Nützliches, Unnützes, Gedanken – Ein Rückblick auf 2013…

…aus meiner ganz persönlichen Perspektive

Ach herrjeh, noch ein Jahresrückblick 😉 wird jetzt manch ein Leser seufzen.
Ich kann es verstehen…dennoch ( und weil ein Blog ja eine Art Tagebuch ist ) schreibe ich jetzt in kalendarischer Abfolge nieder, was mich – unter Anderem – in 2013 bewegte – im Guten wie im weniger Schönen –

Januar

Die mir voreilig gestellte Diagnose Krebs hat sich als falsch erwiesen. Trotz meines Zornes über die oberflächliche und unsensible Art des Arztes war diese Fehldiagnose dennoch nützlich. Ich traf Vorkehrungen, vor denen ich mich seit Jahren drückte, ich beschäftigte mich intensiv mit Themen wie „Sinn des Lebens“, Tod, Wiederbegurt, Karma und stellte fest, dass mir der Tod als solcher keineAngst macht.
Eine der Fragen, welche ich mir stellte, war die, ob ich meine Organe spenden werde. Folgerichtig musste ich mich mit dem Thema „wann ist ein Mensch tot“ auseinandersetzen.Vieles, was ich über die Vorgänge rund um die Organspende las, erschreckte mich zutiefst.
Einmal mehr wurde mir klar, dass die Anbetung des Götzen Geld vor nichts halt macht, der Mensch, seine Würde, wird auch im Sterbeprozess noch häufig genug mit Füßen getreten, des schnöden Mammon zuliebe.Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, denn mit den eigenen Organen einem anderen Menschen zu helfen, ist eine nützliche Handlung, und doch entschied ich mich schlußendlich gegen eine Organspende.Im Buddhismus gilt eine andere Auffassung über den Zeitpunkt desTodes welche mit den Vorgehensweisen bei der Organentnahme aus meiner Sicht nicht zu verbinden ist.
Ein lieber Freund stand mir in dieser schwierigen Lebensphase wohltuend zur Seite, für ihn schrieb ich das Gedicht Dunkles Licht
Es sollte das letzte Mal sein, dass wir uns so „nahe“ waren…

Februar

Grau, kalt und düster kam der Februar daher. Der Alltag nahm seinen Lauf, die Ungerechtigkeiten – auch in Offenbach – zu. Eine liebe Freundin verzweifelte fast an ihrer Erwerbslosigkeit, eine zunächst vielversprechende Weiterbildungsmaßnahme erwies sich als Flop. Gegen die Offenbacher Sozial-Aktivisten vom SGB2-Dialog ging die MainArbeit mit Hausverboten vor, in schöner Regelmäßigkeit erreichten mich Hilfeersuchen bzgl. Problemen mit dem hiesigen Jobcenter.
Und Gustl Mollath sitzt noch immer in der forensischen Psychiatrie ein…

März

Hugo Chavez und Margret Thatcher sind verstorben. Bei letzterer hielt sich meine Anteilnahme durchaus in Grenzen…dennoch empfand ich die Hohn-und Spott-Abgesänge („Ding-Dong, the witch is dead“) als unfassbar gruselig.Eine derartige Verachtung, ein solcher Hass…nun, es gibt Dinge, die ich wohl nie verstehen werde…
Gestorben ist auch die Beziehung zu einem Freund, den ich sehr schätzte, der wie kaum ein zweiter mein Leben bereicherte. Verstanden – im Sinne von rationalem Nachvollziehen – habe ich die Aufkündigung dieser Freundschaft bis heute nicht…sind „falsch“ gewählte Worte wirklich unverzeihlich? Wenn ich es recht bedenke, war der Anlass eine Nichtigkeit. Ich litt sehr unter diesem (für mich völlig unvorhersehbaren) Bruch, habe aber die Aufforderung, alle Kontaktdaten zu löschen, sehr schweren Herzens respektiert und umgesetzt.

April

Die unterstützende Arbeit in Sachen „Hartz4“ nimmt ihren Lauf, wie schon Jahre zuvor auch. Und doch bemerke ich zunehmend eine Art „Ambivalenz“ in mir, wenn ich mich mit diesem Thema auseinandersetze. Vielleicht mitausgelöst durch Inge Hannemann vielleicht auch durch die Bekanntschaft mit einem so gar nicht „Rauh’en Gesellen“ 😉 in der MainArbeit Offenbach frage ich mich zusehends, ob und wie sich mein Menschenbild mit einer pauschalen Verurteilung ALLER Jobcentermitarbeiter vereinbaren lässt.
Ich musste feststellen, es passt nicht.
Somit beschloss ich, mit meiner Wut gegenüber den demütigenden und menschenverachtenden „Hartz4-Gesetzen“ künftig anders umzugehen.Wenn die „Gegenseite“ schwärzeste Pädagogik als probates Mittel versteht, mit Bedürftigen umzugehen, so ist das eine Sache. Mit gleicher Münze zu antworten, sollte künftig nicht mehr meine Sache sein. Einmal mehr griff ich nach „meinem Lehrbuch“  🙂   Walden 2 und versuche  seitdem, mit der (auch) dort geschilderten positiven Bestärkung zu „arbeiten“. In kleinen und kleinsten Schritten, aber nicht ganz erfolglos…

Mai

Tagesgeschäft Hartz-Beratung und immer neue, politische Schweinereien gegen den Menschen/die Menschlichkeit, wohin das Auge blickt.Meine „Ambivalenz“ aus April setzt sich fort, ich musste (!) diese Gedanken niederschreiben, bevor ich doch betriebsblind werde.Eine Auszeit in „meinem“ Kloster tat dringend Not…und entsprechend gut.
George Moustaki, ein Ausnahmekünstler, verstarb am 23ten.

Juni

Die Gentrifizierung blüht bundesweit, in Hessen sieht der amtierende Ministerpräsident keinerlei Notwendigkeit, sich für den Bau von mehr Sozialwohnungen stark zu machen und noch immer gibt es Misstände bei den Mietobergrenzen für bedürftige Offenbacher Bürger.
Die Wiederaufnahmeanträge von Gustl Mollath wurden abgelehnt, der Jenaer Stadtpfarrer König soll – auf Gedeih und Verderb – wegen Landfriedensbruchs und Aufwiegelung abgeurteilt werden…und auch in Ungarn ist man auf dem rechten Auge zusehends mehr und mehr blind.

Juli

Das Tagesgeschäft 😉 nimmt an Fahrt auf, ein junges Paar sucht um Hilfe, die junge Frau ist schwanger.
Es war ein Déja vu der obdachlosen Art.Und dieses Pärchen werde ich noch viele Monate begleiten…
Genau an meinem Geburtstag tritt Konstantin Wecker in Wertheim auf, es war ein phantastischer Abend zwischen Zärtlichkeit und Wut Am 26ten verstirbt ein ganz große Künstler: JJ Cale.

August

So viele Einladungen, allzu gerne hätte ich eine Auszeit genommen. Aber meine noch immer erwerbslose Freundin wartet  darauf, endlich ihre Prüfung zur Luftsicherheitskontrolletti 😉 abzulegen, der Termin kann täglich eintrudeln…und ohne Katzensitter kann ich nicht weg aus OF. Es ist eine harte Lehre in Sachen Geduld, denn eine Einladung ist gar aus Friesland, und was gibt es schöneres als die Nordseee bei herrlichstem Wetter?
Die Geschehnisse um „meine“ schwangere Obdachlose reißen nicht ab, fast täglich muss ich ran. Schwerstarbeit, aber dennoch von zügigen Erfolgen gekrönt. Zorn, gepaart mit Sachlichkeit, haben Wirkung und einmal mehr spüre ich, dass es richtig ist, die zuständigen Mitarbeiter bei ihrer Menschlichkeit zu packen. Lediglich der GF ist die altbekannt-emotionslose Amöbe, nur: An ihn wende ich mich ja auch nicht…

September

Über das Wahldesaster schreibe ich nicht, der deutsche Michel wird wohl noch einige Male wiedergeboren werden müssen, um zu begreifen, dass es nicht klug ist, als Schaf den Metzger zu wählen.
Einige meiner „Be-Beistandeten“ haben Hartz4 hinter sich gelassen, ich freue mich sehr darüber. Der Kontakt besteht dennoch weiterhin, das Schönste aber ist, dass sie nun ihrerseits ihr neu erworbenes „Wissen um Widerständigkeit“ 😉 weitergeben…für mich ein neuerlicher Beweis, dass sich alles gegenseitig bedingt.
Die Arbeit als solche aber reißt nicht ab…

Oktober

„Meine“ Schwangere erklärt mich kurzerhand zur Geburtshelferin und künftigen Oma 🙂 Gut, so bin ich auf meine alten Tage noch einmal Mutter einer Tochter geworden, es gibt wahrlich Schlimmeres.
Aus anderen Hilfsaktionen wuchsen neue Bekanntschaften, aus Hilfesuchenden wurden (fast) Freunde, die auch mich „einfach mal so“ fragen, wie es mir geht.Alte Freundschaften hingegen standen auf dem Prüfstand…und haben es überlebt.
Dem Grunde nach bin ich mit mir im Reinen, nur manchesmal fehlt es mir an Abwechslung…denn immer nur Offenbach geht mir gehörig auf den Keks.
Trotz dieser unschönen Gefühle weiß ich aber, auch sie sind nur eine weitere Schulung in Sachen Geduld. Wieder einmal kommt mir das Gelassenheitsgebet in den Sinn:

Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

November

Der Totenmonat, wie der Volksmund sagt.
Dieter Hildebrandt und Doris Lessing gingen von uns.
Und, um es mit Konstantin Wecker zu sagen: „Die Diktatur ist noch nicht ausgereift, sie übt noch…“ bereiten mir die europäischen Zustände (Spanien, Griechenland, Lampedusa, Ungarn ff) wie auch weltweite Entwicklungen zunehmend Sorge.
Auch in Deutschland scheinen sich die Enddarmbewohner der Wirtschaft rasant zu vermehren. Dennoch gibt es Anlässe, die Hoffnung machen, Mut geben…der „neue“ Pabst scheint den ursprünglichen Auftrag zu mehr Menschlichkeit ernst zu nehmen, erstmals fanden sich bundesweit zig-tausend Menschen als Gegner der „Hartz4-Sanktionen“ zusammen…
Vielleicht ein Anfang, ein Schritt hin zu mehr Mitgefühl?

Dezember

Ja, ich genieße die Adventszeit. Ich mag den Duft von von frisch gebackenen Plätzchen, ich liebe den Flitter und Tand der geschmückten Wohnung…
Den alljährlichen Konsumterror lehne ich hingegen strikt ab. Freude kann mensch auch mit kleinen Dingen bereiten: Sich Zeit nehmen für die Nöte des Nachbarn, Freunde einladen…es gibt vieles, womit man seinem Mitgefühl bzw. der Nächstenliebe Ausdruck verleihen kann.
Daher mag ich die Darstellung, dass „Weihnachten für Arme nicht machbar sei“, so auch nicht unterschreiben. Zu häufig wird in derartigen Diskussionen das „Fest der Liebe“ an Materiellem festgemacht.
Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass der Regelsatz viel zu niedrig bemessen ist. Insbesondere Kinder haben nun einmal „Wünsche an das Christkind“…
Nelson Mandela ging von uns.

Friede auf Erden…
…DER Weihnachtswunsch schlechthin. Wo aber beginnt Friede? Doch wohl zunächst im eigenen Inneren. Wie soll aber innerer Friede einkehren, wenn hasserfüllte (nicht wütende/zornige, das ist etwas völlig Anderes) Gedanken gehegt und gepflegt werden?
Es stimmt mich immer wieder traurig, wenn ich sehe oder lese, wie sehr Menschen an hasserfüllten, rachesüchtigen Gedanken festhalten.
Menschen, die vergeben/verzeihen für eine Schwäche halten und nicht bemerken, dass sie sich mit ihren negativen Gedanken dauerhaft selbst schwächen. Es ist eigentlich nicht schwer zu begreifen, dass ohne inneren Frieden niemals ein äußerer Friede einkehren wird.
Ich schrieb oft darüber… und lasse es seit geraumer Zeit sein. Denn die Erkenntniss, dass „Auge um Auge schlußendlich die Welt erblinden lässt“ (Ghandi) muss wohl in jedem selbst erwachsen, „beibringen“ kann man das offenbar nicht oder nur selten…
Daher schließe ich hier mit dem Wunsch, dass ein jeder von uns seinen inneren Frieden finden möge – der äußere folgt dann von selbst.

In diesem Sinne Euch Allen einen guten Start in’s neue Jahr