Der Fluchtweg: “Freitod” aus Hartz IV


Vorwort
Der nachstehende Artikel von Holdger Platta leg
t auf einfühlsame Weise den Finger in eine der (noch) verborgensten Wunden des „Hartz4 Desasters“.
Geht man doch – nachdem die Manipulation, Erwerbslose als „faule Schmarotzer“ zu stigmatisieren, vorzüglich funktionierte – seit geraumer Zeit dazu über, die Betroffenen als oft psychisch krank zu pathologisieren. Sie entsprechend zu „behandeln“ oder  Zwangs-Maßnahmen für „psychisch Auffällige“ zuzuweisen.
Das eröffnet auch der  den MaßnahmeträgerMafia Unternehmen lukrative, neue Möglichkeiten.
Dazu in Kürze mehr…

Ursache und Wirkung werden gekonnt verdreht.
Nicht die gesamtgesellschaftliche Entwicklung sei verantwortlich dafür, dass Menschen im unwürdigen „Sozial“leistungssystem kleben bleiben und dadurch erst erkranken, nein der Einzelne sei selbst schuld daran, so lautet nach wie vor der Tenor.
Die Klassifizierung ist schnell gemacht:

Der Erwerbslose ist a) faul, oder b) bereits zuvor psychisch krank gewesen oder c) ungebildet. Oder alles zusammen.
Schuld hat er alleweil immer selbst.

Dass es tatsächlich zu einer rasanten Zunahme der psychischen Erkrankungen (insbesondere der Depressionen) innerhalb der letzten Jahre kam, ist durch Studien belegt. Dass der „Ausweg Suizid“ oft in Folge einer depressiven Erkrankung gewählt wird, ist naheliegend.
Doch wer oder was ist „schuld“ an dem inflationären Gallopp der Depressionen innerhalb der Bevölkerung – insbesondere bei den prekär Lebenden, den Veramten – ?
Die Antwort liegt auf der Hand…

http://dieopferderagenda2010.wordpress.com/

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Der Fluchtweg: “Freitod” aus Hartz IV – von Holdger Platta

Gern wird in “unseren” Kreisen zugestanden, dass Hartz IV unbequem ist, stressig, deprimierend, demütigend sogar. Aber dass Hartz IV töten kann – von den wenigsten wird diese äußerste Konsequenz ins Auge gefasst, schon weil die Zusammenhänge nur sehr selten völlig zweifelsfrei nachgewiesen werden können. Trauen wir uns nicht, offen auszusprechen, dass Hartz IV mordet, dass somit auch alle, die es installiert haben und weiter betreiben, morden? Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn unzähligen Menschen das Existenzminimum gekürzt wird – als “Strafe” für Ungehorsam? (Was geschieht, wenn jemand weniger hat als das Minimum?) Wie soll man es sonst nennen, wenn unzählige Menschen sehenden Auges in eine Situation hineingetrieben werden, die die Wahrscheinlichkeit einer schweren Depression beträchtlich erhöht? Können wir etwas tun gegen die äußersten Gefährdungen durch Arbeitslosigkeit? (Holdger Platta)…

Weiterlesen auf Hinter den Schlagzeilen http://hinter-den-schlagzeilen.de/2014/11/25/der-fluchtweg-freitod-aus-hartz-iv/comment-page-1/#comment-195526

Was hat Spiritualität auf einer linken Webseite zu suchen?

Dieser äußerst bemerkenswerte Artikel von Holdger Platta (erschienen auf der Seite von Konstantin Wecker) kommt  zum genau passenden Zeitpunkt!
Besser gesagt, zum genau für mich passenden Zeitpunkt.
Aus – somit durchaus auch (!) ein wenig „eigennützigen“ Motiven heraus 😉 ein ganz besonders herzliches Dankeschön an Holdger Platta an dieser Stelle.

Ich empfehle, insbesondere der „Entweder/Oder – Fraktion“, ein langsames und bedächtiges Lesen. Einen Teil, der aus meiner Sicht durchaus auch mein „widersprüchlich erscheinendes Verhalten“ wunderbar „erklärt“, nehme ich hier vorweg:

Hinter den Schlagzeilen

„…
5. Diese andere, diese neue „Spiritualität“ versteht sich in Augenhöhe mit anderen Menschen;
6. sie wendet sich der Welt mit ihren sozialen und sonstigen Problemen zu, nicht von ihnen ab;
7. sie bemüht sich um Empathie mit anderen Menschen – mit Unterdrückten, Niedergemachten, Gequälten und Gepeinigten zumal;
8. sie sieht sich, aufgrund der wahrgenommenen Verbundenheit mit der Welt und ihren Menschen, in der Verantwortung, beizutragen zu einer herrschaftsfreien und gewaltfreien Welt, zu einer Welt ohne Hunger, Ausbeutung, Unterdrückung, Unglück und Krieg;
9. sie sieht sich aufgerufen zu liebevollem Handeln, gerichtet gegen eine Welt des Profits und des Konkurrierenmüssens;
10. sie sieht sich aufgefordert, in Verbundenheit mit möglichst vielen anderen Menschen, die Zerstörung der Welt aufzuhalten und mit beizutragen zu einer Welt, für die Mitmenschlichkeit und Solidarität nicht mehr nur Schlagworte sind;
11. und sie will das alles nicht nur großpolitisch oder gar großmäulig realisieren, in Parlamenten, auf Podien und Kongressen, sondern nicht zuletzt auch Tag für Tag im eigenen ganz persönlichen Alltag.

Konstantin Wecker hat das in seinem Buch mit Bernard Glassman „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“ (herausgegeben von Christa Spannbauer) auf Seite 45 so ausgedrückt: „Was Albert Schweitzer ‚tätiges Mitgefühl’ nannte, ist für mich gelebte Spiritualität.“ Und wer Wecker und seine Lieder kennt, ebenso Bernard Glassman und Roland Rottenfußer, der weiß: das schließt sehr viel Zärtlichkeit mit ein, aber auch den Zorn, das nimmt den Nächsten ernst, aber auch die sogenannt-große Politik. Alle die genannten Autoren sehen sich da in der Mitte zahlloser anderer liebevoller Rebellen.

Ich wünschte mir, die Mitrebellen sähen es ebenso und ebenfalls liebevoll. Gibt’s Chancen dafür?

 

Aufruf für einen „Europäischen Frühling“

 

Liebe Freunde und Leser dieses Blogs
Nachfolgenden Aufruf verbreite ich sehr gerne weiter und hoffe auf rege Beteiligung. Die aufschlussreiche PDF findet Ihr hier -> Aufruf Europäischer Frühling
die Unterstützer-Mails sendet bitte an


hamcha@hamcha.de

Danke!

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Liebe Freunde, MitstreiterInnen und alle, die mir auch ansonsten nahestehen,

beigefügt geht Euch der Aufruf für einen „Europäischen Frühling“ zu, den ein Freundeskreis um Konstantin Wecker in den letzten Tagen erarbeitet hat.

Diese Gemeinschaftsresolution, die m. E. nicht zuletzt auf den „Aufruf zur Revolte“ zurückgehen dürfte, den vor einigen Monaten Konstantin Wecker und Prinz Chaos II veröffentlicht haben – Ihr bekamt auch diesen Text seinerzeit von mir zugesandt -, kann, so hoffe ich, jede und jeder von uns unterstützen. Auch unser Mitstreiter Rainer Thiel übrigens hat bereits vor einiger Zeit – auf der lesenswerten Website von Konstantin Wecker www.hinter-den-schlagzeilen.de – den Vorschlag zu einem großen Kongress ins Gespräch gebracht.

Selbstverständlich: jedem wird noch irgendein Punkt fehlen (oder sogar mehrere). Sicher bin ich aber eigentlich, daß die Positionen, die in diesem Aufruf vertreten werden, von uns allen geteilt werden können – sowohl, was die ‚Pro-Aussagen‘ betrifft, als auch die ‚Kontra-Aussagen‘.

Ich bitte also alle um Unterstützung – um eigene Unterschrift also – wie auch um Weiterverbreitung dieses Aufrufs nun auch von Eurer Seite aus.

Die Unterstützermails schickt bitte direkt an Michael Vilsmeier (Mailanschrift siehe oben!) – ich glaube, den Hauptverfasser dieses Aufrufs. Ggf. auch Cc an mich. Letzteres muß aber nicht sein – wobei, claro, auch ich mich darüber freuen würde, dadurch mitzubekommen, daß hoffentlich ganz viele mitmachen werden bei dieser Aktion.

Übrigens freut sich Michael Vilsmeier auch über kurze Kommentierungen usw. Aber auch dieses, selbstverständlich, ist jedem völlig freigestellt; es befinden sich weder Unternehmer noch Übelnehmer unter uns. 😉

Es wäre schön, sehr bald von sehr viel Resonanz hören zu können.

Mit herzlich-solidarischen Grüßen Euch allen
Holdger (Platta)

Wer betrügt, der fliegt

 

Mit dem Slogan „Wer betrügt, der fliegt“ startete die CSU zum Beginn des Doppelwahljahrs 2014 eine Kampagne gegen Armutsmigration aus Osteuropa.
Dieser Art geistiger Brandstiftung kann mensch auf vielerlei Arten begegnen. Launig und schwarzhumorig ist eine Möglichkeit, von der gerade „im Netz“ viel Gebrauch gemacht wird.


Auch mir schossen da sofort einige bajuwarische Zeitgenossen durch den Kopf, seien es der „Gel-Gutti“

oder der FC-Bayernpräsident, hier ein BILD nach seinem Flug

Kein Stück witzig…

sind hingegen Ereignisse im Freistaat, die durchaus (auch) auf derartige und ähnliche geistige Brandstiftung zurück zu führen sein können.
Feuer im Asylbewerberheim Gmünden (Unterfranken)

Intelligent-eloquent, mit Biss ohne bissig zu sein…

…so möchte ich die Abhandlung zu diesem Thema bezeichnen, welche der von mir sehr geschätzte Autor Holdger Platta hierzu verfasste.
Auf diesem Weg nochmals herzlichen Dank für die Erlaubnis, diese veröffentlichen zu dürfen 🙂

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“Wer betrügt, fliegt”

Holdger Platta ©

 Gestern, jawohl, musste sogar ich einmal einen dieser ‚Businessliner’ nehmen, einen ‚Flieger’ von Hannover nach Berlin. Unaufschiebbare Familiensache, hier nicht weiter von Belang. Aber was traf ich da so alles auf diesem Flug in die bundesdeutsche Hauptstadt? Und was hörte ich da so alles? Ich füge hinzu: widerwillig genug!

 Nun, ich bediene mit meinem Bord-Service erstmal unser aller Augensinn.

 Fast nur Männer waren in diesem Flugzeug zu sehen. Und fast alle im Anzug, in hellen Hemden und edlen Schuhen, mit obligater Krawatte unter dem Hals. Nahkampfkleidung also der bundesrepublikanischen Geschäftswelt, Deutschlands Wirtschaftselite im feinen Zwirn. Und diese Gesichter! Können Gesichter aus Routine bestehen? Diese Gesichter konnten es. In einer Mixtur aus Eiseskälte und Höflichkeit, aus Glätte, Härte und Schlaumeierei. Das gibt es nicht? – Doch, das gibt es! Hier gab es das! Irgendwie trugen fast alle dieselben Gesichter. Nennen wir’s mal so, was ich da über den Schlipsen sah! Und was bitte teilte mir mein Hörsinn mit?

Selbstverständlich, viele der Herren waren bald mit ihren Laptops beschäftigt, versanken also rasch in eine abgeschlossene Lautlosigkeit. Doch viele andere redeten auch. Einige miteinander, einige in ihre Handys hinein. Und wieder und wieder vernahm ich da Halbsätze, Einzelwörter, hin und wieder auch klirrendes Lachen, kasernhofkurz – es gibt auch ein Lachen mit Händen an der Hosennaht! Hier hörte man es! -, gehorsamsgeil oder auch befehlsgewohnt. Zackig und auf Zack! Und das alles hörte ich da, die Wiedergaben sind gekürzt:

„Feindliche Übernahme“, „müssen wir reingehen“, „durchgezogen“, „Kaimaninseln“, „übers Limit getrieben“, „hatter dumm ausgesehen“, „im Vertrag bitte ganz hinten“, „Märchensteuer rausstreichen“, „dem schmeißen wir doch nicht noch unsere Caritas hinterher“, „rüberschieben nach Übersee“, „soll er selbst sehen“, „sind wir ein Wohltätigkeitsverein“, „Schweiz bitte nicht, auch nicht Luxemburg, Guernsey geht noch, am besten Bahamas…“

Seit diesem Flug weiß ich: die CSU hat Recht! – Nein, nicht so, wie sie es meint, nicht als Bestrafungsmaxime für Armutsmigranten aus Bulgarien, Rumänien oder sonstwo. Aber als Beschreibung alltäglicher Wirklichkeit über den Dächern unserer Republik:

Wer betrügt, fliegt!

 

Yahoo und die Minderleister

Ein Gastbeitrag von Holdger Platta

Heute morgen in unserem Tageblatt: der us-amerikanische Internet-Konzern Yahoo schmeißt die „untersten“ 15 Prozent seiner bisherigen MitarbeiterInnen einfach raus. Begründung: weil diese Menschen sogenannte „Minderleister“ sind. Alle ArbeitnehmerInnen sollen bitteschön auf gleich hohem Level arbeiten. Ja, geht das überhaupt? Menschlich? Und statistisch?

Von der 38jährigen Unternehmens-Chefin Marissa Mayer werden diese 15 Prozent als „Low Performer“ tituliert, auf deutsch: als sogenannte „Flach-Darsteller“ (jaja, ich weiß: es gibt andere Übersetzungen. Passendere?).

Seit dieser Meldung frage ich mich dreierlei:

Erstens: Wieso wird diese Chefin nicht selber achtkantig vor die Tür gesetzt? Wegen exorbitanter Leistungsunfähigkeit! Eindeutig wendet diese Dame eine Methode zur Leistungsvernichtung an. Nix also mit „ more output by human capital“! Sie erzeugt bei Ihren MitarbeiterInnen unvermeidbaren Angststress. Angststress führt unvermeidbar zu Cortisolaussschüttung. Und Cortisolausschüttung senkt unvermeidbar das Leistungsvermögen der davon betroffenen Menschen. Weiß diese Dame das nicht, oder will sie das nicht wissen?

Zweitens: Wird diese sogenannte Methode der „Forced Distribution“, des brutalen Rauswurf aller, die als Arbeitskräfteschrott gelten, nach Entlassung dieser „unteren“ 15 Prozent fortgesetzt? Und es sind dann die nächsten 15 Prozent der „Minderleister“ dran? Und danach weitere 15 Prozent? Ad infinitum?

Wird also der Yahoo-Konzern am Ende dieses genialen Prozesses nur noch aus der Oberst-Leisterin Marissa Mayer bestehen?

Nun, ich denke, dieser Prozeß läßt sich beschleunigen. Indem alle Yahoo-Kunden sofortest ihren Vertrag mit diesem Rausschmeißer-Klub kündigen.

Einfach mal aus menschlichen Gründen.

Und weil Yahoo, gegenüber anderen Suchdienst-Anbietern zum Beispiel, eh schon ein „Minderleister“ ist. Beim egozentrischen Test, wieviel Ergebnisse mir Google bei Eingabe meines Namens liefert, kam dieser auf rund 7.000 Nennungen, Yahoo hingegen nur auf knapp über 3.000. Eine Abweichung also nicht nur von 15, sondern von über 50 Prozent. Minus natürlich.

Warum also nicht weg mit dem „Low Performer“ Yahoo überhaupt?

Den Segen der Dame Mayer müßten wir eigentlich haben, wenn sie konsequent ist.

 

stoersender.tv – Episode 14: Aufruf zur Revolte

Wie bereits mehrfach geschrieben, u.A. hier in Form der Rezension von Holdger Platta ist das gemeinsame Werk von Konstantin Wecker und Prinz Chaos aus meiner Sicht für jeden Denker mit Herz ein (kostenfreies) Muss. Stoersender.tv hat sich nun in hervorragender Form dem Aufruf zur Revolte angenommen und auf youtube veröffentlicht. Den „Lesefaulen“ 😉 unter uns ist damit auch Rechnung getragen… Prädikat: Unbedingtes Muss!

„Hartz4“, Kapitalismus und Veränderung – ich bin verwirrt…

Vorweg möchte ich Euch, liebe Leser, um Nachsicht bitten…auch dieser Beitrag wird (wie so viele vor ihm ;) ) ein langer werden.
Ich versuche, meine derzeit galoppierenden Gedanken dennoch einigermaßen zu strukturieren.

Die leidigen Schubladen

Wo fange ich jetzt an? Ich probiere es damit, bei mir zu beginnen.
Meine Einstellung zum Leben (und leben lassen) war und ist dem Grunde nach seit über 30 Jahren kaum verändert. Der einzige Unterschied mag sein, dass ich bis vor wenigen Jahren eher der “ausschließliche Bauch-Mensch” war, welcher auf (soziale) Ungerechtigkeiten, auf (für mich) nicht nachvollziehbare “Konkurrenz bis auf’s Blut”,
(All)Macht-Phantasien und ausbeuterischen Egoismus verständnislos re- und agierte….währenddessen ich heute zusätzlich versuche, gelassen und rational die “Dinge” anzugehen.
Dass das, was ich als schlicht “richtig/falsch” schon immer empfand, “linkes Gedankengut” ist, dass das, wie ich mir ein menschliches Miteinander vorstelle, “marxistische Züge” trägt, dass meine Vorstellung von Gerechtigkeit “Kapitalismuskritik/Ablehnung” ist – noch vor 10 Jahren war mir das nicht bewusst! Viele tausend Lesestunden später erst wurde mein “Bauchgefühl” durch Wissen ergänzt.

Für mich ist das ein deutliches Indiz dafür, dass ein Denken (und nachfolgendes Handeln) in Schubladen/Kategorien Unsinn ist.
Wenn Grundsätzliches übereinstimmt, sollten mMn die unterschiedlichen Tellerränder überwunden werden und die gedanklichen Schubladen verschlossen (inkl. Wegwerfen des Schlüssels ;) )

“Truckerin” vs. Intellektuelle und Weise – Schnittstellen

Als ich vor einigen Jahren begann, mich mit dem Buddhismus zu beschäftigen und mich darin “gespiegelt” sah, entdeckte ich zeitgleich, dass Vieles in dieser Erkenntnisslehre gleichsam “linke/marxistische” Thesen sind.
Ich war zutiefst erstaunt und begann, nach weiteren Schnittstellen zu suchen.
Exkurs:
So sind jetzt meine Bücher gespickt mit Zettelchen und handschriftlichen Anmerkungen, Gedanken,Querverweisen ;)

Interessanterweise las ich dann vor einiger Zeit ein Interview mit dem Dalai Lama (man sehe es mir nach, es erschien in der “Welt”)

Zitat (…) Dalai Lama: Ja, in meiner Grundeinstellung bin ich ein marxistischer Mönch. Ich sehe da auch keinen Widerspruch. In der marxistischen Theorie liegt der Schwerpunkt auf der gerechten Verteilung des Wohlstands. Moralisch betrachtet ist das der richtige Anspruch. Der Kapitalismus legt hingegen viel Wert auf die Entstehung von Wohlstand, die Verteilung spielt aber erst einmal keine Rolle. Im schlimmsten Fall werden die Reichen immer reicher und die Armen immer Ärmer.

Lesenswert, Quelle und Volltext Gier macht Unternehmen krank

“Hartz4″ als Folge des Turbokapitalismus – viele Wege führen nach Rom

Gestern nun, in Bezug auf  mein immer auf’s Neue wiederholtes „Plädoyer für die Einheit in Vielfalt“ (bezogen auf den Kampf gegen das menschenverachtende “Hartz-System”) erhielt ich eine Mail des von mir sehr geschätzten Autoren Holdger Platta.
Er überließ mir dankenswerterweise eine Schrift aus 2010, in welcher er sich intensivst mit dem “linken entweder/oder Denken” auseinandersetzt.

Um es mal mit einem alten Werbespruch der Klitschko-Brüder zu beschreiben:
“Ist schwäre Kost” ;) – es lohnt sich aber definitiv, sich hierfür Zeit zu nehmen!

Auszug:

Da wird zum Beispiel dem Kampf gegen Hartz-IV an der juristischen Front der Kampf angesagt. Aber wieso eigentlich? Wieso nicht Kampf an der juristischen Front gegen Hartz-IV und gleichzeitig Kampf gegen Hartz-IV an zig anderen Fronten? Welch Nichtbegreifen kapitalistischer Realität verbirgt sich hinter diesem polarisierenden Entweder-Oder-Gedenke! Dieses sogenannte „Denken“ ist – bei aller Schärfe gegen den Jeweils-Andersdenkenden – nichts anderes als undeutliches Brabbeln im Kopf. Ist das Folgende so schwer zu verstehen? Die Front Kapitalismus besteht nicht nur aus einem Frontabschnitt, sondern aus sehr vielen Abschnitten, und überall sollten wir die Feldherrenhügel den Armleuchtern von rechts streitig machen. Folgen wir diesem pseudolinken “Entweder-Oder”-Heruntermachen der jeweils anderen Genossen durch die jeweils eigene Mißverständnisgruppe (statt mal das “Sowohl-Als auch” zu prüfen), bleibt am Ende dieser famosen Debatten nämlich gar nichts mehr übrig. Ich konkretisiere:

Bücher schreiben oder in klugen wissenschaftlichen Zeitschriften kluge Aufsätze veröffentlichen: Scheiße!

In die Medien gehen: Scheiße!

In die Parlamente gehen: Scheiße!

Zu Latschdemos gehen: Scheiße!

Stände auf dem Marktplatz errichten: Scheiße!

Vorträge halten oder Reden: Scheiße!

Flugblättter schreiben: Scheiße!

Vors Gericht ziehen: Scheiße!

Ja, was denn dann bitte? Den Revolver ziehen? Aha, und wo sind unsere Kampfeinheiten? Wann und wie haben wir sie überzeugt und rekrutiert? Wie stark sind unsere Truppen? Wird dieser Staat dann stillhalten? Verfügt plötzlich über keine Polizei mehr? Über keine Bundeswehr mehr? Über keine Mainstream-Medien mehr? Über keine Justiz mehr?  Undundund?

Meine Güte, da war schon Rosa Luxemburg in ihrer Rede am 31. Dezember 1918 weiter (…)

Linke Heideggerei

Und dann war da gestern noch…

…ein langes Telefonat mit einem aktiven Arbeitsvermittler. Aktiv im doppelten Wortsinne  🙂
Seine gedanklichen Ansätze und Äußerungen waren ähnlich, und doch wieder anders. Auf alle Fälle nachdenkenswert. Kritisch (auch selbstkritisch), sehr reflektiert und in manch theoretischer Überlegung, wie zunächst zumindest eine Veränderung zugunsten aller (!) vom „Hartz-System“ Betroffenen erreicht werden könnte, fast schon radikal 😉
Wohlbemerkt: Es waren Verbesserungs-Überlegungen, die sich auf das derzeit bestehende System beziehen…mit etwas Sarkasmus könnte man auch sagen:
Kleben von „anarchistischen“ Pflästerchen.

Tja, und nun?

Klar ist leider, dass Adornos Aussage, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, unvermindert Gültigkeit hat.
Somit kann es erst recht kein richtiges Leben im falschen „Hartz-Leben“ geben…

Klar ist (mir) auch, dass dennoch, bevor dieses System überwunden werden wird (wenn!) zuvor „Linderung“ und nicht noch weitere Verschärfung stattfinden muss.
Also doch zunächst „Pflästerchen kleben“?
Leider ja (aus meiner Sicht), denn ich könnte nicht guten Gewissens schlafen, wenn ich wüsste, zu vermeidbaren „Kollateralschäden“ durch Unterlassung beigetragen zu haben.
Klar ist leider auch, dass die Gefahr der Gewöhnung („Hartz4 – next Generation“) an Entwürdigung ff sehr groß ist, dass, wenn nicht bald etwas geschieht, gar nichts mehr geschehen wird.
Oder im Gegensatz dazu sehr Schlimmes.

Klar ist mir leider nicht, ob (sollte es doch zu dem von mir befürchteten,unkontrollierten „Volkszorn“ kommen) dieser ein befriedetes Miteinander und eine Überwindung der kapitalistischen Auswüchse nach sich ziehen wird…oder ob dann wieder einmal die Revolution ihre Kinder frisst…

Klar ist mir ebensowenig, wie generell das Denken in Kategorien überwunden werden kann, wenn es selbst innerhalb linker Strömungen kaum möglich scheint

Klar ist somit, dass mir derzeit nichts wirklich klar ist.
Fazit also (zunächst):

Jetzt steh‘ ich hier, ich armer Tor und hand’le weiter, wie zuvor

Aufruf zur Revolte – Es reicht! Eine Rezension von Holdger Platta

Aufruf zur Revolte

Seit vorgestern kann im Internet der “Aufruf zur Revolte” von Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. kostenlos nachgelesen und runtergeladen werden: eine ca. 40-seitige “Polemik” gegen die derzeit weltbeherrschende Politik und eine Ermutigung zum Widerstand.

Aufruf zur Revolte download

Ich hätte diese Streitschrift gerne selbst besprochen ;) doch Holdger war schneller. Und mir bleibt, wie so oft schon, nichts hinzuzufügen.
Einen Satz möchte ich aber doch noch hervorheben:
Für mich die große Kraft dieses Textes: hier wird nicht nur von Kopf zu Kopf gesprochen, sondern wieder und wieder, auf furiose Weise, von Herz zu Herz.
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Nein, kein Zufall: auch mit Blick auf die Landtagswahlen in Bayern und Hessen sowie auf die Bundestagswahlen veröffentlichen die beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. am 15. September ihren „Aufruf zur Revolte“ als kostenloses E-Book im Internet. Doch Anlässe wie Intentionen dieser „Polemik“ (Untertitel der Kampfschrift) reichen weit über diese Termine hinaus. Es geht um Darstellung der Weltzustände insgesamt – und um die Frage, was dem entgegenzusetzen ist.

 

Es war im März dieses Jahres, daß sich die beiden Künstler nach einem gemeinsamen Konzert zu diesem Aufruf entschlossen. Noch beglückt vom Publikumsecho, gestanden sich die beiden Sänger „in einer denkwürdigen, coming-out-artigen Situation“, daß ihre „Intuition immer lauter Alarm“ zu schlagen beginnt. Die Autoren wörtlich:

 „…wenn man alle Faktoren zusammenrechnet, die ökologische Situation, die wirtschaftliche Lage, den gigantischen, präventiv ausgebauten Repressionsapparatund auch, ja, leider, die zunehmende Verrohung und Entsolidarisierung der Menschen untereinander, dann muß einem Himmelangst werden.“

Hier nun also das Resultat: ein 40-seitiges Manifest gegen den Kapitalismus – und gegen unsere Mutlosigkeit. Es ist, natürlich, ein literarischer Text, kein kleinteilig, mithilfe marxistischer Kategorien, die Gegenwart durchanalysierender Text. Es ist aber, gleichwohl, ein Text, der mit dialektischer Akribie die Verhältnisse der Gegenwart durchleuchtet, ein Text, der die weltweiten Zusammenhänge der Krise anders, nämlich individuell wahrnehmungsnah, darzustellen vermag.

 

Typisch in dieser Hinsicht schon der Textbeginn: die Verfasser setzen an bei unserer Alltagserfahrung, bei dem, was der Erkenntnis der Zusammenhänge im Wege steht, den weltweit praktizierten Verdrängungsmechanismen,  „Illusionsabfällen und Betäubungsmittel aller Art“, dem nächsten „Sportgroßereignis oder einer neuen Terrorwarnung“ etwa. Um dann vorzustoßen zu eben diesen verdrängten Problemen. Da werden dann zum Beispiel die Finanzkrise angesprochen und die Weltnaturkatastrophe, die Kriegstreibereien und der Überwachungsskandal, das Flüchtlingselend und die illegitime Macht der Weltkonzerne. Und dieses jeweils im Kontrast zur propagandistischen Verdrängungsschreiberei.

 

Zum Beispiel: über die Brutalität Erdogans gegen Occupy Gezi in Istanbul empöre man sich „unisono“, doch der „himmelschreiend brutale Polizeieinsatz gegen Blockupy in Frankfurt am Main (…) mit mehr als 400 Verletzten“ sei fast totgeschwiegen worden. Oder: man beklage immer noch die 139 Berliner Mauertoten –  28 Jahre danach -, aber wo läse man in gleicher Extensität von den rund 2000 Toten, die heutzutage an den europäischen Grenzen ums Leben kommen, jährlich –  Flüchtlinge, gegen die eine Kriegsflotte der EU auf dem Mittelmeer ihre barbarische Arbeit verrichtet?

Der Aufruf zeigt: hier stimmen die Maßstäbe nicht. Er zeigt: hier funktioniert ungeheuer vieles im Dienste westlicher Profitinteressen. Und er zeigt: dem muß nicht nur Gesellschaftstheorie entgegengesetzt werden – da bleiben Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. eher vorsichtig -, sondern vor allem auch aufgeklärte Menschlichkeit. Für mich die große Kraft dieses Textes: hier wird nicht nur von Kopf zu Kopf gesprochen, sondern wieder und wieder, auf furiose Weise, von Herz zu Herz.

Deswegen ist dieser Aufruf auch beides: ein aufwühlender Text und klug! Deswegen schürt das Manifest mit seinem Doppelcharakter nicht nur die Hoffnung, sondern er spart auch die Gefahr unseres Scheiterns nicht aus. Deswegen begegnen wir hier immenser Empathie und Realismus. Zum Beispiel:

 „Nüchtern betrachtet sind die Risiken der Revolte weitaus geringer als die mitmathematischer Sicherheit katastrophalen Ergebnisse eines weiteren tatenlosenZuschauens uns Mitlaufens. Und wenn wir endlich auch in Deutschland den Mut zurRevolte fassen (…), dann werden wir eine andere Intensität des Lebens erfahrendürfen (…): den Zauber wirklicher Freiheit.“

Dabei versteht sich von selbst: die Autoren setzen nicht nur auf Wahlen – der Zeitpunkt dieser Veröffentlichung stellte insofern ein Missverständnis dar -, sondern vor allem auf eine neue große außerparlamentarische Bewegung. Und sie setzen auf die Inspiration und Intelligenz der vielen Einzelnen in dieser Bewegung, nicht aber auf sogenannt-charismatische Führerfiguren. Ein humaner Anarchismus ist kennzeichnend für diesen Aufruf, Orientierung an Graswurzelarbeit, ohne sich in Kontraposition zu bringen auch – auch! – zu parlamentarischer Tätigkeit. Hier geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein im besten Sinne hellwaches Sowohl-Als auch. Bei allem Blick auf das Große und Ganze schreiben Wecker und Prinz Chaos II. nicht über das Kleine und Kaputte hinweg, aber bei allem Ernstnehmen der Alltagserfahrungen ganz unten wird auch das Treiben derer da oben analysiert. Das ist Gesellschaftskritik ohne das gewohnte Wissenschaftsvokabular und dennoch wissenschaftlich hochinformiert (Beispiel: die Analyse der Situation im vor-revolutionären Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts). Hier werden Geschichte und Politik auf allen Ebenen zur Sprache gebracht, und auf allen Ebenen sollten wir uns dem verkehrten Gang der Dinge in den Weg stellen – für mich die Kernaussage, um die es bei diesem Aufruf zur Revolte geht. Im Interesse einer Welt ohne Freiheitsberaubungen und Menschenschinderei, ohne Herrschaft des Geldes und abgehobener Cliquen, ohne Elend und Angst.

Zweifellos: ein packendes und aufklärendes Manifest. Und ich füge hinzu: ein Glücksfall, daß es noch solche politisch-engagierten Künstler gibt. Mögen viele Menschen diesem Beispiel folgen.

Demokratie lebt von unten her oder gar nicht.

 

Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. rufen zur Revolte auf.

Am 15.en September erscheint ein kostenloses E-Book.
Weitere Informationen dazu unter Aufruf zur Revolte
Auf diesem Weg zunächst einmal wieder herzlichen Dank an Holdger Platta, der mir diese – wie ich finde, wichtige – Information mailte, Auszug:

…der Ehrenvorsitzende unserer Initiative für eine humane Welt Konstantin Wecker veröffentlicht in den nächsten Tagen – zunächst als kostenloses E-Book im Internet – gemeinsam mit seinem Co-Autor, den ebenfalls politisch immens engagierten Liedermacher Prinz Chaos II., einen

Aufruf zur Revolte

Ich bitte Euch alle, die beigefügte Ankündigung zu diesem Buch mit Euren Mitteln weiterzuverbreiten. Nicht zuletzt im Blick auf die Bundestagswahlen in gut zwei Wochen wäre das wunderbar. Und auch die beiden Landtagswahlen in Hessen und Bayern dürften ja ein entsprechender Anlaß sein.

Das Buch, an dem auch ich mit zahlreichen anderen HelferInnen ein bißchen mitgearbeitet habe, verdient, so meine ich, die Unterstützung aller, denen es an einer einer grundlegenden Veränderung und Verbesserung der Politik liegt, die immer brutaler Millionen Menschen und ganze Staaten in den Abgrund treibt.

 

Holdger Platta – Auf dem Weg in einen „kalten Faschismus“?

Auf diesem Weg zunächst herzlichen Dank an Holdger Platta für die Überlassung des erweiterten Auszugs aus dem Buch Kaltes Land
In diesem Buch setzen sich über ein Dutzend Autoren mit der Zerstörung der gesellschaftlichen Solidargemeinschaft, auch „Sozialstaat“ genannt auseinander und werfen die Frage auf, ob die bundesdeutsche Gesellschaft auf einem Weg in einen „kalten Faschismus“ (Platta) ist und ob Harz IV als „Ein Bürgerkrieg der politischen Klasse gegen die arm Gemachten“ definiert werden muss (Prof. Hengsbach).

Hier die dezidierte Stellungnahme Plattas zu einem häufig kontrovers dikutierten Thema:

Immer mehr Menschen in der Bundesrepublik stellen sich eine besorgte Frage:

Gibt es Entwicklungsprozesse  im heutigen Deutschland, die uns denken lassen an die Endphase der Weimarer Republik und an das Dritte Reich? Und: ist es nicht nur möglich, Vergleiche anzustellen zwischen dieser Vergangenheit mit unserer Gegenwart, sondern könnte dieses Vergleichen sogar erforderlich sein – und zwar erforderlich gleich aus einem doppelten Grund:

 

  • sachlich, weil eine derartige Diagnose –  es gibt Entsprechungen zwischen damals und heute – auch einer Prognose gleichkommen könnte und weil
  • zweitens und in ethischer Perspektive diese Diagnose mithin eine dringliche Warnung vor einer humanitären Katastrophe enthielte.

Die Frage hinter meiner Frage lautet daher: gibt es – in der Tat: ich riskiere dieses Wort! – Entmenschlichungstendenzen in der Bundesrepublik, die den Faschisierungstendenzen während der Weimarer Republik ähneln,, und diese Entmenschlichungstendenzen bedrohen womöglich schon jetzt die humane Integrität der Bundesrepublik?

Rechte Faschismusvorwürfe: Bagatellisierung der Geschichte

Eines dürfte wohl unzweifelhaft sein: die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit ihrem Grundrechtekatalog stellt historisch nicht nur die politische Antwort dar auf das Dritte Reich, sondern diese politische Antwort hatte auch eine klare ethische, eine eindeutig humane Dimension. Faschismus, das war – und ist bis heute – nicht nur ein immens wichtiger Sachbegriff, Faschismus ist auch ein Wertungsbegriff. Faschismus, das ist nicht nur ein Begriff aus der Regimenlehre, nicht nur eine wertungsneutrale Kategorie zur Kennzeichnung bestimmter Gesellschaftssysteme, sondern ein Begriff der Kritik, der sich eng auf die Naturrechtsinteressen der Menschen stützt und bezieht. Faschismus war und ist in dieser Hinsicht stets auch gerichtet gegen die Maximen der Menschenwürde und der Menschenrechte schlechthin.  Freilich, ich füge hinzu:

Um so wichtiger wird es deshalb auch sein, beides voneinander zu unterscheiden: die sachliche von der ethischen Dimension. Es geht nicht um ein Entweder-Oder, es geht um ein Sowohl-Als auch. Was also hat es mit der Vergleichbarkeit/Unvergleichbarkeit der Bundesrepublik mit der Endphase der Weimarer Republik und den Anfängen des Dritten Reichs auf sich – sachlich wie ethisch gefragt?

Vielleicht überrascht es an dieser Stelle ja: mein Beitrag setzt inhaltlich ein mit einer Verteidigung unserer Kanzlerin Merkel. – Angela Merkel hatte im August 2010 das Sarrazin-Buch[1] mit den Worten kritisiert, daß diese Publikation „nicht hilfreich“[2] sei. Diese zarte Immerhin-doch-Distanzierung bedachte der Journalist Henryk M. Broder daraufhin, in der Sendung „Maybrit Illner“ am 2. September 2010, mit dem Satz: wenn „eine nicht für die Abgabe literarischer Urteile gewählte Kanzlerin ein Buch als nicht hilfreich“ bezeichne, grenze das „an die übelste Tradition der Reichschrifttumskammer des Dritten Reichs.“[3] Nicht nur der anwesende Grünen-Chef Cem Özdemir empfand diesen Vorwurf als „absurd“.[4] Ich komme darauf noch zurück. Vorher noch weitere  Beispiele für Bewertungen der Gegenwart, die sich unverkennbar auf unsere faschistische Vergangenheit beziehen.

Am Montag, den 27. Oktober 2008 – die weltweite Finanzkrise hatte einen ersten Höhepunkt erreicht – äußerte sich der Münchener Wirtschaftswissenschaftler und Ifo-Chef Hans-WernerSinn in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ folgendermaßen: man habe mit den „persönlichen Angriffen“ auf Bankmanager „nur Sündenböcke“ gesucht[5]. Und im weiteren Text wörtlich: „Damals“ – gemeint ist die erste große Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 folgende – „Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“[6] Auch hierauf gab es entsetzte Reaktionen in der Öffentlichkeit – doch später mehr dazu. Hier zunächst noch Beispiel Nummer drei für „vergangenheitsbezogene“ Einschätzungen der Gegenwart. Ich spreche vom Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff.

Dieser Politiker – damals, im Jahre 2008, noch niedersächsischer Ministerpräsident – äußerte sich keine zehn Tage später nach dem Statement des Ifo-Chefs Sinn ganz im Sinne von Sinn[7]: in der N24-Talkshow „Studio Friedman“ stellte sich Wulff mit dem folgenden Satz vor die weltweit in die Kritik geratenen Manager (Michel Friedman hatte den CDU-Politiker im übrigen nach dessen Verständnis von Gerechtigkeit gefragt):

            „Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt und Zehntausende Jobs

            schafft, dann muss ich nicht gegen den eine Pogromstimmung entwickeln,

            sondern dann kann ich sagen, er leistet einen wesentlichen Beitrag zu

            unserem Land und zu unserem Gemeinwesen.“[8]

Am Donnerstag, den 6. November 2008, war das, drei Tage vor dem Gedenktag an die nazistischen Pogrome im Jahre 1938, an jene Ereignisse also, da in Deutschland die Synagogen brannten, Hunderte von Juden ermordet, Tausende von Juden gefoltert und Zehntausende von Juden darauf des Landes vertrieben wurden.

Auch hier reagierte unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland und forderte den Rücktritt des Ministerpräsidenten Wulff[9], auch hier gab es – soll man sagen: selbstverständlich? – eine Entschuldigung[10] wie im Falle Hans-Werner Sinn[11], auch hier wurde dabei eine geschichtstotalisierende Behauptung aufgestellt, die „fragwürdig“ zu nennen eher eine fragwürdige Beschönigung ist. Hatte Sinn in seinem „Offenen Brief“ an den Zentralrat der Juden geschrieben:

            „Die Suche nach vermeintlich Schuldigen führt stets in die Irre.“[12]

– – – man fragt sich: gilt das auch für Hitler, für Eichmann, für Höß, und gab es

bei der Krise 2008 keine Akteure? – Standen wir also bei diesem Wirtschaftsgeschehen vor einer Krise ohne Personal? Das Spielcasino war menschenleer gewesen? – – – Während Ifo-Chef Sinn also das Wirtschaftsgeschehen in die Anonymisierung schickte, verstieg sich Wulff in seinem Totalrückzug zu dem folgenden Satz:

            „Nichts kann und darf mit der Judenverfolgung und den schrecklichen

            Pogromen gegen die Juden verglichen werden…“[13]

Nichts, wirklich nichts? – Doch hier zunächst eine andere Frage, bevor uns das Wulff-Zitat beschäftigen wird. Wieso kommt es im Kontext mit deutscher Schuld im Dritten Reich immer wieder zur Erforderlichkeit von Entschuldigungen im Nachkriegsdeutschland?

Psychoanalytisch betrachtet, könnte man von einem Wiederholungszwangsprechen, der sich da geltend macht, von einem Vorgang also, der die Betroffenen nötigt, immer wieder eine Vergangenheit zu rekonstellieren, die doch eigentlich abgewehrt werden soll. Man  reiht sich mit Bemerkungen wie denen von Wulff und Hans-Werner Sinn gleichsam auf der Opferseite ein und entlastet sich damit – als Nachfolgegeneration der Eltern auf der Täterseite – von dem Druck, der auf einem selber noch liegt. Und beschwört gerade dadurch ein weiteres Mal die Entfremdung von den jüdischen Opfern damals herauf. Aber: es gibt eine Erklärung dafür, die einfacher ist und auf die ich später zurückkommen werde. Hier sei zunächst einmal das Folgende festgestellt:

Selbstverständlich liegen alle genannten Personen mit ihren Äußerungen falsch. Die äußerst zurückhaltende Kritik der Kanzlerin an dem Sarrazin-Buch in die „übelste“ Tradition der nazistischen „Reichsschrifttumskammer“ zu stellen, kommt einer Äußerung aus dem Tollhaus gleich. Die Reichsschrifttumskammer des Naziregimes hatte vor allem die Aufgabe, unliebsamen, vor allem jüdischen, SchriftstellerInnen den Weg zur Veröffentlichung ihrer Bücher zu versperren, diese Kammer organisierte also reichsweit das Berufsverbot für sogenannte „Feinde“ des Regimes[14]. Wo, bittteschön, hätte das Merkel getan? Sie hat ein Buch kommentiert, recht zaghaft zudem, das Alfred Grosser[15], der deutsch-französche Politologe, am 9. November 2010 in der Frankfurter Paulskirche als „sozialrassistisch“ bezeichnet hat[16]. Ganz gewiß stand Angela Merkel in diesem Falle ideologisch nicht auf der Seite der Faschisten von einst, sondern hatte Gegenposition bezogen zu deren Ideologie. Mit anderen Worten: hier wurde durch Broder ausgerechnet einer antifaschistischen Selbstpositionierung Faschismus unterstellt. Broder mag äußerst „scharfzüngig“ sein; „scharfsinnig“ war Broder in diesem Fall nicht. Mit seiner spitzen Zunge bediente er hier lediglich die stumpfesten Ressentiments. Und kennt sich offenbar beim Unterschied zwischen Zensur und Zensuren nicht aus.


[1]  Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München 2010

[4] Siehe Anmerkung 2!

[6] Siehe Anmerkung 5!

[8] Siehe Anmerkung 7!

[9] Siehe Anmerkung 7!

[10] Siehe Anmerkung 7!

[12] Siehe Anmerkung 11!

[13] Siehe Anmerkung 7!

 [16] http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:EsS47dV

zum weiterlesen ab Seite 5 bitte auf den link klicken Holdger Buch Platta Auszug

Holdger Platta – Hartz IV: Elend und Ausbürgerung im eigenen Land

Eine wahrlich erstklassige Analyse, welche sich dem Thema Ausgrenzung aus einem etwas anderen Blickwinkel widmet.
Im Ergebnis eine stimmige Darstellung des neuen Elends, die in keiner Silbe übertrieben ist.
Danke und Chapeau, Holdger

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Brot, Butter und Zahnpasta brauche ich zum Existieren.
Will ich dagegen leben, gehören dazu kleine Extras, die das Leben bereichern: Blumen für die Liebste; kleine Ausflüge zu schönen Wandergebieten; mal eine Eintrittskarte für Kino oder Konzert; für den botanischen Garten, wo ich auch gern mal einen Kaffee bestelle; einen Freund in der Nachbarschaft besuchen und ihm eine Flasche Wein kaufen; den Kindern an Weihnachten mehr als eine Tafel Schokolade vom Aldi schenken … Wenn ich mir all das nicht mehr leisten kann, lebe ich wohl in einem Drittweltland – oder ich bin Hartz IV-Empfänger.

Hartz IV ist die Strafe für das schlimmste Vergehen, das unsere Gesellschaft kennt: von der Wirtschaft vorübergehend oder dauerhaft nicht ökonomisch verwertbar zu sein. Nicht nur “Luxus”, Auto und Urlaubsreise, auch einfachste menschliche Begegnungen bleiben das Privileg der Ober- und Mittelschicht. Für den Rest bleibt die Teilhabe am Fernsehprogramm. Holdger Platta nimmt sich gewohnt engagiert und beredt der fast vergessenen Schande unseres Gemeinweisens an.

Zehn Jahres ist es her, da verkündete Bundeskanzler Gerhard Schröder im Deutschen Bundestag zu Berlin das Ende unseres sozialen Rechtsstaats. Die SPD bejubelte seine Rede mit ‘Standing Ovations’. Was es mit dem Geschwafel des Sozialdemokraten Schröder auf sich hat – “Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen fordern” –, wird im folgenden Kapitel anhand eines einzigen Begriffes analysiert: anhand des Wortes “Elend”. Resultat: es handelt sich bei dieser Vokabel keineswegs um maßlose Übertreibung, sondern um nichts anderes als um Tatsachenbeschreibung.

Manchmal lohnt es sich, einzelnen Begriffen nachzugehen. Der Begriff “Elend” bzw. sein Begleitwort “Verelendung” gehören dazu. Eine genauere Analyse dieser Vokabel – mit Blick auf deren Geschichte wie mit Blick auf die Gegenwart heute – zeigt: Selten dürfte ein Begriff so präzise die heutigen Lebensverhältnisse bei Millionen von Menschen in der Bundesrepublik benannt haben wie dieser.

Doch konkret: “Elend”, das im heutigen Verständnis ein Begriff für äußerste soziale und ökonomische Notlage ist, der Begriff für eine Lebenssituation also, die weit unterhalb der “Armut” angesiedelt ist, bedeutete seinem sprachgeschichtlichen Ursprungssinn nach „im Ausland, in der Fremde sein“. Es geht zurück auf das “althochdeutsche Wortgespann “eli lenti”, was so viel hieß wie: “im fremden Land” leben zu müssen, “aus dem Frieden der angeborenen Rechtsgenossenschaft ausgeschlossen, verbannt” zu sein. (Quelle: KLUGE-Ethymologie) Doch auch bezogen auf die heutige Bedeutung stellt “Elend” so etwas wie ein Nichtzuhausesein in der Fremde dar. Denn mit dem “Elend” heute hat die Regierungspolitik von Schröder und seiner Nachfolgerin, der Kanzlerin Angela Merkel, in sozialer und ökonomischer Hinsicht ebenfalls so etwas wie “Ausland” für die Betroffenen geschaffen, ein Ausland im eigenen Land.

Die Mitmenschen in der Bundesrepublik, die heute im Elend leben, leben tatsächlich wie in einer innerstaatlichen Fremde. Sie teilen noch die Sprache mit uns und den Wohnort. Aber das ist auch schon alles, was diese Mitbürgerinnen und Mitbürger mit uns verbindet. “Soziale Teilhabe” – eine Zentralkategorie des Begriffs „Existenzminimum“ – ist für Hartz-IV-BezieherInnen nicht mehr möglich. Weder umfassen die Regelsätze von Hartz IV irgendwelche Beiträge für Mitgliedschaft in Parteien, Vereinen oder Gewerkschaften, noch sind für die ALG-II-BezieherInnen Reisen und Fahrten zu Verwandten und Freunden erschwinglich. Dasselbe gilt für die Bewirtung derselben bei sich zuhause oder für Geschenke an sie zu deren Geburtstagen und zum Weihnachtsfest. Nicht mal Portokosten für briefliche Kontakte zu ihren Nächsten sind für die Langzeitarbeitslosen auch nur annähernd in ausreichendem Maße berücksichtigt worden bei der Ermittlung des sogenannten „Regelsatzes“. Gleiches gilt für die Telefon- oder Mailingkosten.

Mit einem Wort: Hartz-IV, diese furchtbare, verfassungswidrige, menschlichkeitsfeindliche Gesetzgebung, hat über siebeneinhalb Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger ausgegrenzt aus unserem Gemeinwesen. Sie leben seither buchstäblich ausserhalb der Grenzen unserer Gesellschaft. Ihnen ist nichts mehr übriggeblieben als bestenfalls am Radiogerät oder Fernseher noch “teilzuhaben” an unserer Demokratie. Nichtmal die Kosten für das Abo einer Tageszeitung können aus dem Regelsatz des ALG II aufgebracht werden. Sozial und ökonomisch betrachtet, stellt Hartz IV einen Totalausschluß aus unserer Gesellschaft dar. Was verfassungsrechtlich bedeutet: Alle Beteiligungsrechte politischer und sozialer Art, die unser Grundgesetz sämtlichen Bürgerinnen und Bürgern unseres Staatwesens eigentlich garantiert, existieren de facto für die Langzeitarbeitslosen in unserem Land nicht mehr.

Hartz-IV hat eine neue Menschenklasse geschaffen: Deutsche Exilanten im eigenen Land. Wer heute von Menschen im “Elend” spricht, der spricht dadurch auch dies unvermeidbar mit aus – gleich, ob es ihm bewusst ist oder auch nicht. ALG-II hat unbescholtene Bürgerinnen und Bürger millionenfach um ihre Rechte gebracht – um ihre “Rechtsgenossenschaft”, wie es in der Ursprungsbedeutung des Wortes “Elend” bzw. “eli lenti” noch ausdrücklich mitgemeint war. Hartz IV hat millionenfach Mitmenschen abgeschoben auf einen fernen elenden Kontinent.

Es stellt insofern nur noch eine optische Täuschung dar, dass diese Mitmenschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wohnen. In Wirklichkeit leben sie längst schon anderswo: in der Mülltonne unserer Demokratie, dort, wo längst auch schon unsere Verfassung gelandet ist.

Die SPD aber – und an ihrer Spitze der damalige Obersozialdemokrat Schröder – hat am 14. März 2003 im Bundestag mit ‘Standing Ovations’ dieser Entsorgung unserer Demokratie zugestimmt: der Vertreibung von Millionen von Menschen aus dem Geltungsbereich unseres Grundgesetzes. Ins Elend. In unser inneres Ausland.

http://hinter-den-schlagzeilen.de/2013/07/11/hartz-iv-elend-und-ausburgerung-im-eigenen-land/

Weisheiten in Kurzformat

Verbunden mit einem herzlichen Dankeschön an Holdger Platta möchte ich die mir überlassenen „Kürzest-Geschichten“ hier veröffentlichen.

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Holdger Platta ©

Über das Unglück

Der steinreiche Rothschild ließ einmal den alten Rabbi Yezzel zu sich kommen, denn der Ruf von dessen Weisheit war auch zu dem großen Bankier gedrungen. Rothschild zeigte sein großes Haus: die kostbaren Gemälde, die herrlichen Möbel, die teuren Gobelins, das wunder-bare Geschirr. Endlich sagte Rabbi Yezzel zu Rothschild: „Wie unglücklich mußt Du sein, um es so schön haben zu müssen.“

Dichten lernen

Kam ein Schüler zum berühmten Zen-Budhisten und Lyrik-Lehrer Ramsha  und fragte ihn: „Wie lange dauert es bei Dir, bis ich das Dichten gelernt habe?“ „Drei Jahre!“ antwortete der. „Und wenn ich mich anstrenge?“ „Zehn!“ erwidert Ramsha.

Hartz IV – Chemie in unseren Köpfen – Ein Artikel von Holdger Platta

Vorab: Auf diesem Weg ein herzliches Dankeschön an Holdger Platta, der mir einmal mehr „aus der Seele schrieb“
Eine Bitte an meine Leser: Nehmt Euch einfach Zeit für den ganzen Artikel.

Zitat
(…) Und die Wahlforschung belegt schon seit längerem: die wachsende Anzahl jener Menschen, die nicht mehr wählen gehen, nimmt insbesondere unter den Armen und Arbeitslosen zu. Beides – Zunahme des Nichtinteresses an Politik sowie steigende Nichtwählerzahlen – wird von Sozialforschern nahezu einhellig als Ausbreitung der politischen Apathie bezeichnet.

Und gut verstehen kann man deshalb, daß vor allem aktive MitbürgerInnern aus den sozialen Bewegungen sehr oft zutiefst enttäuscht sind, derartig erfolglos zu bleiben bei ihren Aktivierungsversuchen der Betroffenen (von ähnlicher Enttäuschung hört man aus der LINKS-Partei). Zuweilen steigert sich diese Enttäuschung sogar und wird zum moralisierenden Vorwurf an die Adresse der Hilfebedürftigen: „Ihr seid ja selber schuld, daß sich nichts ändert zu Euren Gunsten! Ihr kriegt ja nichtmal den Arsch mehr hoch, um wählen zu gehen!“ Nun, verstehen kann man auch diese Enttäuschung von Menschen – von MitbürgerInnen, die sich oft bis zum Umfallen abrackern, um die Verhältnisse für die Armen und Arbeitslosen wieder zu verbessern in der Bundesrepublik. Zustimmen kann ich diesen Kritikern aber nicht, wenn sie sich auf diese Weise diese Apathisch-Gewordenen und NichtwählerInnen vorknöpfen. Sie greifen damit Opfer, nicht die eigentlichen Täter, an.

Wahre Worte, Herr Platta

Genau diese Art der Enttäuschung (resultierend aus der durchaus verständlichen Erwartungshaltung der Aktiven) ist dann entsprechend auch ursächlich für den Rückzug Vieler aus dem Hilfespektrum.
Meiner Ansicht nach darf sich diese Enttäuschung nicht derart verfestigen, dass neutrale Hilfestellung nicht mehr gewährleistet werden kann oder will.
Dass man entnervt die Brocken hinwirft.
Oder gar – wie „Kampfrentner Dettie“ (Detlev Rochner) – nur noch einen letzten Ausweg sieht…

Auch hier kann ich nur einmal mehr an das Mitgefühl und die intellektuelle Einsichtigkeit der Aktivisten appellieren, trotz aller (vermeintlicher) Lethargie vieler Betroffener den „Stellvertreterkampf“ nicht aufzugeben.
Vergessen sollte mensch auch Eines nicht:
Kein Individuum gleicht dem anderen und was „wir Aktive“ vielleicht noch einigermaßen wegstecken, gereicht einem anderen Menschen bereits zum vollständigen Zusammenbruch.
Das Prinzip: „was ich kann, sollte der Andere auch können“ ist meiner Meinung nach gerade in der „sozialen Betätigung“ völlig fehl am Platz.

Zitat
(…) so haben einige Sozialmediziner und Sozialpsychologen doch mittlerweile etwas ganz anderes nachweisen können: die Tatsache nämlich, daß Armut und Arbeitslosigkeit seelisch erkranken lassen. Und zwar vor allem an Depressionen (…)
(…) Die biologischen Folgewirkungen der Depression
Hier ist nicht der Platz, das medizinisch-detailliert zu erläutern. Aber wenn man in dem Standardwerk zur Bestimmung seelischer Erkrankungen, dem Handbuch „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-III“, lesen muß: ein Hauptmerkmal depressiv erkrankter Menschen sei, „daß ihnen alles egal ist“: dann sollte das  auch in unserem Zusammenhang aufhorchen lassen. Und wenn sich an gleicher Stelle die Information findet, dass Depressionserkrankte nicht einmal mehr imstande sind, sich selber Hilfe zu suchen, und nicht selten sogar Hilfe von außen ablehnen, dann haben diese Diagnosen der Wissenschaftler eben auch eine politische Dimension!
der ganze, lesenswerte Artikel – klick –

Alte und neue Studien

Da der Originalartikel lang ist, möchte ich nicht allzu viel kommentieren. Ein Hinweis jedoch noch zu der depressiven Apathie:
Bereits 1933 erkannte man anhand einer Langzeitstudie die sozio-psychologischen Wirkungen von Erwerbslosigkeit  und  lieferte quasi den Beweis dafür, dass Langzeitarbeitslosigkeit eben nicht – wie vielfach vermutet – zum  Widerstand oder gar „Revolution“, sondern zu passivem Resignieren führt.
Der Name dieses Projektes aus Österreich ist

Die Arbeitslosen von Marienthal

Interessierte werden hierzu auch bei youtube fündig