“?

Der Spiegel ,in Form der Journalistin Beate Lakotta entblödete sich seinerzeit mit einem qualitativ unterirdischen Hetz-und/oder Sensationsjournalismus.
Will Frau Pawlak in ihre Fußstapfen treten? Das Nachtreten beherrscht sie zumindest…

(…) Mollath hat bei „Beckmann“ die Möglichkeit, sich als Held mit weißem Hemd zu zeigen. Alle Gutachter hätten ihre Berichte geschrieben, ohne ihn je persönlich untersucht zu haben. Was er wegredet: Nie hat er einer Begutachtung zugestimmt. Man habe ihn vielmehr, so sagt er in gestelzten Worten, „über die perfideste Klinge springen lassen“ (…)

focus-ein weißes Hemd für den Helden

Frau Wolff dazu in köstlicher Überlegenheit:

(…) Mit der Frau Pawlak will ich aber gnädig sein. Sie hat an der am 14.8.2013 erfolgten Freistellung („mit sofortiger Wirkung“) als stellvertretende Chefredakteurin des FOCUS genug zu knabbern.
Man hätte sich nur gewünscht, daß sie auch als Schreiberin mit sofortiger Wirkung freigestellt worden wäre. Denn persönlicher Frust ist ein schlechter Ratgeber (…)

Aufstehen! Frau von der Leyen – offener Brief von Inge Hannemann

Hamburg, im Juli 2013

Sehr geehrte Frau Dr. von der Leyen

Die Zeit ist reif, auch Ihnen einen offenen Brief zu schreiben. Auf eine Kurzvorstellung meiner Person verzichte ich, da ich fest davon ausgehe, dass ich Ihnen inzwischen bekannt sein dürfte.

Sie, Frau Dr. von der Leyen sitzen in Berlin, bald im Urlaub und lächeln. Ein jahrzehntelanger Mechanismus, mit dem Sie bereits als Kind aufgewachsen sind. Mir ist leider schon lange nicht mehr nach Lächeln zumute, wenn ich mir die Umsetzung der desolaten Agenda 2010 ansehe. Als zeitlich begrenzte Verantwortliche im Bundesministerium für Arbeit und Soziales sämtlicher vermeintlich demokratischer Mächte der Arbeitsmarktpolitik schauen Sie schweigend den Kämpfen innerhalb der Jobcenter zu. Von Ihnen folgt nichts. Ein Aussitzen im schwarzen, tiefen Loch aller geschädigten Erwerbslosen und Abhängigen in den Jobcentern.

Ich spreche hier nicht, wie die Bundesagentur für Arbeit aus selbstverständlicher Subjektivität es tut, von Einzelfällen. Ich spreche hier von vielen Hundertausenden. Umso erstaunlicher ist es, dass Sie nicht von Einzelfällen sprechen, wenn die Mitarbeiter in den Jobcentern verbal angegriffen werden. Hier sind es auf einmal alle Mitarbeiter, die unter den Erwerbslosen leiden, die durch diese psychisch krank werden oder überlastet sind. Somit wenden Sie eine Verdrehung des Kollektivs zum Nachteil und weiterer Stigmatisierung der Leistungsberechtigten an. Aus meiner Sicht jedoch sind es im Ursprung nicht die Betroffenen beider Seiten des Tisches, sondern die Politiker, und damit auch Sie, die jedwede Zustände zulassen und noch viel schlimmer: akzeptieren durch Aussitzen.

Es wird zugelassen, dass Behörden wie die Bundesagentur für Arbeit eine eigene Souveränität erhält, ohne Kontrolle von wirklichen messbaren Zielen durch Ihr Ministerium. Es wird zugelassen, dass jedes einzelne Jobcenter sich Autonomiemächte greifen kann und greift, die zu Lasten von Menschen gehen. Und es wird zugelassen, dass Menschen aus Verzweiflung über das System und deren Handhabung aufgeben. Das sind nicht nur die Bittsteller, denen ein Rechtsanspruch auf Sozialleistungen zusteht und zum Teil verweigert wird. Es sind ebenso teilweise die Beschäftigten in den „heiligen“ Räumen der Jobcenter. Auch hier finden sich Mutlosigkeit, Ignoranz, Wegsehen und das automatische Funktionieren. Beim genaueren Hinsehen ein gespenstisches Agieren von gezüchteten „Marionetten“, die vor lauter Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren, keine eigene Meinung äußern oder nur im stillen Kämmerlein. Darunter leiden die Familien, Kollegen aber auch Freunde, die das interne „Jammern“ nicht mehr hören wollen. Diese Ängste sitzen tief. Damit sage ich nicht aus, dass diese ihre Arbeit nicht im Sinne der Erwerbslosen ausführen. Durchaus zeigt sich an manchen Orten die Empathie und der unbedingte Wille etwas zu bewirken. Zum Glück. Aber spätestens bei der Umsetzung der Paragrafen 31 und 32 kommt die Mauer und für viele Erwerbslose die Not. Nun hat der Mitarbeiter jedoch immerhin rechtskonform gehandelt, wozu ein schlechtes Gewissen und wozu darüber hinausdenken. Die erzwungene Loyalität zum Arbeitgeber wird in diesem Moment höher angesetzt, als die Loyalität gegenüber unserer Gesellschaft. Die Gesellschaft sind wir – ob in Arbeit oder nicht – von klein bis groß, von jung bis alt, von gesund bis krank. Einfach alle.

Ein Trauerspiel, ohne Mut mit fatalen Konsequenzen. Sowohl für den Einzelnen, als auch für unsere Gesellschaft und somit auch für den Erhalt unserer Demokratie.

Möglich durch die konsequente und immer verschärftere Umsetzung der Hartz IV-Gesetze und mit Ignoranz unseres Grundgesetzes, welches unsere Grundlage darstellt. Sind die geringen Lebenserhaltungskosten der Regelsätze eine Sache, so sind die damit verbundenen Zwänge und Beschränkungen eine andere. Menschen dürfen ihre Stadtgrenzen nicht verlassen, Alleinerziehende werden trotz Elternzeit in das Jobcenter gezwungen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen werden in Tätigkeiten gepresst, die nicht zu bewältigen sind, Zwangsarbeit wie Zeitarbeit sind staatlich verordnet, Schülern und jungen Menschen werden Aus- oder Schulbildungen verweigert, zu pflegende Angehörige werden alleine gelassen, weil Jobcenter diese Pflege nicht schätzen, Gelder werden nicht ausbezahlt, weil die Jobcenter hoffnungslos unterbesetzt sind und jede zweite Klage vor Gericht gewinnt, weil die Gerichte die Arbeit der Sachbearbeiter aus den Jobcentern übernehmen. Die Liste ist um vieles zu ergänzen. Frau von der Leyen, es stimmt nicht mehr im System, aber Sie lächeln.

Weder die Jobcenter mit diesen unmenschlichen Bestimmungen, noch die übergeordneten Behörden haben das Recht und die selbst zugeschriebene Macht, alle Akteure zu entmündigen und somit zu bevormunden. Die Würde des Menschen ist unantastbar (Art. 1 GG). Jeder hat ein Recht auf ein Leben zu führen, das der Würde entspricht (§1 SGB II). Das ist jedoch täglich erlebte Realität – zum Leid vieler Millionen und schlussendlich zur Fragestellung: Was ist Ihnen unsere Demokratie noch wert? Und nein, auch diesmal erwarte ich keine Antwort. Weiß ich auch so, dass dieser Brief Sie erreichen wird und das ist zunächst mal, für heute, ausreichend. Stehen Sie auf! Jetzt!